Inhaltsverzeichnis
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Beitrag 90
Beitrag 91
 Beitrag 92 - Teil 1
Beitrag 92 - Teil 2
Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

                                                Spuren im „Zauberberg“ : Friedrich Huch, Peter Michel (1901)

An der Geschichte von der kleinen Hujus (Zb 84, 1 – 86, 32), die die „letzte Ölung“ bekommt, lässt sich nachweisen, dass Thomas Mann den Roman „Peter Michel“ als Quelle benützt hat.
(1)

Tante Olga setzt ihr Haus in Brand mit dem „Öl der Lampe“ und wird mit Mühe gerettet (PM 154, 8 – 20). Am nächsten Tag  liegt sie fieberkrank im Bett: „ Frau Michel (sc. ihre Schwägerin), welche sie aus Pflichtgefühl bei sich aufgenommen hatte, lief oft ein kalter Schauer über die Glieder, wenn das kahlköpfige Fräulein sich plötzlich funkelnd emporrichtete, einen schwarzen Pastor aus einer Ecke hervorzitierte oder unvermittelt mit tiefer Männerstimme ungesehene Armeen kommandierte. Dann schrie sie auf einmal: Hui, das Öl. Hui hui hui hui hui hui hui! Schnalzte mit der Zunge, schlug mit den Armen und blies mit vollen Backen, bis ihr die Augen aus dem Kopfe quollen und sie sich jählings in das Bett zurückwarf (PM 154, 25 – 155, 6).

 Der kreative Einfall liegt in der Assoziation Öl – letzte Ölung. Sie liegt freilich nahe: Tante Olga ist an religiösen Fragen interessiert, sie missioniert mit ihrem atheistischen Büchlein (PM 18, 2 – 18; 61, 5 – 21; 65, 24 – 28). Auf den Pastor wird hier schon hingewiesen. Pastor und Militär („Armeen“) werden im „Zauberberg“ zu einer kirchlichen Attacke vereint. (2)

 Nahe dieser Stelle wird in Huchs Roman die erste Begegnung Peter Michels  mit Ottilie geschildert (PM 155, 30 – 157, 20). Bei dem  Antrittsbesuch  glaubt  Peter Michel, die Frau des Schulrektors  sei seine frühere Freundin Liesel. (PM 156, 15 f.) Ottilie hat große Ähnlichkeit mit Liesel (PM 158, 3 – 17) und stammt, wie sich später herausstellt, aus demselben Ort (PM 171, 12). Auch der Vorname Ottilie ist noch einzuordnen (PM 158, 18 - 24). Ottilie „sah Peter an, als ob sie ihn schon kenne“ (PM 156, 2 f.), errötet (PM 156, 8.; 157, 19). In Ottilies „Augen stand unverhohlenes Wohlgefallen“ (PM 156, 18 f.). Beide sind verwirrt (PM 156, 9. 15; 157, 19 f.).  Bei einem Spaziergang in einer Allee klärt sich der wahre Sachverhalt auf (PM 173, 2 – 175, 30): Frau Ottilie ist nicht Liesel.

Trotzdem spricht Peter bei seiner späteren  Hochzeit mit Tinchen davon, dass er nur Ottilie und Liesel geliebt habe: „Aber das ist ja eigentlich dasselbe“ (PM 318, 23; „Liesel – Ottilie: PM 193, 4). 

Nun hat das Doppelbild Liesel / Ottilie natürlich eine andere Qualität als Hippe / Chauchat. Es ist zunächst zu fragen, inwieweit Liesel und Ottilie Vorbilder für Chauchat sind.

Merkmale Chauchats lassen sich in der Charakterisierung Liesels bei Huch  finden: 

Liesels Lebensweise wird  so geschildert: „ Liesel führte in aller Stille eine gänzlich außermoralische Lebensweise, sie griff zu, wo etwas zuzugreifen war, und genoß, wo sie genießen konnte. Dabei hatte ihre Ursprünglichkeit und Natürlichkeit nicht das mindeste verloren, und alles, was sie tat, geschah so, daß im Grunde niemand dagegen hätte etwas einwenden dürfen, denn sie tat nur Selbstverständliches“  (PM 210, 23 – 30). “ Ich tue, was ich mag, und kümmere mich nicht darum, ob das gut ist oder schlecht“ (PM 229, 11 f.).                                                                                                                                                                                                                                                

Chauchat liebt ihre Freiheit, sie ist besessen von ihrer Unabhängigkeit. Sie nützt die Krankheit aus  (Zb  512, 27 – 31; 529, 7; 535, 15). Moral darf man ihrer Ansicht nach nicht in der Tugend suchen, sondern im Gegenteil (Zb  515, 23 – 32). „Il nous semble qu´il est plus moral de se perdre et même de se laisser dépérir que de se conserver“ (Zb 515, 28 f.;  842, 32 ff.).

Liesel und Chauchat haben denselben Gang:  Liesel ist „geschmeidig wie eine Katze“ (PM 216, 26), Chauchat schleicht “wie ein Kätzchen zur Milchschüssel “ (Zb 207, 21; 534, 11; 828, 23; 837, 22).

Für ihren täglichen Auftritt muss Chauchat immer zu spät zum Essen kommen. Auch dies ist eine Eigenart Liesels (PM 207, 13).

Chauchat ist Russin und kommt aus Daghestan.

Liesel
verlässt Ihren einfältigen Mann namens Treuthaler (ein „Esel“: PM 274, 14; „Kamel“: PM 278, 3; „Schafskopf“: PM 283, 18.25.26.27) mit seinem Geld und ihrem Freund (PM 279, 4 f.) und geht an ein Varietétheater. Sie legt sich den russischen Namen Nikita Schlimpinska zu. Schon früher sind wir bei der Erklärung des Namens Clawdia Chauchat auf die Rahmung „cat – walk = Laufsteg“ aufmerksam geworden (3) Der „Laufsteg“ könnte eine Reminiszenz an  das  „Varietétheater“ sein, Liesels russischer  Namen  Thomas Mann veranlasst haben, die Romanfigur Chauchat zur Russin zu machen und „physiognomische Studien“ an russischen Tänzerinnen zu betreiben. (4)

Von Huch her lässt sich auch erklären, warum Chauchat aus der Landschaft Daghestan kommt.

Liesels Ruf ist denkbar schlecht: Sie ist ein „Schandweib“ (Ehemann: PM 288, 4.7), eine „Dirne“ (Vater: PM 285, 19), ein „verworfenes Wesen“ (Selbsteinschätzung: PM 316, 15). Peter hat einen Traum, „daß sie (sc. Liesel) ihn lachend und im Scherz in den Abgrund hinunterstieß“ (PM 209, 22 f.). Besonders mit dem Couplet „Ach, was bin ich für ein Esel“! (sc. Treuthaler) wird Liesel  auf Kosten ihres geschiedenen Ehemannes „in Fachkreisen“ berühmt (PM 285, 28 – 287, 5). (5) Ottilie tröstet Peter: „Für Sie, Peter, ist’s ein Glück, daß sie Sie nicht genommen hat. Sie würde Ihnen nur das Leben schwer gemacht und Sie nie verstanden haben“ (PM 280, 18 – 21). 

 Von Chauchat hält Settembrini so wenig wie von „Parthern und Skythen“ überhaupt (Zb 339, 25 – 30; Warnung: Zb 504, 2 f.; gegenseitiges Verhältnis:  878, 10 – 879, 3.7). Auch Naphta teilt mit Settembrini die „Mißstimmung des Erziehers“ gegen eine Frau (Zb 879, 23 f.). Castorp urteilt anfangs über Chauchat: „Wenn ich sie mir so ansehe und diese Unmanier mit dem Türewerfen … ich halte sie für keinen Engel, das nehmen Sie mir, bitte, nicht übel, ich traue ihr nicht über den Weg“. (Zb 210, 31- 211, 1; auch 219, 20 - 220, 7).

 Das „Türewerfen“ ist zur Erklärung des Namens Chauchat  in einem früheren Beitrag  schon herangezogen worden („show“ und „shut“). (6) Der weitere Teil des Zitats bringt uns nun die Lösung, warum Clawdia Chauchat  gerade aus Daghestan kommt. Daghestan heißt: „ Da gehst an“, also etwa in dem bekannten Sinne: „ Einer solchen Frau kannst du nicht trauen, da gehst (du) an“.
Auch die Schilderung der Landschaft Daghestan und ihrer Menschen macht diesen Sinn glaubhaft (Zb 210, 15 – 28):

-          Daghestan liegt „hinter dem Kaukasus, einer so wilden, entfernten Gegend“.

-          Die Beamten dort sind „im höchsten Grade bestechlich“.

-          Der Ehemann Chauchats „geht an“, weil Chauchat vielleicht Daghestan nicht gefällt und sie „geradezu immer in Sanatorien“ lebt  (Zb 210, 6 – 13; 844, 24 – 27).

Liest man zudem den Fischnamen „Stör“ und „Imbiß“ (Zb 210, 27 f.), denkt man natürlich an Frau Stöhr mit ihren Fischgerichten. Unter dem Stichwort  „Daghestan“ bekommt auch sie noch die entsprechende Qualifizierung (vgl. etwa Zb 230, 17 - 231, 2). 

Daghestan ist also nicht beliebig gewählt, sondern  charakterisierender  „Beinamen“ Chauchats:  Chauchat ist eine Frau, bei der man „angeht“. (7) Wenn das richtig ist, dann liegt in der einfachen Herkunftsbezeichnung Daghestan schon die Liebes – und Lebenstragödie Castorps beschlossen.   

 Nun  macht Chauchat von sich aus nichts, um gerade Castorp „angehen“ zu lassen. Sie ist sozusagen nur da als „anmutige(r) Person“  (Zb 643, 10) und wird dabei „Opfer“ der Castorpschen Wiedererkennung Hippes.  Für Chauchat ist es Wahnsinn (Zb 518, 1; „Narr“: 844, 9). Es sind seine, nicht ihre Interessen (Zb 514, 3 f.; 901, 13 - 20).  Chauchat „erleidet“ ein ähnliches Schicksal wie Ottilie, in der Peter Michel Liesel wiedererkennen will. Für beide ist dieses Erlebnis nicht existentiell, sondern eine „aufgedrängte Bereicherung“.

Die Versuche von Clawdia und Ottilie, ihre Liebhaber in die richtige Bahnen zu lenken (Clawdia: Zb 901, 27 ff.), scheitern: Ottilie schickt Peter auf eine Reise zu Liesel (PM 202, 12 f.). Liesel will Peter nicht. Chauchat reist selbst weg. Möglicherweise kommt sie wieder. Sie erwartet aber, dass Castorp dann schon längst weg ist (Zb 512, 33). Chauchat reist ab (Zb 511, 28) – vielleicht nach „Daghestan“ (Zb 512, 19 f.).  Castorp wartet und geht an: Chauchat kommt lange nicht zurück und dann noch mit Peeperkorn.

In der „androgynen“ Romanfigur Liesel könnte auch schon Hippe angedeutet sein:

Liesel malt allen Damen in einem Bilderbuch Bärte an. Peter hält das nicht für richtig (PM 43, 7 – 11). Anschließend wird die Männlichkeit des Kantors betont (PM 43, 11 ff.).

Nikita ist in erster Linie ein russischer Jungenname.

„Das Liesel“ (PM 46, 12; 87, 1) spielt auf der Bühne eine Hosenrolle: „ Sie trat im Herrenkostüm auf, mit einem altmodischen Zylinder, mit einem martialischen Schnurrbart und breitem Männerbauch“ (PM 285, 29 – 286, 2). 

 Berührungspunkte ergeben sich zwischen Hans Castorp und Peter Michel:

 Peters Verhältnis zu seinem Großvater wird geschildert (PM28, 1- 8). Sein Tod „erschütterte ihn, ohne daß es ihn schmerzlich traf. Er dachte fortwährend: wie er wohl aussieht, und ob ich ihn noch einmal sehen werde?“  (PM 84, 29 – 85, 2). Peter sah ihn dann nicht mehr aus Furcht (PM 85, 7 ff.). Im „Zauberberg“  betrachtet der kleine Hans Castorp den toten Großvaters (Zb  47, 17 – 20) zwar „mit natürlicher Betrübnis“, aber auch mit „kindlicher Kühle“ (Zb 45, 24 – 46, 8).

In das Bett seines verstorbenen Großvaters  will Peter nicht liegen (PM 86, 5). Castorp legt sich in das Totenbett der Amerikanerin (Zb 23, 6 ff.; 32, 31 – 33, 2).

Peter hat schon als Kind  keinen eigenen Willen (PM 140, 30 f.) Peter ist von einer „unendlichen Gutmütigkeit und Arglosigkeit“ (PM 45, 21). Frau Kantor, die Pensionsmutter, teilt der angereisten Mutter Peters mit, „daß er ein grundguter Junge sei, und daß es bis zum Erwachsensein wohl noch eine gute Weile haben werde. Er entwickele sich langsam; sie fürchte, er würde später einmal nicht leicht durchs Leben kommen. Sie hoffe auf die Zeit der Universität, wo er gezwungen wäre, selbständig zu handeln, wodurch er eine gewisse Festigkeit der Welt gegenüber gewinnen würde“ (PM 50, 7 – 14).Peters „mangelhafte Energie“  lässt ihn zögern, „einen entscheidenden Schritt zu tun“ (PM 210, 5 ff.).

Peter gesteht Liesel seine Liebe zunächst nicht (PM 200, 25 ff.). Hans Castorp hat zu Pribislav Hippe ein „stilles“ Verhältnis (Zb 186, 15). Auch er bekennt sich nicht zu seiner „Freundschaft“ (Zb 185, 18 ff.).

Castorp hat eine „hübsche, wenn auch leidenschaftslose Begabung für Mathematik (Zb 54, 26 f.) und macht die Schule durch.  Der Kantor vergewissert sich bei  Peter vor dem Beginn der Universität, dass er sich dem Fach Mathematik „also wirklich mit Leidenschaft“ widme.  Peter bejaht unsicher (PM 75, 22 - 25.). Castorp ist so unsicher wie Peter: Er hätte „sich ebensogut anders“ entscheiden können (Zb 55, 3). 

Einige weitere Beobachtungen seien angefügt:

 Peter trägt Liesels Mappe (PM 46, 25). Ferdinand Wehsal trägt  Castorps Paletot (Zb 643, 20 f.; 644, 18 ff.; 836, 1 – 6; 869, 32  - 870, 2).

 Liesel  hat ein Buchzeichen zum Abschied Peters verfertigt, das aber noch nicht fertig ist: Es fehlt beim Namen „Peter“  noch der eine Buchstabe „r“. Sie stickt ihn noch schnell hinzu (PM 78, 16 – 28). Im „Zauberberg“ vergisst Holger den Buchstaben „e“ bei „Dichtr“, fügt ihn aber dann dazu (Zb 1004, 5 ff.). Ein Dichter sollte nach Meinung Frau Michels ihr untalentierter Mann werden (PM 150, 16 f.). 

„ Der Hügel mochte nicht sehr hoch sein, aber von oben hatte man doch eine gute Aussicht. Da sah Peter, daß die Stadt viel größer war, als er gedacht hatte; weithin dehnten sich die Häusermassen, und weit umher Flachland, unendliches Flachland“ (PM 104,6 – 10) (8) 

 In Huchs Roman holt ein Vatermit feinen Worten“ seinen „feinen“  Sohn (PM 48, 8) in eine bessere Pension ab. Dieser ist überrascht,  obwohl er darum gebeten hatte (PM 62, 23 – 63, 23).  Später nimmt dieser „feine, vornehme(r) Herr“ seinen Sohn, der sich als Student mit dem Mädchen Fanny aus der Nachbarschaft eingelassen hat, mit sich: „Hals über Kopf mußte er (sc. der Sohn) abreisen“ (PM 107, 5 f.). Dieses Motiv „Abholung eines Pensionärs“ übernimmt Thomas Mann und verändert es:  Eine Mutter holt „mit ein paar Ohrfeigen“ ihren überraschten  Sohn (Anton Schneermann), der  im Sanatorium „in Baccho et ceteris“ lebt, gegen seinen Willen nach Hause (Zb 231, 19 – 232, 3).

 Tante Olga erscheint zur Konfirmation Peters „mit winkenden weißen Federn auf dem Hut“ (PM 58, 14). Die russische Ehefrau aus dem Nachbarzimmer Castorps zeigt sich „ in wippendem Federhut“ (Zb 107, 28).

Ereignisse werden von außen ins Innere verlegt:
 „Oben in seinem Zimmer setzte er sich auf einen Stuhl, starrte in den Himmel und dachte nur immer an sie, regungslos, mit klopfenden Schläfen; in der Ferne glaubte er vielstimmiges Gemurmel zu vernehmen; es war sein Blut, das ihm in den Adern sang“ (PM 172, 4 – 9): Teppichklopfen – Herzklopfen ( Zb  138, 4 – 9). 

 Bei ihrem ersten Mann Treuthaler erklärt Liesel den Namen: „Er ist übrigens kein Jude! Sagte Liesel etwas protegierend; sein Name kommt nicht von Treuthal, sondern von Treu und Taler: das kann er ganz genau beweisen. Er sieht doch auch nicht die Spur jüdisch aus!“ (PM 270, 23 – 27). Der zweite Mann von Liesel heißt Wolf (PM 342, 20). Bei Thomas Mann taucht der Name Wolf im Zusammenhang mit einem Judengegner namens Wiedemann auf (Zb 1036, 32 – 1037, 16). 

 Liesel stellt fest, dass Peter und sie abgebissene Nägel haben (PM 40, 6 – 11). Vor der Konfirmation lässt sich die Mutter  Peters Hände mit den abgebissenen Nägeln  zeigen (PM 55, 20 – 56, 5). Willi, Peters Sohn, kaut an den  Nägeln (PM 333, 6 f.). Liesel beißt sich in Haare und Hände (PM 64, 2 f.).  Castorp bemerkt  bei Chauchat zwar keine abgebissenen Nägel, aber Spuren eines Fingerkauens (Zb 119, 3 – 15) Festzuhalten bleibt aber, wie stark Huch die Aufmerksamkeit auf Hände und Nägel  der Schulkinder lenkt und Chauchat diesbezüglich mit einem „Schulmädchen“ verglichen wird. (Zb 119, 11). 

 Peter will allein sein und geht in die Kornfelder. Dort legt er sich auf den Rücken, schläft ein und träumt:  „Und im Traume fand sich seine Seele wieder; sein ganzes unbewußtes Sein löste sich rein und fleckenlos in einem Bilde: Er lag am Meeresstrand und starrte träumend in die dunstige, dunkel – dämmernde, niedrige Wölbung über Kopf und Brust. Sonnenwärme, glimmende Wellen bespülten ihn und trugen leicht und leise seltsame Dinge zu den Wölbungen hinan: kleine, steinerne Figuren, Menschen, Bäume, Tiere“ (PM 304, 13 – 21). „Sonnen – und Meereskinder“ (Zb 740, 27; 742, 20: „Sonnenleute“) tauchen im Traume während der  Schneefahrt Castorps auf. Der Ausdruck „Sonnenkinder“ findet sich bei Huch (PM 263, 21).   

 

Anmerkungen:

 
1.   Die Zahlen in Klammern (Seite, Zeilenangabe) verweisen auf Thomas Manns Der Zauberberg, Bd. 5/1(Textband) -2 (Kommentarband) – M. Neumann - der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002.
Hervorhebungen durch Fettdruck vom Autor. Abkürzung:  Zb
Friedrich Huch, Peter Michel. Ein komischer Roman. Martin Mörikes Verlag, München 1911. 
Abkürzung: PM
2.   Siehe Beitrag: Spuren im „Zauberberg“: Gottfried Keller, Der grüne Heinrich
 (2. Fassung   1879/80).
3.   Siehe Beitrag: Hans Castorps Freundin Clawdia Chauchat.
4.  Vgl. Kommentarband, S. 77.
5.   Im „Zauberberg“ kommt eine Bänkelsängerin vor: Onkel James beginnt bei seinem Besuch „von einer sogenannten >>Chansonette<<, einer Bänkelsängerin zu reden, einem ganz tollen Weibsstück, das zurzeit in St. Pauli ihr Wesen treibe und mit ihrentemperamentgeladenen Reizen, die er dem Vetter schilderte, die Herrenwelt der Heimatrepublik in Atem halte“ (Zb 651, 24 – 28).
6.   Siehe oben,  Anm. 3.
7.   Das Wort „angehen“ im üblichen Sinn findet sich unmittelbar nach  der oben geschilderten ersten Begegnung Peter Michel – Ottilie. Der Direktor erklärt den Lehrauftrag: „Und zweitens haben wir hier die Geometrie! Der Direktor sah Peter mit einem Blick an, welcher sagen sollte: Wir ignorieren das, was uns nichts angeht!“ ( PM 156, 30 – 157, 2). Im „Zauberberg“ soll nach Meinung von Frau Stöhr ein Buch Settembrini „angehen“ (Zb 452, 4; auch 809, 26 f.).
8.  Vgl. Kommentarband, S. 181. Weitere Stellen „Flachland“: Zb 215, 2; 227, 10; 248, 26;  249, 31; 253, 1;  276, 21; 294, 23;  531, 23; 569, 20 f. ; 623, 21; 644, 24.32.; 645, 29; 659, 16; 706, 16; 707, 29; 756, 19.26; 794, 2; 802, 11; ; 809, 9. 19; 815, 4;  898,32 ; 902, 2.7; 969, 10; Tiefland: 278,2; 303, 10; 336, 9; 361, 15; 375, 9; 412, 20; 444, 30; 450, 25;  535, 12; 531, 23; Ebene: 225, 2; 296, 12; 438, 1; 523, 6; 564, 25; "Tiefebene": 587, 8; 661, 16; 662, 8; 708, 5.; 843, 17 ; unten: 16, 32; 29, 22; 91, 30 und überall..

 Veröffentlichung:  05. 10. 09
 Autor:  Gerhard Adam

        

    

 

    

 

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