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Beitrag 89 - Teil 1
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Beitrag 90
Beitrag 91
Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

Für Hans Castorp, „den Zivilisten, lagen die Dinge denn doch wohl anders“ (Zb 634, 28 f.). Trotzdem wird der über den Soldaten Joachim eingeführte Begriff „Desertion“ auch  mit seiner möglichen „Abreise“ in Beziehung gesetzt.

Settembrini schlägt ihm wiederholt  eine sofortige Abreise vor (Zb 133, 22 – 25; 376, 1 f.). Castorp wehrt sich dagegen mit einer  Metapher aus dem militärischen Bereich:  Er will nicht „die Flinte ins Korn werfen“ (Zb 376, 5; 134, 3). Denselben Ausdruck benützt Behrens gegenüber Joachim und wirft ihm damit „Desertion“ vor (Zb 629, 27 f.). Auch die Zurückweisung von Settembrinis Vorschlag erfolgt in militärischer Art: „Hans Castorps Haltung hatte sich nun gestrafft. Er hielt die Absätze geschlossen und sah Herrn Settembrini ebenfalls gerade an. Diesmal war es ein Gefecht. Hans Castorp stand seinen Mann“ (Zb 376, 27 ff.; vgl. Joachim: 629, 8 f.). 

 Der militärische Anflug Castorps überrascht uns nicht. Seine militärische Karriere ist ja schon im Namen Castorp angelegt („Brotsack“ ambivalent:  „Flinte“ und „Korn“) und führt ihn -  Joachim  gelang es nicht – auf das Feld der Ehre in den 1. Weltkrieg.  Das Bild des lübeckischen Kaufmanns  der Hanse erscheint, der „seine Flinte nicht ins Korn wirft“, sondern die Flinte nimmt, um sein Korn zu verteidigen. (7) 

 Hier stellt sich die Frage , wovon eigentlich Castorp (noch) desertieren soll. Ursprünglich war Castorp auf den „Berghof“  gekommen, um Joachim zu besuchen und auf Anraten seines Arztes Heidekind (Zb 282, 3 ff.). Beide Gründe bestehen nicht mehr: Joachim verlässt den „Berghof“ und Castorp ist (zunächst) von Behrens „gesund geschrieben“ („Sie können reisen“: Zb 631, 11). Castorps Krankheit  wird im Roman nicht glaubhaft gemacht. Man denke nur an die „emotionalen“ Diagnosen von Behrens und sein Eingestehen der jahrelangen Fehldiagnose.

Ein dritter Grund schiebt sich im Roman langsam nach vorne, in dem die Krankheit aufgeht (vgl. Krokowski: Zb 291, 18 – 28; 196, 13 ff.), nämlich Clawdia Chauchat („geb. Pribislav Hippe“). Schon bei den Unterredungen mit Settembrini wird sie erwähnt (Zb 133, 30; 376, 31). Joachim kann abreisen, „während ihm, dem zivilistischen Hans Castorp, die Abreise namentlich und abgekürzt gesprochen darum unmöglich schien, weil er auf Clawdia Chauchat warten mußte, von deren Rückkehr bei weitem noch nichts verlautete“ (Zb 634, 20 – 24). Mit Energie betreibt Castorp die  Änderung der  ersten „Diagnose“  von Behrens (Zb 635, 32 – 636, 10), wobei  auch Behrens  Chauchat im Blick hat (Zb 631, 32: „Ich bin kein Kuppelonkel“!). (8)

 Für Castorp „wäre es wirklich Desertion gewesen, die Gelegenheit zu ergreifen und wilde oder halbwilde Abreise ins Flachland zu halten, Desertion von ausgebreiteten Verantwortlichkeiten, die ihm aus der Anschauung des Hochgebildes, genannt Homo Dei, hier oben erwachsen, Verrat an schweren und erhitzenden, ja seine natürlichen Kräfte übersteigenden, doch abenteuerlich beglückenden Regierungspflichten, denen er hier in der Loge und am blau blühenden Orte oblag“ (Zb 634, 31 – 635, 6). (9)

 Neben Chauchat gehören zu den „ ausgebreiteten Verantwortlichkeiten“ auf dem „Berghof“ sicher Castorps „gute Werke“ an den Moribundi (Zb 467,8 – 16; 448, 2 ff.; 483, 20 – 484, 2; „ fromme(n) Unternehmungen“  : 483, 24 f.) auf seinem Wege zur Vision vom „Homo dei“.  

 Im Gespräch mit Chauchat gibt Castorp noch einmal die Gründe seines Hierbleibens an. Für ihn, den Zivilisten, „wäre es Fahnenflucht, zu tun, wie er (sc. Joachim), und partout, trotz Radamanths Verbot, im Flachlande so ganz direkt dem Nutzen und dem Fortschritt dienen zu wollen. Das wäre die größte Undankbarkeit  und Untreue gegen die Krankheit und das Genie und gegen meine Liebe zu dir, wovon ich alte Narben und neue Wunden trage…“ (Zb 902, 5 – 11). Für Chauchat ist Castorps Warten  freilich nur eine aufgedrängte Bereicherung (Zb 901, 13 – 20).

 An eine Desertion  von der Arbeit im Flachland denkt Settembrini und der skeptische Leser bei Castorps Ablehnung einer Abreise vom „Berghof“.

Settembrini stellt  die beiden Vettern  Naphta so vor: „Dies sei also der junge Ingenieur mit den drei Wochen, bei dem Hofrat Behrens eine feuchte Stelle gefunden habe, sagte er, und dies hier jene Hoffnung der preußischen Heeresorganisation, Leutnant Ziemßen. Und er sprach von Joachims Gemütsempörung und Reiseplänen, um hinzuzufügen, daß man dem Ingenieur zweifellos zu nahe treten würde, wenn man ihm nicht dieselbe Ungeduld zuschriebe, zur Arbeit zurückzukehren“ (Zb 567, 27 – 34). Konsul Tienappel kommt auf den „Berghof“ und will Castorp gleich mitnehmen (Zb 647, 29 – 33). Chauchat fordert ihn auf, zur Arbeit zurückzukehren (Zb 901, 27 ff.).

 Das Thema der „Desertion“ taucht auch bei Castorps Lieblingsplatten auf. Besonders hingewiesen wird auf „Carmen“, „auf deren Handlung er einmal sogar gesprächsweise – und zwar in einem sehr entscheidenden Gespräch – eine Anspielung gemacht hatte …“ (Zb 980, 33 – 981, 3). Bei diesem Gespräch mit Peeperkorn weist Castorp darauf hin, dass er wegen Chauchat „alles vergessen und mit allem gebrochen (habe), mit meinen Verwandten und meinem flachländischen Beruf und allen meinen Aussichten. Und als Clawdia abreiste, habe ich auf sie gewartet, immer hier oben gewartet, so daß ich nun dem Flachland völlig abhanden gekommen und in seinen Augen so gut wie tot bin“ (Zb 925, 21 – 26). Dabei fällt ihm José ein, der „vollständig entgleiste, ihr (sc. der Zigeunerin Carmen) alles opferte, fahnenflüchtig wurde“ (Zb 926, 1 f.). Castorp weiß am Schlusse nicht einmal mehr, wohin er reisen  könnte. Heimatlos auf dem „Berghof“ und  im Flachland „desertiert" Hans Castorp zu den Soldaten.  

  

Anmerkungen:

1. Die Zahlen in Klammern (Seite, Zeilenangabe) verweisen auf Thomas Manns Der Zauberberg, Bd. 5/1(Textband) -2(Kommentarband) – M. Neumann - der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002.
Hervorhebungen durch Fettdruck vom Autor. Abkürzung:  Zb
Ulrich Bräker, Lebensgeschichte und natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg, hrsg. von Samuel Voellmy, Vorwort von Hans Mayer; Diogenes  Taschenbuch 1993 (detebe-Klassiker 22662). Abkürzung: Brä.

2. Vgl. als „Paradox“  den kranken Arzt Behrens (Zb 202, 33), ferner den Patienten, der sich dauernd umbringen will (Albin).

3.  Vgl. Beitrag „Spuren  im Zauberberg“:  Gottfried Keller, Züricher Novellen (1878). Das Sinngedicht (1882). Martin Salander (1886).

4.   Vgl. das „Einhalten der Dienstzeit“ von Kaval-Ants (Hans) im „Galgenmännlein“ : Beitrag „Hans Castorp, in re Hans Brotsack“.

5.  Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier Fallgruppen und Romanfiguren aufgeführt:
Tod : Amerikanerin (Zb 23, 6); Barbara Hujus (84, 2); ohne Namen (87, 7); Student , der sich aufhängt (127, 6); Numismatiker (298, 29 – 32, fehlbehandelt); Herrenreiter  (434, 12); Reuter ( 448, 5 – 8); Fritz Rotbein ( 462, 5 f.); Leila Gerngroß  (462, 29 f.); Frau Zimmermann, die„Überfüllte“ (466, 24 f.); 1. Sohn Ferdinand „Tous les deux“ (466, 32); 2. Sohn Lauro (678,5.12) ; Dr. Blumenkohl  (544, 1); Ferge (649, 11); Karen Karstedt (677, 24 ff.); Joachim ( 811, 7); Peeperkorn (944, 26); Teddy  (1073, 4 f.).  Gesund entlassen: Ottilie Kneifer (135, 4 f.); Schwede (450, 20); belgischer Hauptmann (523, 13 f.); Miß Robinson  (544, 8 f.);  Zwangsweise: Anton Schneermann (231, 21 – 232, 3); Abreise aus Gründen der Gesundheit: Deutschrussin ( 297, 17). Entlassung probeweise: Sohn und Ehemann  ( 302, 15 f.). Unterbrechung / Verreist:  Clawdia Chauchat (525, 24; 529, 6); Zb 544, 14 f.: Großtante, Nichte, Marusja;   Relegation: Polypraxios, Ammy Nölting, Freundin  (Zb 627, 22 ff.); Wilde Abreise: Frau Salomon (542, 25 ff.; 708, 9) und andere (708, 6 ff.); „Strudel von wilder Abreise“ (wegen Krieg: 1079, 22 ff.);   James Tienappel  (661, 14). Auszug ins „Dorf“:  Settembrini ( 540, 10).

6.   „u.s.f.“ bei Bräker : Brä 44, 11; 45, 7; 46, 17; 65, 13; 81, 1;  87, 24;  168, 13; 102, 19; 151, 14; 155, 21.27; 157, 13.26; 158, 4.27.; 164, 1; 168, 13; 171, 12; 174, 13; 179, 26; 180, 17; 191, 1; 207, 12 („und s.f.“); 215, 28; 224, 16; 230, 7; 234, 7; 235, 27; 239, 13; 241, 11; 242, 11; 260, 26; 265, 26; 275, 5.25; 276, 9; 290, 19; 294, 14; 302, 13); „u.s.f.u.f.“:  65, 7 f.;  89, 23;109, 16; 131, 1; 161, 23; 236, 4; „u.d.g(l).“:   58, 20; 105, 19; 111, 20; 132, 19;142, 14; 152, 11; 156, 30; 159, 1; 161, 2; 164, 9; 197, 4; 198, 9; 201, 28; 222, 19; 244, 5; „z.E.“ (sc. zum Exempel) :  86, 3; 160, 30; 224, 13; 235, 23; 248, 11; 283, 1.

7.  Vgl. Beitrag „Hans Castorp, in re Hans Brotsack“. Zur Verbindung Handel („Brotsack“) und Kriegführung in Lübeck vgl. A. Graßmann, Lübeckische Geschichte, a.a.O., S. 368 und passim.

8.   Das „Votum“ (Urteil) wird im „Zauberberg“ vorbereitet: 127, 15 f; 133, 27 f.; Settembrini : 376, 26.; vgl. auch Ottilie Kneifer:  134, 21 – 26. Bräker geht von zwei (möglichen) „Voten“ aus: Verlängerung der Dienstzeit und Aufhebung  dieser Entscheidung durch den König. Dieser Notfallplan Bräkers wird im „Zauberberg“ zur „Realität“: Castorp will nach dem ablehnenden Votum ein Votum  zugunsten einer Verlängerung (Zb 631, 6 – 20). Auch formal lässt sich eine Ähnlichkeit feststellen:   Bräker führt ein „Selbstgespräch“ (Brä 167, 2 – 168, 8) und  spricht von einem möglichen Dialog mit dem König (Brä 168, 8 – 13). Im „Zauberberg“  findet sich die Kombination  „Selbstgespräch“ Castorps (Zb 633, 14 – 635, 6) und  „erzählter“ Dialog zwischen Castorp und dem Adressaten des „Widerspruchs“ Hofrat Behrens (Zb  635, 32 – 636, 15).

9.  Zur Bedeutung vgl.  Zb 589, 15 – 26 und Kommentar, a.a.O., S. 278 f. 

 Veröffentlichung:   04. 05. 09
Autor:   Gerhard Adam


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