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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

                      Spuren im „Zauberberg“: Leben des Benvenuto Cellini 
                     entstanden 1558 / 1566; Gesamtübertragung Goethe 1803

Benvenuto Cellini  wird im „Zauberberg“ genannt: „und eines Tages setzte sie (sc. Frau Stöhr) Herrn Settembrini in lang andauerndes Erstaunen durch die Mitteilung, sie lese zur Zeit ein der Anstaltsbibliothek entnommenes Buch, das ihn angehe, nämlich >> Benedetto Cenelli in der Übersetzung von Schiller<<!“ (Zb 452, 1 – 5). Angespielt wird hier auf „Benvenuto Cellini in der Übersetzung von Goethe“. (1)

Warum sollte das Buch Settembrini  „angehen“?

Da ist zunächst sein italienischer Name. Dies wird  durch die Verballhornung des Namens Cellini noch unterstrichen. Auch ist Settembrini Schriftsteller wie Cellini (Zb 174, 27; 242, 30; 303, 26).

Settembrini verbindet mit dem Goldschmied, Marmorbildhauer und Bronzegießer  Cellini die „plastische“ Sprechweise. So kritisiert der Bildhauer Cellini  die Plastik „Herkules“ von Baccio Bandinelli: „ Diese treffliche Schule (sc. Bildhauer in Florenz) sagt, wenn man dem Herkules die Haare abschöre, kein Hinterkopf bleiben würde, um das Gehirn zu fassen, und was das Gesicht betrifft, so wisse man nicht, ob es einen Menschen oder Löw – Ochsen vorstellen solle. Er sehe gar nicht auf das, was er tue; der Kopf hänge so schlecht mit dem Hals zusammen, mit so wenig Kunst und so übler Art, daß man es nicht schlimmer sehen könne. Seine abscheulichen Schultern glichen, sagt man, zwei hölzernen Bogen von einem Eselssattel, die Brust mit ihren Muskeln sei nicht nach einem Menschen gebildet, sondern nach einem Melonensacke, den man gerade vor die Wand stellt; so sei auch der Rücken nach einem Sack voll langer Kürbisse modelliert. Wie die beiden Füße an dem häßlichen Leib hängen, könne niemand einsehen; man begreife nicht, auf welchem Schenkel der Körper ruhe oder auf welchem er irgendeine Gewalt zeige“ (Cel  395, 23 – 396, 3).

Sowohl die Bezeichnung „plastisch“ für die Sprechweise Settembrinis (Zb 99, 1; 152, 3; 447, 18; 681, 24)  als auch die Einführung der  hässlichen Pietà im „Zauberberg“ (Zb 592, 16 – 595, 6) könnten auf den Goldschmied und Bildhauer Cellini zurückgehen (2). 

Cellini hat außerdem noch musikalisches Talent (Cel 31, 25 – 31).

Cellinis Vater will aus Benvenuto einen Musiker machen (Cel  23, 2 f.21 f.). Er lehrt Benvenuto das  Flötenspiel und Singen (Cel 21, 30 f.) und das Hörnchenblasen (Cel 25,7; 26, 33; 27, 6 f.; 28, 8 f.; 31, 1 - 4). Cellinis Vater ist selbst aktiver Musiker („Ratspfeifer“, Cel 22, 9 ff.) und verfertigt neben anderen Instrumenten „wundersame Orgeln mit hölzernen Pfeifen“ (Cel 21, 35).

Auch auf  diese musikalische Seite Cellinis kann die Musikergattin Stöhr (Zb 28, 31) Settembrini aufmerksam machen. Settembrini hat ein musikalisches Profil.  Er wird sehr oft als „Drehorgelmann“ bezeichnet (Zb 89, 5;  131, 16; 228, 5; 244, 22; 304, 14; 340, 11; 365, 18 f.; 468, 9; 588, 31 f.; 590, 10; 676, 18; 719, 29). Drehorgelmann und italienischer Name gehören zusammen (Zb 89, 5 f.). Seine fiktive Drehorgel hat statt „hölzerne (n) Pfeifen“  (Cel 21, 35) ein „hölzerne(s) Stelzbein“  (Zb 737, 28 f.) Überdies diskutiert Settembrini  mit Castorp und Ziemßen ausführlich über Musik (Zb 172, 26 – 175, 28).

Eine direkte Verbindung mit Cellini ergibt sich durch das Musikinstrument „Hörnchen“: Freilich hatte Settembrini  „gar kein Hörnchen, sondern nur eine Drehorgel, die auf einem Stelzbein auf dem Pflaster stand“ (Zb 736, 22 ff.). Trotzdem spielt dieses „Hörnchen – Motiv“  eine bedeutende Rolle im „Zauberberg“.

Settembrinis warnender Zuruf durch die hohlen Hände beim Beginn von Castorps Schneefahrt wird  dem Blasen eines Hörnchens gleichgestellt  (Zb 716, 4 – 7): 

„Kein Mann war hier, der Vorwitzigen auf einem Hörnchen Gefahr geblasen hätte, es sei denn, Herr Settembrini wäre dieser Mann gewesen, als er dem entschwindenden Hans Castorp durch die hohlen Hände zugerufen hatte. Dieser aber hatte Mut und Sympathie, er achtete des Zurufs in seinem Rücken nicht mehr, als er dessen geachtet hatte, der bei gewissen Schritten einst in der Faschingsnacht hinter ihm drein geklungen war. >>Eh, Ingegnere, un po‘ di ragione, sa!<<“  (Zb 719, 19 – 26; auch 729, 28; 736, 17.23). Nach seinem Rufen („Hörnchenblasen“) geht Settembrini „pädagogisch befriedigt nach Hause“ (Zb 716, 6 f.).

In Sylt warnt der Strandwächter „auf einem Hörnchen“  vor der Gefahr (Zb 718, 5 f.; 724, 11). Der badende Castorp kokettiert mit der ersten Welle („Begeisterungsglück leichter Liebesberührungen“, Zb 718, 10 f.). Die „Stellvertreter“ des  Hörnchen blasenden  Strandwächters sind bei der Schneefahrt  „Stangen, eingepflanzte Stöcke, Schneezeichen“ (Zb 724, 8 f.), die Castorp von  der freien Fahrt nicht mehr abhalten, „bis es sich nicht mehr um Schaumauslauf und leichten Prankenschlag handelte, sondern um die Welle, den Rachen, das Meer“ (Zb 718, 20 ff.).

In den Ausschnitten von „Carmen“, die sich Castorp anhört, hebt die Zigeunerin (sc. Carmen) höhnisch „die gerollte Hand an den Mund, um das Clairon nachzuahmen“ (Zb 982, 2 f.). José folgt schließlich den „spanischen Hörnern“ (Zb 982, 19) nicht, die ihn in die Kaserne rufen. Die Katastrophe beginnt.

Im „Zauberberg“ erscheint also das Hörnchen als „warnendes Signalhorn“. Erst von dieser Feststellung her ist es möglich, das ganz anders bei Cellini vorgegebene Hörnchen als "Urbild" zu erkennen.    

Bei Cellini  dient das Instrument dazu, seinen aufgenommenen Knaben Paulin aufzumuntern:
„Paulin war so glücklich geboren, der ehrbarste und schönste Knabe, den ich im Leben gesehen hatte, sein gutes Wesen, sein angenehmes Betragen, seine unendliche Schönheit, seine Anhänglichkeit an mich waren die gerechten Ursachen, daß ich so große Liebe für ihn empfand, als die Brust eines Menschen fassen konnte. Diese lebhafte Neigung bewog mich, um dieses herrliche Gesicht, das von Natur ernsthaft und traurig war, erheitert zu sehen, manchmal mein Hörnchen zur Hand zu nehmen. Denn wenn er mich hörte, so lächelte er so schön und herzlich, daß ich mich gar nicht mehr über jene Fabeln verwunderte, welche die Heiden von ihren Göttern des Himmels erzählten. Ja  gewiß, wenn er zu jener Zeit gelebt hätte, so würde er die Menschen ganz außer sich gebracht haben“ (Cel 48, 1 – 14). Die griechische Sage von Ganymed wird hier angesprochen (auch Cel 397, 2 – 8; 48, 1 – 14; 393, 12). (3).

Dass dies eine Textstelle ist, die natürlich das besondere Interesse Thomas Manns findet, ist jedem  Leser klar. Bei der Übernahme des Hörnchen – Motivs aus Cellinis Lebensbeschreibung  in den „Zauberberg“  wird das vorgefundene  „liebliche“  Musikinstrument in das warnende „pädagogische“ Signalhorn transformiert ( entschärft) und in das konzipierte pädagogische  Verhältnis Settembrini -  Castorp integriert. 

  Anmerkungen:

 

1.   Die Zahlen in Klammern (Seite, Zeilenangabe) verweisen auf Thomas Manns Der Zauberberg, Bd. 5/1(Textband) -2(Kommentarband) – M. Neumann - der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002.
Hervorhebungen durch Fettdruck vom Autor. Abkürzung:  Zb
Hinweis im Kommentarband, S. 237. In Schillers Zeitschrift „Horen“ erschienen zunächst Teilübersetzungen Goethes.
Leben des Benvenuto Cellini florentinischen Goldschmieds und Bildhauers, von ihm selbst geschrieben. Übersetzt von Goethe. Mit einem Nachwort von H. Keller, insel taschenbuch 525, Frankfurt am Main 1981. Abkürzung: Cel

2.   Weitere Beispiele für das „plastische“ Sprechen Cellinis: „Er (sc. der herzogliche Kassierer Lattanzio Gorini) antwortete mir mit seinem Mückenstimmchen, indem er seine Spinnenfinger bewegte“ (Cel 389, 26 ff.; auch 367, 29 f.); „ das verruchteste Schwein, das jemals zur Welt gekommen“ (Cel 397, 12 f.: über Bandinelli). 

3.       Auf Ganymed wird im „Zauberberg“ angespielt: Den Adler als „Jupiters Vogel “ erwähnt Peeperkorn (Zb 896, 6 f.). Zu „Ganymed“ vgl. etwa Hunger,Herbert: Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, 8. Aufl., Wien: Hollinek, 1988,  S. 171.

Veröffentlichung:  18. 05. 09
Autor:   Gerhard Adam

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