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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

     Spuren im „Zauberberg“: Gottfried Keller, Der grüne Heinrich (2. Fassung 1879/80)

Die Geschichte der kleinen Hujus (Zb 84, 1 – 32) lässt sich im Ansatz bei Keller nachweisen. (1) Dort ist es die kleine Meret (Meretlein, Emerentia), die „eine hartnäckige Abneigung gegen Gebet und Gottesdienst jeder Art zeigte, die Gebetbücher zerriß, welche man ihm gab, im Bette den Kopf in die Decke hüllte, wenn man ihm vorbetete, und kläglich zu schreien anfing, wenn man es in die düstere, kalte Kirche brachte, wo es sich vor dem schwarzen Manne auf der Kanzel zu fürchten vorgab“ (GH  37, 29 – 35; 711, 11 ff.). Im  „Zauberberg“ wird die Situation verschärft: Hujus liegt im Sterben und fürchtet die kirchlichen Vorboten des Todes. Die Reaktion ist dieselbe: Schreien (Zb 85, 21ff.) und Kopf unter die Decke (Zb 85, 32; 86, 19 f.). Die liturgische Attacke wird im „Zauberberg“ vom Flur her vorgetragen und militärisch illustriert (Zb 84, 21 f.: „marsch, marsch, im Geschwindschritt“): Es gibt eine Vorhut, Nachhut (Zb 84, 23 ff.), „klingendes Spiel“  (Zb 84, 16 f.: „Schellenbaum vor der Janitscharenmusik“: 111, 24), einen vorgeschobenen Beobachter, der die Lage sondiert (Zb 86, 1 ff.: Kopf im Zimmer). Dass  der Soldat Ziemßen (und nicht Settembrini) diese Geschichte erzählt und nicht Castorp und Ziemßen den Vorfall gemeinsam erleben (2), unterstreicht den militärischen Charakter des kirchlichen Unternehmens.

 Nicht nur die Kirche, sondern auch das Militär hat es mit dem Tod zu tun:Oh, sagte sie (sc. Witwe des Herrenreiters), das Kriegerhandwerk sei freilich auch ein Beruf, der zum Ernste anhalte, ein Soldat müsse damit rechnen, unter Umständen mit dem Tode in nahe Berührung zu kommen und tue wohl gut, sich frühzeitig an seinen Anblick zu gewöhnen“ (Zb 444, 31 – 445, 2). Der militärische Stand, so Castorp, muß immer „damit rechnen, es mit dem Tode zu tun zu bekommen, - mit dem ja letzten Endes auch der geistliche Stand es zu tun hat, - womit denn sonst. Daher hat der Soldatenstand die bienséance und die Rangordnung und den Gehorsam und die spanische Ehre, wenn ich so sagen darf, und es ist ziemlich gleich, ob einer einen steifen Uniformkragen trägt oder eine gestärkte Halskrause“ (Zb 571, 15 – 21). Folgerichtig gehört Naphta als Repräsentant der „militanten“ Kirche im Roman  dem militärisch organisierten Orden der Jesuiten an (Zb 616, 25 – 621, 14;  674, 13 – 676, 16). 

   Ein weiteres Motiv wird durch die Vorkommnisse bei Merets Tod gewonnen (GH 44, 13 – 45, 32). Das „Tödlein“ (GH  44, 33) erwacht im Sarg zum Leben und rennt nach Öffnen des Sargdeckels davon. Es „ist eine  große Schaar (sc. Kinder) dem Leichlein nachgelaufen und hat es verfolget und hintendrein ist noch der Schulmeister mit dem Bakel (sc. Stock) gesprungen. Es hat aber immer ein zwanzig Schritt Vorsprung gehabt und nicht eher Halt gemacht, als bis es auf dem Buchenloo angekommen und leblos umgefallen ist“ (GH  45, 12 – 17). Das Weglaufen vor dem Tode findet sich im „Zauberberg“ in der Geschichte von dem Manne, der zum Sterben festgehalten wird (Zb 87, 5 – 8). Sein Versuch bleibt im Anfangsstadium stecken. Auch der Herrenreiter probiert es: „Einen kleinen, unbesonnenen Versuch zu entwischen habe der Herrenreiter zwar zuletzt noch gemacht und aus dem Bett springen wollen; aber ein leichter Hinweis auf die Zwecklosigkeit solchen Beginnens habe genügt, ihn ein für allemal davon abstehen zu lassen “ (Zb 442, 11 – 15).

Die kleine Meret kommt noch an einer anderen Stelle im „Grünen Heinrich“ vor. Dorothea (Dortchen Schönfund: GH 717, 27 – 30; später Gräfin: 791, 15 – 792, 20), die eine Vorliebe für Friedhofsbesuche hat  (GH  691, 36 – 692, 6; 721, 15 - 21; 758, 26), liest dort die von Heinrich verfasste Geschichte über Meret (GH 711, 11 ff.). Diese Verbindung der Geschichte vom „Tödlein“ (GH 44, 33) und  Friedhofsbesuch Dorotheas wird im „Zauberberg“ weiterentwickelt: Jetzt besucht das „Tödlein“ selbst (Karen Karstedt) den Friedhof (Zb 485, 8 – 488, 5) und  Dorotheas „Pietät und Teilnahme“, die sie „für die Sterbenden und Toten“ hegt (GH, 721, 15 f.), wird in die nekrophilen Tendenzen Castorps eingeordnet.

 Eine solche Ausgestaltung des Motivs erfordert besondere Sensibilität und Vorbereitung. Zunächst empfiehlt Hofrat Behrens Karen Karstedt „der Charität der Vettern“ (Zb 476, 1). Der Friedhofsbesuch wird in seiner Bedeutung zurückgenommen durch eine Reihe von vorausgehenden Aktionen und Unternehmungen: Die Vettern schicken Blumen, besuchen Karen auf ihrem Balkon. Besucht wird eine Eislaufkonkurrenz, ein Bobsleighrennen, ein Bioskop – Theater und das Café des Kurhauses (Zb 476, 13 – 482, 9). Es erfolgt eine eigene Begründung des Friedhofbesuchs (Zb 485, 8 – 29). Ein erheiterndes Moment spielt auf Heinrich an: „Für die beiden männlichen Gäste wäre es wohl eine Gelegenheit gewesen, die Hüte abzunehmen, wenn sie welche aufgehabt hätten“ (Zb 486, 25 ff.; GH 686, 33 f.).      

 Emerentia heißt im „Zauberberg“  die Zwergin. Wie bei Keller (Meretlein, Meret) wird in der (einseitigen) Unterhaltung Peeperkorns mit der Zwergin (Zb 833, 4 – 834, 23) der Name Emerentia variiert (Rentia, Emchen, Renzchen;  Emerenzia: Zb 1036, 20). Emerentia „ war klein wie ein Kind mit einem alten,  langen Gesicht, - eine Zwergin, wie er (sc. Castorp) mit Schrecken erkannte“ (Zb 68, 32 ff.). Mit „ihrem großen, ältlichen Gesicht“ nickt sie Peeperkorn zu (Zb 833, 8 f.). Die Zwergin bedient gewandt  und ist ein „sonderbar raschfüßiges Wesen“ (Zb 121, 1 ff.; 106, 4 ff.) Die etymologische Ableitung des Namens Emerentia  bestätigt Alter und Funktionstüchtigkeit (lat. emerere). Ihre Eigenschaften finden sich in einer weiteren Figur des „Grünen Heinrich“. Ein Glasmaler erzählt die Geschichte von einem fremden Jungen, der sich unter die Gassenbuben mischte und auf den Märkten „am behendesten von allen“  stibitzte (GH  542, 10 f.). „Der Kerl war nicht größer, aber etwas stärker als wir, hatte ein sonderbares ältliches Gesicht, aber eine helle Kinderstimme, und als wir ihn einmal drohend fragten, wie er eigentlich heiße, nannte er sich kurzweg Jochel Klein. Nein, dieser Jochel war ein künstlicher Gassenjunge, nämlich eine klein gewachsene arme Witwe aus der Vorstadt, die nichts zu beißen und zu brechen hatte“ (GH  542, 22 – 28). 

 In beiden Romanen wird ausführlich von der Faschingszeit berichtet („Walpurgisnacht“: Zb 488, 6 – 520, 27; GH 297, 1 – 349, 6). Albin erscheint im „Zauberberg“  als „Der blaue Heinrich“ (Zb 496, 2; 509, 29). Dies war der Spitzname für den Taschenspucknapf (Zb 17, 31 – 18; 120, 25 f.). (3) Die Farbe „Blau“ ergibt sich aus der Farbe dieser Flasche und wird  bei der kurzen Beschreibung von Albins Maske stark betont: „ Die andere Maske (sc. Albin) erschien blau in Blau: mit blau gefärbten Lippen und Brauen, auch sonst im Gesicht und am Halse noch blau bemalt, eine blaue Wollmütze schief übers Ohr gezogen und bekleidet mit einem An – oder Überzuge aus blauem Ganzleinen, der, aus einem Stück gearbeitet, an den Knöcheln mit Bändern zugezogen und in der Mitte zum Rundbauche ausgestopft war“ (Zb 495, 25 – 31). Ebenso wird die Form der Flasche nachgebildet.

 Woher kommt aber der Name Heinrich?  Hofrat Behrens hat zwar blaue  Augen (Zb 73, 9) und blaue Backen (Zb 73, 12 f.), aber sein Vornamen lässt der „Zauberberg“  offen und wird mit dem Titel „Hofrat“ übergangen. Jeder Leser erkennt  in der Bezeichnung „Der blaue Heinrich“  freilich  eine Anspielung auf den Roman  „Der grüne Heinrich“ Gottfried  Kellers. Bekanntlich bekommt der „grüne Heinrich“ bei Keller seinen Namen, weil die Mutter die Kleider des Sohnes aus grünen Uniformstücken des Vaters schneidern ließ (GH 74, 26 – 75, 2). Nun gehört die Farbe „grün“ nicht nur zum Titel, sondern zieht sich durch den ganzen Roman. (4) Heinrich steht geradezu für die Farbe „Grün“ (vgl. z.B. GH  288, 30 f.). Die starke Betonung der Farbe Blau an unserer Stelle führt uns dazu, auch die hinter Heinrich stehende Farbe zu berücksichtigen: „Der blaue Heinrich“ wird dann „Der (Die) blaue Grüne“. Die blaue Flasche  wird mit „Heinrich“ um  den  grünen Inhalt erweitert. Albin ist der richtige Träger für den „gefüllten“ Taschenspucknapf: Er ist ein „Laffe“ (Zb 122, 9) und „müßte diszipliniert“ werden wegen seiner „grobe(n) Insubordination“ (Zb 126, 28 – 31), er ist ein „Windbeutel“ (Zb 1063, 14). Dass gerade Frau Stöhr die blaue Flasche als „Blauer Heinrich“ zu bezeichnen pflegte, unterstützt diese Interpretation. Sie tut es „mit einem so störrisch schamlosen Gesicht, daß es Hans Castorp jedesmal in der Seele entsetzte“  (Zb 224, 30 – 225, 1; vgl. auch Zb 120, 20 - 29). Mit einem „Reagenzglas mißfarbenen Inhalts“, dem Sputum Rosenheims, beschäftigt sich Hofrat Behrens. Rosenheim wird vorgeworfen, er habe auf der Promenade ausgespuckt. (Zb 754, 19 – 27).(5)

Die Zusammenstellung der Farben zu Blaugrün ist im „Grünen Heinrich“ schon vorgegeben.   Bei der Fahrt nach Deutschland befällt Heinrich „wie ein Zauber“ das Leuchten des Rheins „in einem so wunderbaren Blaugrün“,   und „das herrliche Funkeln der grünblauen Flamme des Rheinwassers“  war ihm „wie der Geistergruß eines geheimnisvollen Zauberreiches“  (GH  456, 12 – 31). Albin wird so  mit dem Rhein in Zusammenhang gebracht: Er erinnert an Alberich und die Rheintöchter. Auch Castorp fährt im letzten Teil seiner Reise, wenn auch in entgegengesetzter Richtung,  „von einem Gau des alten Alemanniens in den anderen hinüber, aus dem alten Schwaben in das alte Schwaben“  (GH  456, 26 f.). Er fährt zum „Zauberberg“.

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