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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

 Spuren im „Zauberberg“:  Magister Laukhard, Sein Leben und seine Schicksale (1792/96)

Castorps Geschichte spielt „vor einer gewissen, Leben und Bewußtsein tief zerklüftenden Wende und Grenze“ (Zb  9, 28). (1) Auch bei Laukhard ist es eine Zeit des Umbruchs (Französische Revolution). Die Leser sehen ihn „als Schüler, Student, Kandidaten, Vikarius, Jäger, Lehrer am hallischen Waisenhaus, Magister, Soldaten, Emissär und Sansculott“ und Krankenwärter. (Lh 435, 4 – 8). (2)
Während eine Selbstbiographie in der Regel  zu höherem eigenen Ruhme dient, zumindest aber die Lebensbilanz per Saldo positiv ausfällt, verfolgt Laukhard eine andere Absicht:  „Ich habe bei meiner Biographie gar den Zweck nicht, dem Leser eine mitleidige Träne abzulocken und dem Publikum so was vorzuwinseln; nein, meine Begebenheiten sollen nur den Beweis erneuern: daß man bei sehr guter Anlage und recht gutem Herzen ein kreuzliederlicher Kerl werden und sein ganzes Glück ruinieren kann. Da wird nun vielleicht mancher, der das liest, vorsichtiger in der Welt handeln, damit er nicht auch anrenne, wie ich angerennet bin“ (Lh 83, 15 – 24; auch 239, 7 ff.). Die protreptische Funktion wird im „Zauberberg“ von Settembrini übernommen und damit in den Roman integriert. (3).  Nur wenige Leser werden freilich die Charakterisierung Laukhards für Castorp gelten lassen. Castorp zieht aber wie Laukhard im  Rückblick auf seine „Lebensjahre“ (Zb 924, 30 – 925, 27) eine negative Bilanz: „ich habe alles vergessen und mit allem gebrochen, mit meinen Verwandten und meinem flachländischen Beruf und allen meinen Aussichten. Und als Clawdia abreiste, habe ich auf sie gewartet, immer hier oben gewartet, so daß ich nun dem Flachland völlig abhanden gekommen und in seinen Augen so gut wie tot bin. Das hatte ich im Sinn, als ich von >Schicksal<.  sprach“ (Zb 925, 21 – 27). Auf den Punkt gebracht kann ma sagen: Laukhard ist „dem Leben aufgesessen“, Castorp  „dem Leben verloren gegangen“ (Settembrini:  Zb 302, 5 ff.).  

Dieser Hintergrund fordert dazu auf, konkreter nach Merkmalen zu suchen, die Laukhard als Quelle für den „Zauberberg“ nachweisen.
Um eine ungehinderte Entlassung aus Frankreich zu bekommen, braucht Laukhard ein „ Zeugnis, dass er in Altona geboren und getauft sei.  Dieser Brief war von Bispinks Hand (sc. seines väterlichen Freundes), aber unter erborgtem Namen und unter dem Schreiborte Hamburg. Halle als eine preußische Stadt hätte, wie er gedacht hatte, das Zeugnis für mich als einen preußischen Deserteur  verdächtig machen können“ (Lh 450, 15 – 20).

Die Stelle verdient unsere Aufmerksamkeit, weil wir die Örtlichkeiten aus dem „Zauberberg“ her kennen:  Castorps „ Ersatzmutter“ Schalleen ist aus (dem damals noch selbständigen) Altona (Zb 49, 23), Castorp aus Hamburg, Magnus aus Halle. Außerdem fährt Laukhard mit seinem  Pass in die Schweiz (Basel).

Altona wird also zum fingierten Geburtsort Laukhards. Ohne Zweifel wird Hamburg in ähnlicher Weise statt Lübeck zum Herkunftsort Hans Castorps „fingiert“. Dass Castorp (trotz seines Namens) von Hamburg kommt, weist Thomas Mann ebenfalls durch die „Taufe“ nach. Auch an die Franzosen wird  im Taufkapitel des „Zauberbergs“ erinnert:  Pastor Hesekiel hätten die Franzosen  beinahe erschossen, „weil er gegen ihre Räubereien und Brandschatzungen gepredigt hatte“ (Zb 39, 32 – 40, 2; vgl.  Lh 265, 19 - 23). Überhaupt wirken die Stellen über Hamburg (bewusst) aufgesetzt (z.B.  „Elbregulierung“: Zb 28, 12; „Hamburger“: 435, 15). (4)  

Die Gesellschaft auf dem „Berghof“ bewirft sich mit „Brotkügelchen“ (Zb 118, 4). Clawdia Chauchat dreht Brotkugeln (Zb 213, 15 ff.; 219, 29; 346, 20). Castorp kritisiert ihr Verhalten:
Fein ist das nicht. >> Es kommt darauf an, wer es tut<<, antwortete die Lehrerin.>> Clawdia steht es<<.“ (Zb 213, 15 ff.).
Bei Laukhard sind es im Jahre 1793 die reichen französischen Emigranten beim preußischen Heer, die sich diese Unart erlauben: 
 „Das schöne Roggenbrot, welches in Koblenz gebacken wird, wollte den edlen Herrn (sc. französische Emigranten) nicht behagen: die aßen daher lauter Weizenbrot, und nur dessen Rinde; die Krume kneteten sie in Kügelchen und benutzten sie zu Neckwürfen bei Tische. Andere warfen die Krume geradezu aus dem Fenster. Dies Benehmen hat jedoch selbst die Koblenzer geärgert; und ich dachte mehrmals: Nur Geduld! Es wird schon eine Zeit kommen, wo ihr weder Krume noch Rinde haben werdet! Das ist auch bald hernach eingetroffen.“  (Lh 248, 8 – 17)

Die Abhängigkeit beider Textstellen voneinander zeigt sich besonders darin, dass sie mit einer Bewertung abschließen: Bei dem Vorwurf an Clawdia ist das Werfen mit Brotkügelchen eine Frage der guten Manieren (vgl. „Türezuschlagen“), die Kritik an den französischen Emigranten zielt auf die existentielle Bedeutung des Brotes. (5)

Herr Magnus im „Zauberberg“ hält einen „völkerpsychologischen Vortrag“ (Zb 229, 11):
„Unser liebes Deutschland ist eine große Kaserne, gewiß. Aber es steckt viel Tüchtigkeit dahinter, und ich tausche unsere Gediegenheit für die Höflichkeit der andern nicht ein. Was hilft mir alle Höflichkeit, wenn ich vorn und hinten betrogen werde?“ (Zb 229, 12 – 16). 
Warum wird man eigentlich, wenn man höflich ist, betrogen?  Diese naheliegende Frage beantwortet der „Zauberberg“ nicht, wohl aber  Laukhard:
„Ich sagte einmal zu einem (sc. französischen Emigranten), daß er etwas zu teuer bezahlte. „Le Francais ne rabat pas“, (der Franzose zieht nichts ab), erwiderte er und gab sein Geld“ (Lh 248, 4 – 7). 

Halle, der Wohnort des Bierbrauerehepaars Magnus (Zb 642, 6 f.),  ist auch Lebensmittelpunkt Laukhards. Dem Bier gilt sein besonderes Interesse:  „Saufen und Besaufen ist der hallische Studenten Fehler nicht: das ist in Jena und Gießen Mode, in Halle herrscht, in Absicht des Trinkens, viel Dezenz. Das Bier ist hier nicht stark, und wer sich darin benebeln wollte, müßte eine gewaltige Portion zu sich nehmen“ (Lh 162, 4 – 9). 

 Nach Laukhard unterscheiden die Koblenzer zwischen den französischen Emigranten und den „schroffe(n), garstige(n) Preußen“, die „die französische Eleganz ganz und gar nicht“ hätten (Lh 244, 4 – 7). „ Ein hiesiges Frauenzimmer sagte mir (sc. Laukhard) einmal unter die Augen, daß ich in der feinen monde niemals meine fortune machen würde, weil mir das bel air fehlte. Aber statt über die richtige Bemerkung dieser Dame nachzudenken, fiel es mir nur auf, daß sie deutsch und französisch untereinander sprach“ (Lh 179, 5 – 10). Dies könnte eine Anregung für die sprachliche Form des längeren Gespräches zwischen Chauchat und Castorp an Fastnacht sein (Zb 508, 23 -  515, 33; 516, 26 – 520, 26). Der Dialog wird „deutsch und französisch untereinander“ geführt. Inhaltlich wird der   Unterschied zwischen Deutschen und  Anderen von Chauchat hervorgehoben:  Joachim ist „très étroit, très honnête, très allemand“ (Zb 508, 7 f.). „Mais c’est vrai, ihr seid ein wenig bourgeois. Vous aimez l’ordre mieux que la liberté, toute l’Europe le sait“ (Zb 508, 13 ff.).

Der „Jakobiner“ Laukhard und der Jesuit Naphta sind sich einig über die Notwendigkeit des Terrors:
„Also war der Jakobinismus allerdings ein Übel, ein schreckliches Übel, aber man muß, wenn man alles recht bedenkt, sagen, daß er ein notwendiges Übel war (sc. „zur ernsthaften Begründung einer gesetzlichen Freiheit für Frankreich“: Lh 384, 10 f.). Es ist gewißlich auch schwer, über den wahren Charakter und das wahre Verdienst oder Mißverdienst eines Marat, Robespierre oder anderer Terroristen zu urteilen. Sie mögen aber gewesen sein, was sie wollen – man muß ihnen das immer lassen, daß sie eine der Hauptursachen gewesen sind, daß die Republik Frankreich noch besteht“ (Lh 385, 2 – 12).

Das Ziel ist anders, das Mittel  gleich:
Seine(sc.des Proletariats) Aufgabe ist der Schrecken zum Heile der Welt und zur Gewinnung des Erlösungsziels, der  staats –und klassenlosen Gotteskindschaft“ (Zb 609, 8 ff.). Mit Recht wird hier von einem „Reflex auf Robespierre“ gesprochen, auf den bei  Laukhard namentlich hingewiesen wird (6).   

 Der vom „Zauberberg“ her bekannte außergewöhnliche Name „Schmitz“  (Zb 754, 26; 755, 2.5) steht schon in Laukhards Selbstbiographie (Lh 166, 27). 

 Anmerkungen:

1.  Die Zahlen in Klammern (Seite, Zeilenangabe) verweisen auf Thomas Manns Der Zauberberg, Bd. 5/1(Textband) -2(Kommentarband) – M. Neumann - der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002.
Hervorhebungen durch Fettdruck vom Autor. Abkürzung:  Zb
2.  Magister Laukhard, Sein Leben und seine Schicksale von ihm selbst beschrieben, hrsg. von Heinrich Schnabel, Martin Mörikes Verlag München 1912. Abkürzung: Lh
3.  Siehe  gleichnamigen Beitrag:  Die „Geschichte von dem Sohn und Ehemann“ (Zb 302, 15 – 31).
4.  Vgl. Beitrag:  Spuren im „Zauberberg“: Ernst Deecke, Lübische Geschichten und Sagen (1852). Vielleicht wählt Thomas Mann  Lübeck nicht als (echte) Heimatstadt Castorps , weil er  nach den Angriffen auf das „Lokalkolorit“ seines Romans „Buddenbrooks“  ironisch auf  Castorps  (und sein eigenes) „Emigrantenschicksal“ hinweisen will. Zudem folgt der „Schauplatz“ seinem erbosten Onkel Friedrich Mann aus Hamburg, der sich  noch 1913 in einer Zeitungsannonce über den  Nestbeschmutzer Thomas Mann  wegen den „Buddenbrooks“ (1901) beklagt hat. Abdruck der Annonce (Lübeckische Anzeigen v. 28. 10. 1913) in: „Lübeckische Geschichte“, herausgegeben von Antjekathrin Graßmann, 4. Aufl. 2008, Verlag Schmidt – Römhild, Lübeck, S. 683.
5.  Brotmangel  bei  den Soldaten (Lh 271, 5;  281, 21; 282, 12. 30; 283, 3.12.2233.; 284, 14).
6.  Vgl. Kommentarband, S. 288.

Veröffentlichung:  23. 08. 09
Autor:  Gerhard Adam
 

 

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