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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

                                                               Ellen (Elly) Brand

Man kann sich durchaus die Frage stellen, warum man in eine Untersuchung des Namens Ellen Brand eintreten soll. Bedenkt man, in welche Zeit der „Zauberberg“ hineingeschrieben ist, braucht es für die Wahl des Namens „Brand“ keine besondere Begründung. Auch sonst gibt es ungewöhnlich viele Stellen im Roman, die um „Brand“ und „Brennen“ kreisen.

Castorp widerstrebt es etwa, „Dinge(n) der geheimen Natur oder Übernatur“ (S. 997, 3 f.)persönlich an sich heranzulassen, dennoch „brannte er darauf“ (S. 997, 18 f.) Bei der Sitzung ließ man das Nachttischlämplein „brennen“ (S. 1001, 10 f.). Es wird später wieder „zum Brennen“ gebracht (S. 1009, 27 f.). Castorp will es bei „diesen wenigen Flocken Höllenfeuers“ (S. 1010, 26) anfangs bewenden lassen. Im Ordinationszimmer Krokowskis befindet sich ein „brennender“ Kamin (S. 1018, 28 f.). Das Zimmer der Sitzung erscheint  „im Rotlicht“ (S. 1026, 27). Der Gaskamin „strahlte Hitze“ (S. 1027, 10 f.). Das Licht erlischt zum „Rotdunkel“ (S. 1029, 22; 1030, 22; 1033, 19).  „Brandröte“ gehört zur Szenerie des Krieges (S. 1080, 22).

 Durch eine darüber hinausgehende Erklärung des Namens erhoffen wir uns einen Interpretationsgewinn für den Roman insgesamt.

 Die entscheidende Stelle soll im Wortlaut wiedergegeben werden. Wir befinden uns in der Vorphase der spiritistischen Sitzungen. Bei einem Gesellschaftsspiel  wird Elly vor die Türe geschickt. Sie soll  nachher die für sie ausgedachten Handlungen im Zimmer  ausführen.

Sie führte aus, was immer man ihr heimlich vorgeschrieben, führte es aus, sobald sie wieder eingetreten, mit sanftem Lächeln, ohne ein Schwanken, auch ohne leitende Musik. Sie holte aus dem Speisesaal eine Prise Salz, streute sie dem Staatsanwalt Paravant auf den Kopf, nahm ihn danach bei der Hand und führte ihn zum Klavier, wo sie mit seinem Zeigefinger den Anfang des Liedchens „Kommt ein Vogel geflogen“ spielte. Dann brachte sie ihn zu seinem Platze zurück, machte einen Knix vor ihm, zog einen Fußschemel herbei und setzte sich abschließend darauf zu seinen Füßen nieder, - genau so, wie man es sich unter vielem Kopfzerbrechen für sie ausgedacht“ (S. 994, 29 – 995, 7) (1).

Die volle erste Strophe des Liedchens lautet: „Kommt a (ein) Vogel geflogen, setzt sich nieder auf mein Fuß, hat a Briefle em Schnabel und vom Schätzle en Gruß“ (in jedem Volksliederbuch). Ellen Brand macht das, was im Volkslied vorgezeichnet ist: Sie setzt sich zu Füßen Paravants (auf einem Schemel) nieder.  

Sollte auch der „Vogel “ im zitierten Volkslied auf Ellen Brand selbst  verweisen?

 Ellen Brand führt in der Trance vogelartige  „sonderbar pumpende, vor – und rückwärts stoßende Bewegungen“ aus (S. 1023, 4 f.; 1028, 11 ff.; 1029,24; 1031, 24), ihr „ Kinn war zu kurz“ (S.993, 27). Aber entscheidend ist:  Ellen Brand kommt zu Paravant. Die schon früher aufgezeigte Erklärung des Namens Paravant als „Pia- Ra – Phant “ öffnet den Zugang zum Namen Ellen Brand. (2)

In der ägyptischen Mythologie ist der „Feuervogel“ Benu (später Phönix)  eng mit dem Kult des Sonnengottes RA verbunden. Nach dem Mythos setzt die aufgehende Sonne  (Sonnengott Ra) mit ihren Strahlen das Nest des Benu in Brand, wobei ein Ei in der Asche das Weiterleben ermöglicht. Hier liegt der Kern des Namens: Der Sonnengott Ra (Paravant) setzt den Vogel  Benu in  „Brand“, der sich aber immer wieder erneuert.  Eine solche Namensgebung, die an wiederholte oder einmalige berühmte Ereignisse anknüpft, ist nichts Ungewöhnliches. Der Name Brand  erschöpft sich also nicht  in schlichter  Hinnahme des Namens als „Zerstörung“, sondern schließt den Aspekt des Auferstehens, der Wiedergeburt in sich ein.  Die geschilderten „Geburtswehen“ Ellen Brands unterstreichen dies (S. 1026, 3 – 1032, 1). Dass die „Wiedergeburt des Militärs“ Ziemßen unglücklich verläuft, ist aus den  Zeitläuften erklärlich. Trotz der sympathischen Darstellung Joachim Ziemßens wertet der Roman  das Militärische eher ab (vgl. etwa S. 56, 10 – 15; 278, 20 ff.; 572, 9 – 23; 583, 16 – 24).

Eine andere Herkunft ist bei dem Vornamen Ellen (Elly) anzunehmen. Ellen (engl./dänisch Elly) geht auf Helena zurück. Helena ist im Mythos die Schwester  von Castor und Pollux und passt in den Roman:   Castorp und Ziemßen werden  von Behrens „Castor und Pollux“ genannt (S. 327, 9 f.). Helena führt uns in den trojanischen Sagenkreis und damit auch zum „Brand“ Trojas.

Schon früher wurde uns die Nähe der Göttin Pallas Athene zum Staatsanwalt  (Paravant) deutlich. Daran erinnert auch  unsere Textstelle.  Die Aufgaben für Elly Brand hat man sich nicht etwa „ unter vielen Mühen“ ausgedacht, sondern„unter vielem Kopfzerbrechen“.  Kopfzerbrechen ist „Zerbrechen des Kopfes“. Natürlich denkt man zunächst an die Technik der Mumifizierung in Ägypten: Spalten des Kopfes und Ausfüllen des Kopfes mit Salz und anderen Substanzen. Dass Elly Brand Salz auf den Kopf Paravants (Ra) ausstreut, könnte den Blick darauf lenken. Wichtiger ist allerdings zu sehen, dass hier eine Anspielung auf die Göttin Pallas Athene vorliegt: In der Mythologie spaltet Hephaistos den Kopf des Zeus und die Göttin Athene springt heraus, sie ist eine „Kopfgeburt“.  Mit Helena ist Pallas Athene über das Paris – Urteil (feindlich) verbunden.

 Nicht nur Pallas Athene, sondern auch  Aphrodite erscheint, eine Gönnerin Helenas. Auf die „dem Meer entstiegene“ Aphrodite weisen einige Stellen im Kontext hin: Castorp hat eine „leichte Seekrankheit“ (S. 996, 25; 1010). Sophie, die Schwester Ellens, hat „sonderbarerweise einen Kranz von Wasserrosen, schilfigen Mummeln, auf dem Kopf getragen …“ (S. 1000, 4 ff.). Ellen sitzt bei ihrer beruflichen Arbeit auf einem „Drehbock“  (S. 993, 14 f.): Der Bock ist ein der Aphrodite zugeordnetes Tier. Die Geheimnisse Ellens (Helenas)erfährt man „bis in die Concierge – Loge hinein“ (S. 998, 11): der „hinkende“ Concierge (S. 15, 21 – 30) könnte ein Hinweis auf Aphrodites Gatte Hephaistos sein. 

 Was verbindet nun die beiden Namen Ellen (Helena) und Brand (Benu)? Das Gemeinsame ist, dass sowohl Helena als auch Benu aus einem Ei geboren worden sind. Auf das „Ei“ werden wir öfters hingewiesen: Kurz vor dem Erscheinen Ellen Brands wird „die alte Streitfrage“ erörtert, „was eher gewesen sei: Das Huhn oder das Ei, …“ (S. 992, 26 f.). Krokowski wird gemeldet, „kraß Anormales liege vor, es sei eine Allwissende aufgetreten, eine Jungfrau mit Stimmen. – Ei, ei, und was weiter? Ruhe, meine Freunde! Wir werden sehen. Es war sein Grund und Boden, - schwankend und sumpfig – nachgiebig für alle, auf welchem er jedoch mit sicherer Sympathie sich bewegte. Er fragte, er ließ sich erzählen. Ei, ei, und da sehe einer! „So steht es also mit Ihnen, mein Kind?“ (S. 995, 31 – 996, 4). Diese Betonung des Ei ist nicht zufällig. Ellens Vater hatte ein Buttergeschäft (S. 993, 11). Ellen spricht Fleisch wie „Fleich“ aus (S. 993, 26).Sie streut Salz auf den Kopf von Paravant, das sie aus der Küche geholt hat. Ein Teller mit Mehl (S. 1019, 4) befindet sich auf dem Tischchen des Ordinationszimmers Krokowskis bei der Sitzung.

Schon früher haben Milch und Brot ein besondere Gewichtung erhalten (vgl. nur S. 105, 29: „Es schimmerte weiß im Saale vor lauter Milch“; „Brotsack“ Castorp, s. Beitrag oben).

 Der Name  Ellen Brand fasst so in allegorischer Form eine ganze Epoche zusammen: Es werden nicht nur die Zerstörungen im 1. Weltkrieg und  die Grundbedürfnisse der darbenden Bevölkerung in den Kriegs – und Nachkriegsjahren angesprochen, sondern auch die Hoffnung auf eine "Auferstehung". Ohne Zwang ist hier auch der Gedanke an die Kriegsgefangenen mit einzuschließen, wenn man die zweite Strophe des von Elly Brand gespielten Volksliedes dazu nimmt: "Liebes Vogel flieg weiter, nimm en Gruß mit und en Kuß. Schad, i kann die net begleite, weil i hierbleiben muß."

 Anmerkungen:

1.   Die Zahlen in Klammern (Seite, Zeilenangabe) verweisen auf Thomas Manns Der Zauberberg, Bd. 5/1(Textband) -2(Kommentarband) – M. Neumann - der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002.
Hervorhebungen durch Fettdruck vom Autor.

2.   Zu den mythologischen Einzelheiten www.wikipedia.de oder die gängigen Lexika der   Mythologie.

        Veröffentlichung:   13.02.08
        Autor:  Gerhard Adam

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