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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

                                   Hans Castorp, das „Sorgenkind des Lebens“

Der Begriff „Sorgenkind des Lebens“ wird von Settembrini eingeführt:

Sie (sc. Castorp) sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein Sorgenkind des Lebens, - man muß sich um Sie kümmern. Übrigens haben Sie mir erlaubt, mich um Sie zu kümmern.“ „Gewiß, Herr Settembrini. Ein für allemal. Sehr freundlich von Ihnen. Und >Sorgenkind des Lebens<. ist hübsch. Worauf so ein Schriftsteller nicht gleich verfällt! Ich weiß nicht recht, ob ich mir etwas einbilden soll auf diesen Titel, aber hübsch klingt er, das muß ich sagen. Ja, und ich gebe mich nun also ein bißchen mit den >Kindern des Todes<. ab, das ist es ja wohl, was Sie meinen. (Zb  467, 23 – 32) (1)

Woher kommt dieser „hübsche Titel“ für Castorp? Es besteht kein Zweifel, dass man aus dem folgenden Gedicht von Johann Gottfried Herder (1744 – 1803)  auf diese Formulierung kommen kann. Dem  Gedicht liegt eine Fabel des lateinischen Schriftstellers Hyginus (2. Jh. n. Chr.) zugrunde.  

                                                 Das Kind der Sorge


Einst saß am murmelnden Strom                                                                                                             Die Sorge nieder und sann;
Da bildet‘ im Traum der Gedanken
Ihr Finger ein leimernes Bild.

 „Was hast Du, sinnende Göttin?“
Spricht Zeus, der eben ihr naht.
„Ein Bild, von Thone gebildet;
Beleb’s! ich bitte Dich, Gott.“

 „Wolan denn! lebe!  - Es lebet!
Und mein sei dieses Geschöpf!“
Dagegen redet die Sorge:
„Nein, laß es, laß es mir, Herr!

 „Mein Finger hat es gebildet.“
„und ich gab Leben dem Thon,“
Sprach Jupiter. Als sie so sprachen,
Da trat auch Tellus *) hinan.

 „Mein ist’s! Sie hat mir genommen
Von meinem Schooße das Kind.“
„Wolan“! sprach Jupiter, „wartet!
Dort kommt ein Entscheider, Saturn.“ **)

 Saturn sprach: „Habet es Alle!
So will’s das hohe Geschick.
Du, der das Leben ihm schenkte,
Nimm, wenn es stirbet, den Geist;

 „Du, Tellus, seine Gebeine;
Denn mehr gehöret Dir nicht.
Dir, seiner Mutter, o Sorge,
Wird es im Leben geschenkt.

 „Du wirst, so lang‘ es nur athmet,
Es nie verlassen, Dein Kind.
Dir ähnlich, wird es von Tage
Zu Tage sich mühen ins Grab.“

 Des Schicksals Spruch ist erfüllet,
Und Mensch  heißt dieses Geschöpf;
Im Leben gehört es der Sorge,
Der Erd‘ im Sterben und Gott.

 *) Die Erde        **) Die Zeit  (Anmerkungen Herders) (2)

 Das „Sorgenkind des Lebens“ Hans Castorp ist das „Kind der Sorge“ während des Lebens. (3) Die Sorge Settembrinis besteht darin, dass Castorp  „dem Leben, der Lebensform, für die er geboren ist, verloren“  geht (Zb 302, 5 f.). 

 Nach dem Gedicht gehört der Mensch „Der Erd‘ im Sterben“.
Am Beispiel  Joachims wird deutlich, wie Thomas Mann dieses Motiv übernimmt.

Joachim ist krank  auf den „Berghof“ zurückgekehrt:
„Joachim ging gebeugten Kopfes neben ihm (sc. Castorp). Er sah zu Boden, als betrachtete er die Erde. Es war so merkwürdig: er ging hier, proper und ordentlich, er grüßte Vorübergehende auf seine ritterliche Art, hielt auf sein Äußeres und auf bienséance wie immer – und gehörte der Erde. Nun, der gehören wir alle über kurz oder lang. Aber so jung und mit so gutem, freudigen Willen zum Dienst bei der Fahne ganz kurzfristig ihr zu gehören, das ist doch bitter: noch bitterer und unbegreiflicher für einen wissend nebenhergehenden Hans Castorp, als für den Erdmann selbst“ (Zb 801, 7 – 16).
Ebenso weist der Begriff „homo humanus“ im „Zauberberg“ (Zb 93, 21 f.; 227, 29; 301, 13; 303, 13; 498, 23) auf diesen Erdenbezug hin. Die entsprechende Hygin – Stelle übersetzt Düntzer wörtlich in seiner (Thomas Mann sicher bekannten) Herder - Ausgabe: „Aber da der Streit über seinen Namen entstanden ist, so wird er Mensch (homo) genannt, weil er aus Erde (ex humo) gemacht ist“. (4)  „homo humanus“ deckt sich nicht mit „Humanist“, wird aber von Settembrini gleichgesetzt:  „Mein Gott, ich bin Humanist, ein homo humanus, ich verstehe nichts von ingeniösen Dingen“ (Zb 93, 21 f.). Die  fehlerhafte Ableitung Settembrinis („ingeniös“ von Ingenieur ) lässt vermuten, dass auch die (problematische) Gleichstellung  von  „homo humanus“ mit „Humanist“ gesucht ist, nämlich um die Zugehörigkeit zur Erde (humus) noch einmal neben „homo“  zu unterstreichen. (5) 

 Der Mensch gehört auch „Gott“.   
Dieser Anteil Zeus / Jupiters  am Menschen wird im „Zauberberg“ mit „homo dei“ bezeichnet (Zb 570, 23; 589, 27; 621, 26; 635, 2 f.; 719, 17; 747, 29). „homo dei“ nennt Naphta das „Hochgebild“ (Zb 589, 27).  Es ist der Mensch in seinen Bezügen zum „Überbau“,  z.B. Stand, Gesellschaft, Gott. Einem Nachhall dieses Anteils begegnen wir in der Aussage Castorps, dass er auch Geistlicher hätte werden können (Zb 168, 23 ff.; 571, 6 ff.).   

 Aus diesem Gedicht lässt sich geradezu ein Rohkonzept des „Zauberbergs“ erstellen:

1.        Der Protagonist ist ein „Sorgenkind des Lebens“ (Grund: falsches Leben).
2.       Sorge heißt lateinisch „cura“. Dies lenkt den Blick auf „Kur“ (Sanatoriumsroman).
3.       Als homo dei („Hochgebild“) interessiert sich der Protagonist für Gott und die Welt.
4.       Als homo (humus/terra: Erde) wird der Mensch in seinem körperlichen  Verfall gesehen   (moribundus, toter Körper).
5.        Die Zeit (Saturn) wird thematisiert.

 

 Anmerkungen: 

 1.       Die Zahlen in Klammern (Seite, Zeilenangabe) verweisen auf Thomas Manns Der Zauberberg, Bd. 5/1(Textband) -2 (Kommentarband) – M. Neumann - der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002.
 Hervorhebungen durch Fettdruck vom Autor. Abkürzung:  Zb

2.       Herder`s Werke, 1. Theil, Gedichte, hrsg. und mit Anmerkungen begleitet von Heinrich Düntzer, Berlin  Gustav Hempel, o.J., S. 18 – 20.
Lateinischer Text in:  Hyginus, Fabulae. Sagen der Antike. Ausgewählt und übersetzt von Franz Peter Waiblinger, dtv 9467, S. 104 f.

3.       „ Sorgenkind des Lebens“:  Zb 467, 23 f. 27;  489, 25; 499, 19; 529, 20 f.;  536, 4 f.;  615, 12; 619, 21; 736, 19; 746, 31 f.; 750, 15.; 826, 13 f.; 910, 19; 914, 8 f. 
Andere Wendungen:
Sorgenkind seiner Erziehung: Zb 1075, 16; 499, 21 f.; 1075, 16. 
Sündiges Sorgenkind: Zb 1079, 9 f.
Treuherziges Sorgenkind: Zb 1085, 1 f.
Sorgenkind des Lebens und der Pädagogik: Zb 552, 19 f.
Hochverirrtes Sorgenkind: Zb 750, 15;  826, 13 f.
Sorgenzögling: Zb 537, 15 f.;  590, 12. 
Der Ausdruck „Schmerzenszögling“ (Zb 736, 19) könnte aus einer  
anderen Bearbeitung der Sage stammen, auf die Düntzer in seiner Anmerkung 3
aufmerksam macht.

4.        Herder’s Werke, 1. Theil, Gedichte, S. 18 f., Anm. 3; Lat. Text aus der dtv-Ausgabe, S. 104.: „ sed quoniam de nomine eius controversia est, homo vocetur, quoniam ex humo videtur esse factus“ .

5.       Hinweis zu „ingeniös“: Kommentarband,  S. 157. 

Veröffentlichung:  25. 11. 09
Autor:  Gerhard Adam

 

 

 


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