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Beitrag 91
Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

  Spuren im „Zauberberg“: Edward G. Bulwer – Lytton, Die letzten Tage von Pompeji (1834)

Die bekannte Episode von den Fischsaucen der Frau Stöhr (Zb 128, 31 – 129, 14) geht auf den Roman Bulwers zurück.

 Castorp denkt immer noch an die Fischsaucen, als ihn Settembrini nach seinem Alter fragt (Zb 132, 10 – 133, 17). Castorp wird demnächst „vierundzwanzig“ (Zb 132, 16). (1)

Die ganze Szene hat einen komödiantischen Charakter: Die Wirkung der Mitteilung von Frau Stöhr über eine Bagatellsache wird humoristisch überhöht. Die Verwechslung Zahl der Fischsaucen und Alter Castorps weist die übliche Form einer Kommunikationsstörung in einer Komödie auf. Das Stilmittel der Übertreibung findet sich in Stöhrs „Bekenntnis“ (Zb 129, 4.7.8 f.), den Aussagen ihres Gatten (Zb 129, 6 ff.), der harschen Reaktion Settembrinis, ihn „mit diesem liederlichen Unsinn in Ruhe zu lassen“ (Zb 133, 15 f.)

Auch Sallust, einer der Hauptfiguren in Bulwers Roman, ist 24 Jahre alt (LTvP 45, 17) und hat es mit den Fischen: Er will am liebsten seinen Koch den Fischen (Muränen) vorwerfen lassen. (LTvP 95, 20 – 24; auch 339, 21 f.) (2) Bei einem Essen äußert der Athener Glaukus Bedenken gegen die im Amphitheater anstehenden Kämpfe Mensch – Tier. Sallust, „ der für den gutmütigsten Menschen in Pompeji galt, stierte den Sprechenden in schweigender Verwunderung an; der graziöse Lepidus  … rief: >>Was, zum Herkules!“<<, der Parasit Klodius (auch LTvp 20, 15; 23, 17; 151, 5) murmelte: >>Ädepol!<<, und der fünfte Gast, welcher der Schatten des Klodius war (auch LTvP 55, 8; 56, 7.25; 57, 6) und die Obliegenheit hatte, seinem reichen Freunde nachzusprechen, wenn er ihn nicht loben konnte – der Parasit eines Parasiten -, murmelte ebenfalls :  >>Ädepol!<< “ (LTvP 46, 17 ff.).

In einer Anmerkung zu dieser Stelle weist Bulwer auf Alciphron hin: „Die Briefe des Alciphorn schildern sehr lebhaft die Insulte, denen sie (sc. die Parasiten) sich um eines Essens willen unterwarfen. Einer beklagt sich, daß ihm die Fischsauce in die Augen gegossen – daß er auf den Kopf geschlagen und ihm mit Honig überzogene Steine zum Essen vorgesetzt worden“ (LTvP 46, Anmerkung). (3)

Es sind also folgende Momente besonders zu beachten:

1.       Der komödienhafte Stil

2.       Das Alter Sallusts/Castorps

3.        Fisch und Herstellung eines Fischgerichtes: Sallust/Koch - Stöhr

4.       Die Attacke mit der Fischsauce. Dieses Motiv wird vom Äußeren (Augen des Parasiten) auf das Innere erweitert: Castorp „treffen“ die Fischsaucen im Munde und an der „Stirn“ (Zb 129, 11 – 13; 129, 1 f.).

Tritt Castorp auch an die Stelle des Parasiten?

 Settembrini bezeichnet das Problem der vielen Fischsaucen als „liederlichen Unsinn“ (Zb 133, 16). Das Werturteil „liederlich“ führt uns zu einer Stelle, in der das Wort Parasit auftaucht (Zb 432, 3; „Liederlichkeit“ auch Zb 337, 4 f.):

Castorp beschäftigt sich mit der pathologischen Anatomie (Zb 431, 26 – 432, 32). (4) Dabei informiert er sich über „das Wesen der parasitischen Zellvereinigung und der Infektionsgeschwülste. Diese waren Gewebsformen – und zwar besonders üppige Gewebsformen -, hervorgerufen durch das Eindringen fremdartiger Zellen in einen Organismus, der sich für sie aufnahmelustig erwiesen hatte und ihrem Gedeihen auf irgendeine Weise – aber man mußte wohl sagen: auf eine irgendwie liederliche Weise – günstige Bedingungen bot.“ (Zb 431, 29 – 432, 2). Castorp beschäftigt sich hier metaphorisch mit sich selbst: Castorp („Organismus“) erweist sich als „aufnahmelustig“ für eine luxuriöse, „kranke“ Lebensform auf dem Berghof („Eindringen fremdartiger Zellen“).

 Ein Bestandteil des Wortes „Parasit“ (Schmarotzer) ist das griech. „sitos“ = Korn, Brot, Speise. Wiederholt ist uns schon die zentrale Bedeutung von „Korn und Brot“ im „Zauberberg“ aufgefallen.  Eine direkte Bezeichnung Castorps als Parasit wird vermieden: Diese Deutungsperspektive ist schon in Castorps Zweitnamen „Brotsack“ (verdeckt) angelegt. Die Rolle eines „Schatten“ übernimmt Wehsal, der Castorps Mantel trägt und durch ihn an Chauchat teilhaben will (Zb 643, 4 - 644, 20; 835, 24 – 836, 6; 869, 31 – 870, 2).

Die Verbindung der Themen „Aufgabe der Heimat“ und „Liebe“ (bei Castorp einseitig) findet sich schon bei Bulwer:

Glaukus und Ione liebten „einander um so stärker, weil die äußeren Weltverhältnisse dem Athener (sc. Glaukus) kein Ziel und keinen Wunsch übrigließen als Liebe; weil die Beschäftigungen, die in Freistaaten dem Mann gewöhnlich ebensoviel zu tun geben als die Leidenschaften des Herzens, für Glaukus nicht vorhanden waren, weil sein Vaterland ihn nicht in das Gewühl des bürgerlichen Lebens riß – weil die Ehrbegierde kein Gegengewicht gegen die Liebe bot und daher nur letztere über die Plänen und Entwürfen unseres Paares waltete. Im eisernen Zeitalter glaubte es sich im goldenen, bloß zu leben und zu lieben“ (LTvP 241, 16 – 26). „Ehrbegierde“ hat dagegen Ziemßen .

Schon am Anfang des „Zauberbergs“ wird auf den Einfluss der Epoche auf das persönliche Leben hingewiesen (Zb 53, 22 – 54, 19). Die Leute in Hamburg fragen sich schon früh, in welche öffentliche Rolle Castorp hineinwachsen werde (Zb 58, 6 – 59, 13).Aber der lange, nicht überzeugend durch die Krankheit, sondern durch die Liebe zu Chauchat motivierte Aufenthalt auf dem „Berghof“ fordert eine Abwertung der Heimat. Die Zustände „da unten“ machen es Castorp „unmöglich“ heimzukehren (Zb 633, 32).

Castorp ist in den sieben Jahren damit beschäftigt,die Essens – und Liegezeiten einzuhalten, Chauchat zu begegnen, Spaziergänge zu machen, an gesellschaftlichen Ereignissen teilzunehmen, Studien zu betreiben und Moribunde zu besuchen. Eine merkwürdige Tätigkeit wird herausgehoben:

Castorp geht auf seiner Ruhebank „mit sich zu Rate über so weitläufige Komplexe wie Form und Freiheit, Geist und Körper, Ehre und Schande, Zeit und Ewigkeit, - und unterlag einem kurzen, aber stürmischen Schwindel bei dem Gedanken, daß die Akelei wieder blühte und das Jahr in sich selber lief. Er hatte ein sonderbares Wort für diese seine verantwortliche Gedankenbeschäftigung am malerischen Ort seiner Zurückgezogenheit: er nannte sie >>Regieren<<“ (Zb 589, 10 – 17. 21-31; 712, 28; 719, 11 – 18; 748, 23. 27).

Das Wort "Regieren" könnte auf Bulwer zurückgehen. (5)

 Eine zentrale Figur in Bulwers Roman ist Abaces, der Ägypter (LTvP 32, 24), der Zauberer aus Ägypten (LTvP 284, 25), der weise Magier – der Hermes vom brennenden Gürtel (LTvP 192, 9 f.; 302, 8; 307, 15), der Letzte vom Königsstamme Ägyptens“ (LTvP 541, 323 – 35). Den Isispriestern in Pompeji soll er bedeutende Mysterien mitgeteilt haben und von Ramses abstammen (LTvP 49, 14 – 18). Er kann in den Sternen lesen (LTvP 277, 5 f.).

 Abaces klärt den jungen Priester Apaecides über das „Innere“ des Glaubens auf: „Den Umwälzungen der Sterne, den Jahreszeiten der Erde, dem runden, unabänderlichen Kreislauf des Menschengeschicks entnahmen sie (sc. die ägyptischen Priester) eine heilige Allegorie; durch Zeichen von Göttern und Göttinnen machten sie dieselbe für den großen Haufen sinnlich und greifbar, und was eigentlich Regierung war, nannten sie Religion (LTvP 82, 28 – 33).

Eine Abreise bedeutet für Castorp „Desertion von ausgebreiteten Verantwortlichkeiten, die ihm aus der Anschauung des Hochgebildes, genannt Homo Dei, hier oben erwachsen, Verrat an schweren und erhitzenden, ja seine natürlichen Kräfte übersteigenden Regierungspflichten, denen er hier in der Loge und am blau blühenden Orte oblag“ (Zb 635, 1 – 6; auch 621, 24 – 28).

Natürlich ist „Regierung“ und „Religion“ bei Castorp anders zu fassen. Die ägyptischen Priester Bulwers beabsichtigen mit ihrer Kenntnis der Natur, die sie als Religion deklarieren, eine Legitimation ihrer Herrschaft (Regierens). Diese Kenntnisse sollen sogar die Gesetze der Natur verändern können: Sie werden damit zu Zauberkünsten. Castorps „Zauberbild“ dagegen ist der Homo Dei, das Ziel einer auf sich bezogenen „Lenkung“ durch Liebe und Wissensansammlung, bei deren egoistischer Verfolgung er sich zwar unter dem Deckmantel der Krankheit den Ansprüchen der „unwissenden“ Gesellschaft „da unten“ (Arbeit!) entziehen kann, aber Opfer seiner Denkweise wird: Castorp scheitert (Zb 925, 16 – 26), weil er „sich zwar von den geistigen Schatten der Dinge regierungsweise das eine und andere träumen ließ, der Dinge selbst aber nicht geachtet hatte und zwar aus der Hochmutsneigung, die Schatten für die Dinge zu nehmen, in diesen aber nur Schatten zu sehen“ (Zb 1075, 18 – 22).

Bei einem „spiritistischen Gesellschaftsspiel“ im „Zauberberg“ ist auch ein Chinese namens Dr. Ting – Fu dabei (Zb 1000, 28). Der Name lässt sich von Bulwer her erklären:

Der reicheDiomedes fährt seinen Koch Kongrio an: >>Mensch der drei Buchstaben<<, sagte Diomed mit feierlicher Richtermiene, >>wie konntest du dich unterstehen, all diese Schurken (sc. zusätzliche Köche) in mein Haus zu rufen? Ich sehe das Wort Dieb in jeder Linie ihres Gesichts geschrieben <<“ (LTvP 326, 26 – 29). Dazu die Anmerkung Bulwers: „Der gewöhnliche scherzhafte Schimpfname von dem dreibuchstabigen Wort Fur (Dieb)“ (LTvP 326, 34 f.).

T(h)ing bezeichnet eine (germanische) Gerichtsversammlung, nimmt also die „Richtermiene“ des Diomedes auf. Bei der spiritistischen Sitzung wandert das Glas zu den einzelnen Buchstaben. (6) Bei „Di“, also schon nach zwei Buchstaben, vermutet Dr. Ting – Fu, dass Holger ein Dieb gewesen sei (Zb 1003, 24 – 27). Dr. Ting – Fu ist also ein „Mensch der zwei Buchstaben“. Zwei Buchstaben finden sich im Bestandteil „Fu“. Sein Titel „Dr.“ (ebenfalls zwei Buchstaben) stellt die Assoziation zum vollen lateinischen Wort „Fur“ her. Wie später bei „Dichtr“ wird hier ein Buchstabe weggelassen.

Warum muss es gerade ein Chinese sein? Ein Grund ist sicher die Betonung der „Internationalität“ der Berghof – Gesellschaft. Bei Chinesen ist die Verbindung zum Alphabet besonders eng: Naphta weist Settembrini darauf hin, dass in China „die skurrilste Vergötterung des Abc herrsche, die je erreicht worden sei, und wo man Generalfeldmarschall werde, wenn man alle vierzigtausend Wortzeichen tuschen könne“ (Zb 790, 8 – 11). 

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