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Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
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Peeperkorn - Schweizer
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Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

                                                Hans Castorps „Porter“

Die Erkenntnis , dass Castorp rückwärts gelesen „Protsac“ bzw. „Brotsack“ heißt und auch Castorps Getränk „Porter“ ebenfalls über „ retroP(rotsac)“ zum Namen „Brotsack“ führt, wird noch durch eine merkwürdige Stelle im „Zauberberg“ erhärtet (S. 29, 9 – 33). (1)

Nach Castorps Ankunft auf dem „Berghof“ essen die beiden Vettern im Restaurant. Joachim beklagt sich, dass es nicht abzusehen sei, wann er hier wegkomme. Er könnte schon im nächsten Monat seine Offiziersprüfung machen.

 „ Ein Jahr spielt solch eine Rolle in unserem Alter, es bringt im Leben unten so viele Veränderungen und Fortschritte mit sich. Und ich muß hier stagnieren wie ein Wasserloch, - ja, ganz wie ein fauliger Tümpel, es ist gar kein zu krasser Vergleich…“

Sonderbarerweise antwortete Hans Castorp hierauf nur mit der Frage, ob man hier eigentlich Porter bekommen könne, und als sein Vetter ihn etwas erstaunt betrachtete, sah er, daß jener im Einschlafen begriffen war, eigentlich schlief er schon“
(S. 29, 21 – 29).

Im „Zauberberg“ wird der Porter damit begründet, dass Castorp „ein bißchen blutarm“ war und Dr. Heidekind diesem Getränk „blutbildende Wirkung“ zuschrieb (S. 50, 1 – 10; „total anämisch“: Behrens über Castorp S. 74,17 – 20). Castorp würde dann in eigenem Interesse nach Porter fragen oder den Porter als Gesundheitsmittel für Joachim in Betracht ziehen.

Nun „antwortet“ Castorp. Auf was bezieht sich diese Antwort? Eine Antwort sollte sich auf die Ausführungen Joachims beziehen, also auf seine Klage, dass er hier nicht wegkomme.

Darauf antwortet Castorp „sonderbarerweise“ mit der Frage nach dem Porter. Porter muss dann etwas mit „Wegkommen“ zu tun haben. Wo gibt es eine solche Verbindung?

Wenn Porter als „retroProtsac“ zu lesen ist, wie wir von Castorp aus das Wort „entschlüsselt“ haben, dann ist eine Verbindung zwischen Porter und Brotsack hergestellt. Der Brotsack bedeutet Wegzehrung bei einer Reise und ist militärischer Ausrüstungsgegenstand. Der „eigentliche“ (S. 29, 27 u. 29) Sinn von Castorps Antwort und Frage wäre dann: Kann man hier einen Porter/Brotsack für Joachim bekommen, der die Abreise ermöglicht und als militärischer Ausrüstungsgegenstand Joachim ins Soldatenleben (Offiziersprüfung) zurückbringt? Nun wird diese Frage nochmals wiederholt: „Ist nicht vielleicht Porter da?“ (S. 106, 3). So fragt Castorp für sich beim zweiten Frühstück des ersten Tages die Zwergin. Es ist kein Porter da, ersatzweise wird Kulmbacher Bier gebracht. Damit findet  auch die erste Frage Castorps nach Porter eine negative  Antwort. Es gibt auf dem „Berghof“ überhaupt keinen Porter. Bei der zweiten Frage Castorps braucht man ganz sicher nicht „Brotsack“ mitlesen, denn er selbst ist ja  „Brotsack“, also ein Mann, der als Besucher nach drei Wochen wieder wegkommt (S. 60, 27).

Das Wortspiel „retroProtsac“ erübrigt natürlich nicht die Frage, warum der Porter darüber hinaus für das „Wegkommen“ herhalten kann. Die folgende Überlegung bringt uns weiter: Behrens schiebt an unserer Stelle die Entlassung Joachims auf die lange Bank (S. 29, 14 ff.) Auch im Abschnitt „Schnee“ des Romans hätte Behrens Castorp nicht die Erlaubnis erteilt, eine Schneefahrt zu unternehmen (S. 713, 17 – 19). Bekanntlich macht sich Castorp trotzdem auf den Weg und nimmt einen „Portwein“ mit. Dieser wird „in flachen Fläschchen bereitgehalten und an Ausflüglern verkauft“ (S. 736, 2 f.). Die hier vorliegende Verknüpfung „Portwein – Ausflügler“ könnte auf die Verbindung "Porter – Wegkommen“ hinweisen, wenn Porter mit Portwein gleichzustellen ist. Wie der Porter wird auch der Portwein schon im Vorfeld eingeführt (S. 51, 25).

Führte uns die Schneefahrt auf das estnische Märchen „Die Galgenmännlein“, so gibt uns hier wiederum ein estnisches Märchen  einen Hinweis, nämlich das Märchen „Wie eine Waise unverhofft ihr Glück fand“. (2)

Dort gibt ein alter Mann  dem Waisenkind einen Brotsack und ein Lägel (Fässchen), deren Inhalt sich ständig erneuert,  für eine siebenjährige Wanderung zu einem mächtigen Berg.  „Das Lägel enthielt ein Getränk, das teils an Milch, teils an Met erinnerte und dem Knaben herrlich mundete.“ (Märchen S. 66, 21 ff.) Met ist ein alkoholisches Getränk aus vergorenem Honig, also Honigwein. Der Schritt zur Einführung des starken süßen englischen Malzbieres  „Porter“ und des dunklen süßen portugiesischen Weins „Portwein“  im „Zauberberg“ ist von hier aus  nicht weit. Beide Getränke führen die genetische Erinnerung an Reisen mit sich wie auch der Brotsack. Die Verbindung Brotsack / Lägel des Märchens zeichnet also das Wegkommen  mit Porter (retroProtsac) und Portwein (Ausflüglergetränk) im „Zauberberg“ vor und ist schon mit einer „siebenjährigen“ Reise verknüpft. Der Brotsack im Märchen geht in Castorp auf  und wird im Porter verdeckt. Thomas Mann findet hier vielleicht den Namen seines Romanhelden, ganz sicher aber das zu Castorp „passende“ Getränk.

Auch die Tatsache, dass Joachim von zwei Damen erzählt, die Tiernamen tragen (S. 28,30 Stöhr; S. 29, 4 Iltis) mag auf das Märchen zurückgehen (Märchen S. 66, 5 ff.). Frau Stöhr findet sich zudem in einer “Dose gesalzener Strömlinge“ im Brotbeutel wieder (Märchen  S.66, 19).  

Auch für den merkwürdigen Vergleich Joachims, dass er hier stagniere „wie ein Wasserloch, - ja, ganz wie ein fauliger Tümpel“ (S. 29, 24 f.; vgl. auch 498, 31 f.: Welt ohne Zeit; 27, 29 f.; 29, 32) kann das Märchen einen Interpretationshinweis geben. Lägel hängt etymologisch mit dem lat. “ lacuna“ = dt. „Lache“ zusammen. Der Vergleich könnte hier seinen Ausgangspunkt haben. „Stagnieren“ bedeutet, dass  Wasserloch bzw. Tümpel keinen Zu – und Abfluss haben, also jede Bewegung fehlt. Porter dagegen bringt Bewegung, signalisiert Aufbruch, ist Viatikum.

Auf dem Hintergrund des Märchens eröffnet der Porter (Portwein) weitere Interpretationsräume. Die Getränke erinnern an „Milch und Met (Honigwein)“ (Märchen S. 66, 22). Natürlich stellt sich sofort die Assoziation ein an „das Land, darin Milch und Honig fließt“ (2. Mose 3,8 u. 17) und die Frage, ob  diese „biblische“ Herkunft des Porters (Portweins) einen Niederschlag im „Zauberberg“ findet. Behrens wird dann zum Pharao („hart“ 2. Mose 7, 14; S. 29, 16), der den Exodus Joachims verhindert: Joachim wird von Settembrini "Giacomo" genannt (S. 780, 19 ff.), also "Jakob" (= " Israel ", 1. Mose 35, 10!). Wasserloch und Tümpel passen zur Geographie, Frau Stöhr kommt von der „Stätte Kanaans“ (Cannstatt S. 28, 31). Die „summende, pochende Dame“ (S. 28, 6 f.; 26, 10 – 19; vgl. auch Clawdia S. 322, 13 - 16; 316, 10 f.), die schon lange „nicht mehr in der Welt gelebt hat“, und der fast schon schlafende Castorp (S. 29, 28 – 33) unterstützen eine allegorische Deutung. 

 

Anmerkungen:    1.  Thomas Mann, Der Zauberberg, s. Anm. oben.

                               2.  In: Friedrich Reinhold Kreutzwald, s. Anm. oben, S. 64 – 69.

Veröffentlichung:  25.07.07

Autor:  Gerhard Adam

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