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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

                 Die „Geschichte von dem Sohn und Ehemann“ (Zb 302, 15 – 31)

 Diese Geschichte ist einer der konzeptionellen Schwerpunkte des „Zauberbergs“. Das biblische Gleichnis „Der verlorene Sohn“ (Lukas 15, 11 – 32) und Homers  „Odyssee“  10, 135 – 574, Kirke) werden hier miteinander verknüpft.

Settembrini erzählt Castorp: 
„Ich könnte Ihnen von dem Sohn und Ehemann erzählen, der elf Monate hier war, und den ich kannte. Er war ein wenig älter als Sie, glaube ich, - sogar schon etwas älter. Man entließ ihn probeweise als gebessert, er kehrte nach Hause zurück in die Arme seiner Lieben; es waren keine Onkel, es waren Mutter und Gattin. Den ganzen Tag lag er mit dem Thermometer im Munde und wußte von nichts anderem. „Das versteht ihr nicht“, sagte er. „Dazu muß man oben gelebt haben, um zu wissen, wie es sein muß. Hier unten fehlen die Grundbegriffe.“ Es endete damit, daß seine Mutter entschied: „ Geh nur wieder hinauf. Mit dir ist nichts mehr anzufangen.“ Und er ging wieder hinauf. Er kehrte in die „Heimat“ zurück, - Sie wissen doch, man nennt dies „Heimat“, wenn man einmal hier gelebt hat. Seiner jungen Frau war er völlig entfremdet, es fehlten ihr die „Grundbegriffe “, und sie verzichtete. Sie sah ein, daß er in der Heimat eine Genossin mit übereinstimmenden  „Grundbegriffen“ finden und dableiben werde.“ (Zb 302, 15 – 31). (1)

 Hier liegen die Merkmale eines biblischen Gleichnisses  vor. (2)

Es ist eine kurze Erzählung, die Vorgeschichte der Krankheit wird weggelassen. Nur das Wesentliche wird erzählt.  Die Dreizahl der Figuren bei Gleichnissen wird berücksichtigt, wobei Mutter und Gattin eine Einheit bilden. Die Gleichnisgeschichte ist einsträngig, sie haftet am Sohn, einem Antihelden. Die Erzählung bleibt völlig realistisch. Durch das Kommen des Sohnes, seinem Aufenthalt im Hause und  dem erneuten Weggehen ist die Erzählung in Szenen gegliedert. Die Figuren werden uns in direkter Rede vorgeführt. Auch  Wort – und Sprachstil ist gesucht: „Geh nur wieder hinauf“ – „Und er ging wieder hinauf“. Mit dem Sohn und Gatten „ist nichts mehr anzufangen“.  Er ist unnütz  (vgl. etwa das „Gleichnis von den anvertrauten Geldern“: Mt.25, 14 - 30; Mt. 13, 23 („keine Frucht“).

Der Adressat ist Hans Castorp. Er wird unmittelbar in das Gleichnis hineingenommen.  Der Sohn ist „schon etwas älter “als Castorp und ist „elf Monate hier“, also noch nicht einmal ein Jahr – Castorp ist  über drei Wochen hier (Zb 287, 4 f.; 288, 23; 293, 5 f.), mit der Aussicht auf mehr (Zb 281, 30 f.; 283, 25; 284, 17 ff.). Eine Argumentationsform in Gleichnissen,  - argumentum a maiore ad minus -, ist zu erkennen:   Wenn man schon durch den Aufenthalt oben dazu gebracht werden kann,  Mutter und Gattin  aufzugeben,  um wie viel  mehr dann Onkel  (drei Onkel Castorps: Zb 299, 22 ff.). Die Gefahr für Castorp, auf dem „Berghof“  zu bleiben, ist also schon deshalb groß, weil  er keine entsprechenden  höchstpersönlichen Verpflichtungen gegenüber seinen Onkeln hat wie einer Mutter gegenüber und einer Gattin.

Settembrinis Gleichnis ist paränetisch und prophetisch. 
Paränetisch (ermahnend) deshalb, weil die Zeit schon drängt und Gefahr im Verzuge ist:
Settembrini rät Castorp schon am ersten Abend zur Abreise (Zb 133, 19 – 28; 376, 2 f.).  Castorp ist zunächst „zu Besuch bei euch hier oben“ (Zb 136, 21). Schnell erfolgt die Eingewöhnung in die Welt des „Berghofs“:  „Hans Castorp war noch nicht zwei Wochen an Ort und Stelle, aber es schien ihm länger, und die Tagesordnung Derer hier oben, die Joachim an seiner Seite so dienstfromm beobachtete, hatte angefangen, in seinen Augen das Gepräge einer heilig – selbstverständlichen Unverbrüchlichkeit anzunehmen …“ (Zb 226, 8 – 12). Castorp setzt sich schon gedanklich gegen das Leben unten ab:   „…das Leben im Flachlande drunten, von hier gesehen“ erschien ihm „fast sonderbar und verkehrt“ (Zb 226, 13 f.). Der Kauf der Decken („Ich werde unten schon wieder Verwendung für sie haben…“: Zb 145, 29 f.), die Anschaffung eines Thermometers (Zb 256, 24 – 27) setzen äußere Zeichen. Nachdem er „ krankgeschrieben“ ist (Zb 278, 25; 280, 14 ff.),  beginnt Castorp sich  „als einer von euch“ zu fühlen (Zb 282, 13 ff.). Die „Regeln“ beobachtet Castorp „ganz genau“ (Zb 295, 33 f.).  „Es ist eine grausame Luft da unten, unerbittlich. Wenn man so liegt und es von weitem sieht, kann es einem davor grauen“ (Zb 301, 23 ff.)

Settembrini warnt Hans Castorp vor der Gefahr eines längeren  Hierbleibens, denn Castorp „kann ganz leicht dem Leben, der Lebensform, für die er geboren ist, verloren gehen“ (Zb 302, 5 f.). Castorp ist nicht der Mann, sein „ besseres Wesen hier zu behaupten,…“ (S. 377, 24 f.). Settembrini ergänzt also das Gleichnis mit dem ebenfalls aus biblischen Texten bekanntem „so wird es auch Dir ergehen“ (vgl. Mt. 12, 45). 

 Die Prophezeiung geht in Erfüllung. Castorp übernimmt die Argumentation des Sohnes in unserer Geschichte und bleibt auf dem "Berghof".

 Castorp ist „mit der Denkungsart der Leute da unten im Tieflande“ nicht einverstanden (S. 303, 9 f.) Wie ist da ein Leben möglich, „unausgeheilt, wo die Grundbegriffe fehlen und niemand von unserer Ordnung hier oben weiß und wie es zu halten ist mit Liegen und Messen?“ (Zb 531, 32 ff.;  657, 7 ff.; 662, 25 – 28; 633, 10 – 13 und 21 – 32; „Geist des Flachlandes“ Zb 655, 1; früh schon Joachim: „Man ändert hier seine Begriffe“, Zb 17, 16).

Castorp fühlt sich als „Mitglied  Derer hier oben“ (z.B. Zb 476, 33 – 477, 3). Die Zeit bringt eine identifikatorische Bindung mit sich.

Rechtfertigung („Entschuldigungskonto“, Zb 826, 24) für sein Hierbleiben ist, dass er „seine völlige Entgiftung“ abwarten will (Zb  636, 9 f.), „damit er nicht wiederzukommen brauchte: das war ausdrücklich, wie bei so vielen, der Sinn seines Verweilens“ (Zb 529, 28 f.; 586, 22 f.; 636, 1 f.; 376, 8 ff.). Castorp will „nicht wiederkommen“ wie der Sohn unserer Geschichte (und Joachim). 

 Die „Geschichte von dem Sohn und Ehemann“ verweist nicht nur allgemein auf die Form  biblischer Gleichnisse, sondern konkret auf das „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ (Lukas 15, 11 – 32) (3). Signalwörter sind „verloren“ (Zb 302, 6)  und „Sohn“ (Zb 302, 15).

 Schon beim ersten vergleichenden Blick fällt auf, dass eine Figur des biblischen Gleichnisses, der Vater, in unserer Geschichte fehlt. Es ist nicht der Vater, der den Sohn in der Heimat erwartet, sondern Mutter und Gattin. Geht man davon aus, dass der Sohn unserer Geschichte in seine wahre „Heimat“, nämlich auf den „Berghof“ zurückkehrt, wird man den Vater dort suchen. Die Rolle des Vaters maßt sich Behrens an: Auf die Mitteilung Castorps hin, dass der „Ausreißer“ Joachim wiederkomme, antwortet Behrens, dass er keinem etwas nachtrage, „er halte die Arme väterlich geöffnet und sei bereit, ein Kalb für den Ausreißer zu schlachten“ (Zb 756, 4 ff.; Lukas 15, 23). 

 

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