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Beitrag 89 - Teil 1
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Beitrag 90
Beitrag 91
Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

                        Spuren im „Zauberberg“: Eine Legende aus dem Talmud

Es ist ein kreativer Einfall, Castorp auf dem „Berghof“ für drei Wochen „krank“ werden zu lassen (Zb 278, 10 – 309, 27). (1) Ins Zimmer kommen regelmäßig die visitierenden Ärzte (Zb 288, 6 f.; 309, 13; Dr. Krokowski : Zb 290, 16 f.), eine Saaltochter mit der Verpflegung (Zb 289, 17 f.), der Bademeister Turnherr (Zb 287, 29 f.; 308, 15). Besuche machen Ziemßen (Zb 281, 2 f.; 306, 20; 308, 29 ff. u.a.) und Settembrini (Zb 293, 9 f.). Es wird dadurch die Möglichkeit geschaffen, den handlungsarmen Roman durch ein „Ereignis“ zu aktivieren und Gespräche aufzureihen.  Die Wichtigkeit des Krankenbesuches von Settembrini (Zb 293, 5 – 307, 11) wird unterstrichen: Castorp erkundigt  sich nur nach Settembrini bei Joachim (Zb 293, 16 ff.; 294, 6 – 23) und Settembrinis  Besuch wird noch einmal erwähnt ( Zb 620, 10 – 21). Auch erinnert Settembrini an einen früheren „ähnlichen Disput“ (Zb 305, 21 ff.). 

Nun gibt es im Talmud eine Legende („Die weltliche Schönheit“), die ohne Zweifel die Gestaltung des Krankenbesuchs Settembrinis beeinflusst hat. Rabbi Jochanan besucht dort seinen kranken Freund Rabbi Elieser.  (2)

Zunächst soll der Text  vorgestellt werden:

„R a b b i E l i e s e r war krank. R a b b i J o c h a n a n tritt in das Zimmer. Es war dunkel. Ein Lichtstrahl blitzte plötzlich auf, und den Augen des Sterbenden erschien die blendende Schönheit des Freundes.(3) Der Sterbende fing an zu seufzen und zu weinen. . >warum weinst du? Sagte der Freund zu ihm? Vielleicht, weil du nicht, wie du gewollt, den heiligen Studien hast obliegen können? Viel oder wenig, tut nichts, wenn nur der Sinn auf Gott gerichtet ist. Vielleicht beweinst du das Elend deines Zustandes? Aber der Mensch kann ja nicht zwei Mahlzeiten (4) zugleich geniessen. Vielleicht weil du kinderlos bist ? Und erinnerst du dich nicht des Meisters, der seine zehn Kinder begrub? Ich weine nicht um mich, antwortete der Sterbende, ich weine um diese deine Schönheit, die in der Erde vergehen wird“.(Anmerkungen von Giuseppe Levi: 3. Die talmudische Überlieferung stellt Jochanan als wunderbar schön dar. 4. Das gegenwärtige und das zukünftige Glück) Talmud Berachot S. 5“.

Wie wird diese Quelle im „Zauberberg“ verarbeitet?

Im „Zauberberg“ liegt Castorp krank im Bett. Es klopft an der Stubentür und es „erschien Lodovico Settembrini auf der Schwelle, - wobei es mit einem Schlage blendend hell im Zimmer wurde. Denn des Besuchers erste Bewegung, bei noch offener Tür, war gewesen, daß er das Deckenlicht eingeschaltet hatte, welches, von dem Weiß der Decke, der Möbel zurückgeworfen, den Raum im Nu mit zitternder Klarheit überfüllte“. (Zb 293, 9 – 15). „Nun also stand Herr Settembrini im jäh erleuchteten Zimmer, - Hans Castorp, der sich auf den Ellbogen gestützt und zur Tür gewandt hatte, erkannte ihn blinzelnd und errötete, als er ihn erkannte“. (Zb 294, 24 – 27).

Die gemeinsame Grundstruktur mit ihrer Weiterführung im „Zauberberg“ wird deutlich:

Rabbi Elieser liegt sterbend im Bett -  Castorp liegt krank im  „Totenbett“ der Amerikanerin (Zb 280, 18 ff.; 23, 6; 32, 32 – 33, 2).
Eintritt eines Besuchers ins dunkle Krankenzimmer
Lichtstrahl, blendende Schönheit Jochanans – Settembrini schaltet Deckenlicht ein, blendende Helle, Farbe „Weiß“
Freund erscheint – „Herzensteilnahme“ Settembrinis (Zb 295, 9 f.)
Reaktion: Rabbi Elisier seufzt und weint – Castorp blinzelt und errötet, seufzt nach dem Besuch(Zb 307, 12)
Elend des Zustandes - Castorp betrachtet die „Sonderbarkeit seiner Lebenslage“ (Zb 280, 21 f.; 282, 23 – 26; 288, 24 f.; 295, 20)
Gegenwärtige und zukünftige Mahlzeit gleichzeitig – gestrige, gegenwärtige und morgige Mahlzeit (Suppe) ein „stehendes Jetzt“ (Zb 280, 4 f.); ausdehnungslose Gegenwart“ (Zb 280, 9 f.); „stehenden Ewigkeit dieser Stunde“ (289, 12 f.)
Kinder - Familienverhältnisse Castorps (Zb 282, 17 f. ; 299, 22 – 26; 303, 21 f.)
Vergänglichkeit - „Tod“ (Zb 304, 1 – 7; 304, 16 - 305, 2)

 Ersetzt wird die „Verklärung“ Jochanans durch die Farbe „Weiß“: Castorp liegt im „weißen Bett, dem Totenbett der Amerikanerin“ (Zb 280, 18 f.). Das Deckenlicht wird „von dem Weiß der Decke, der Möbel zurückgeworfen“ und überfüllt „den Raum im Nu mit zitternder Klarheit“ (Zb 293, 12 – 15). Castorp schaute „in die Glühlichtklarheit des weißen Zimmers hinein wie in eine Weite“ (Zb 302, 33 f.) Der „moriturus“ Joachim tritt allmorgendlich in weißen Hosen ein (Zb 308, 29 ff.). Joachim befindet sich in einer „peinlicheren (sc. urspr. „Leib und Leben betreffenden“) Lage“ als Castorp (Zb 281, 7.32). (3)

In Kontrast zur Lichtgestalt Jochanans und der weißen „Klarheit“ des Krankenzimmers ist der Besuch Dr. Krokowskis (Zb 290, 15 – 292, 12) in dunklen Farben gezeichnet. „Schwarzbleich“ steht er am Bette Castorps. Seine Erscheinung macht auf Castorp einen „etwas entsetzlichen Eindruck“ (Zb 290, 18 f.). Krokowski kommt am Montag (= am Tag des Mondes) zum ersten Mal. Sein Studiengebiet ist die Nacht (Zb 99, 24). Die Bezeichnung durch Krokowski als „Kamerad“ ängstigt Castorp (Zb 291, 6 f.; „kameradschaftlich“: 291, 8; 292, 4) (4)

Eine weitere Variation des Motivs „Betreten eines Zimmers“ findet sich bei Chauchat. Auch Chauchat „präsentiert“ sich an der Türe. Sie kommt zwar im „weißen“ Sweater (Zb 118, 26) durch eine Türe „mit kleinen Glasscheiben“ (Zb 72, 16), aber ihr Auftreten ist nicht von Licht, sondern von Geräuschen geprägt. (5)

Castorp geht nach dem Erscheinen des toten Joachims zur Eingangstür, schaltet das „Weißlicht“ an und fordert von Dr. Krokowski den Schlüssel. Er geht hinaus (Zb 1033, 30 – 1034, 6). 

Bei der Untersuchung Ziemßens und Castorps in der Durchleuchtungskammer wird die Motivverknüpfung „Erleuchtung und Vergänglichkeit“ fortgeführt. (6) Nach dem „Umlegen eines Hebels“ (Zb 330, 10) betrachtet Castorp mit „Meister“ Behrens ( Zb 329, 21: Rabbi? ; vgl. auch Zb 502, 8) am Leuchtschirm aus dem Dunkel heraus „Joachims Grabesgestalt und Totenbein“ (Zb 332, 5). Castorp sieht dann noch seine eigene Hand im Leuchtschirm und blickt dabei „in sein eigenes Grab. Das spätere Geschäft der Verwesung sah er vorweggenommen durch die Kraft des Lichtes, das Fleisch, worin er wandelte, zersetzt, vertilgt, zu nichtigem Nebel gelöst“ (Zb 333, 5 – 8). Auch hier begleiten also „Lichterscheinungen“ (Zb 333, 25) die Erkenntnis der Vergänglichkeit.  

Eine Bestätigung der Nähe unserer Quelle zum „Zauberberg“ ergibt sich aus der Abschiedsszene: Settembrini nennt Castorp „Giovanni“ (Zb 1080, 3.6). “Giovanni“ heißt „Johannes“. Der Name kommt vom hebräischen „Jochanan“. Bisher begnügten wir uns mit der Übersetzung „Gott (Jahwe) ist gnädig“. (7) Dies ist dann die Antwort Settembrinis auf die kurz vorher gestellte Frage nach „göttlicher Güte und Gerechtigkeit“ (Zb 1079, 8 f.). Bleiben wir jetzt beim Namen „Jochanan“ stehen, führt er uns auf den Gesprächspartner Rabbi Jochanan der Legende. Die Feststellung bringt einen Interpretationsgewinn: Castorp erscheint Settembrini in der Rolle des Rabbi Jochanan. Der „ziemlich krank(e)“ Settembrini (Zb 299, 9) denkt beim Anblick Castorps und der Anrede Giovanni an dessen Vergänglichkeit. Wie Rabbi Elisier „weint “Settembrini dabei (Zb 1080, 19 f.; vgl. auch Zb 1085, 7 - 11). Dieser Gedanke passt zur Situation: Castorp zieht in den Krieg mit der Gefahr,“ in der Erde zu vergehen“ (vgl. Zb 1084, 20 ff.).

Auch die Besuche der „moribundi“ durch Castorp und Ziemßen sind von unserer Quelle her inspiriert: Sterbende („moribundi“) besuchen Sterbende. Ziemßen stirbt bald (Zb 811,7), bei Castorp sind die Aussichten auf ein längeres Leben düster (Zb 1085, 12 f.). (8) 

Anmerkungen:

1.                   Die Zahlen in Klammern (Seite, Zeilenangabe) verweisen auf Thomas Manns Der Zauberberg, Bd. 5/1 (Textband) -2 (Kommentarband) – M. Neumann - der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002.Hervorhebungen durch Fettdruck vom Autor. Abkürzung: Zb    

2.                   In: Das Buch der jüdischen Weisheit. Parabeln Legenden und Gedanken aus Talmud und Midrasch. Gesammelt von Giuseppe Levi. Aus dem Urtext übersetzt von Ludwig Seligmann, Fourier Verlag 1980 (Nachdruck der 3. Aufl.), S. 96 f.

3.                   In der „Schneefahrt“ will Castorp „ein irdisches Ziel vor Augen (zu) haben, statt „weißlicher Transzendenz“ (Zb 721, 16). Ellens Schwester Sophie hat ein „weißes Kleid“ an (Zb 1000, 4). Im Speisesaal schimmert es „weiß“ vor lauter Milch (Zb 105, 29).

4.                   Castorp und Ziemßen spazieren mit Karen Karstedt auf den Friedhof, „ein anständiger Akt der Kameradschaft“ (Zb 485, 26). „Kamerad“ ist abzuleiten von lat. camera = „Wölbung, Raum mit gewölbter Decke“ (Wahrig, a.a.O., s.v. „Kamerad“, S. 708). Das Krankenzimmer Castorps wird zum Totenreich des „Kameraden“ Minos, wie Settembrini Krokowski nennt (Zb 90, 10; vgl. auch Kommentarband S. 155).  Ebenso ist an den „Psychopompos“ (= Seelengeleiter) Hermes (Mercurius) zu denken: Krokowski kommt nicht durch die Türe wie Settembrini, sondern „erscheint“, als „sei er durch die Lüfte gekommen“ (Zb 290, 26 f.).

5.                   Vgl. Beitrag: „Hans Castorps Freundin Chauchat“.

6.                    Die Durchleuchtung wird vorbereitet: Zb 278, 13; 283, 27 f.; 309, 22 f. Auch in der „Schneefahrt“ wird daran erinnert (Zb 720, 24).

7.                   Xavier Leon - Dufour, Wörterbuch zum NeuenTestament, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, Lizenzausgabe 1984 (1975), S. 240.

8.                   Besuche bei den „moribundi“: Leila Gerngroß (Zb 455, 23); Fritz Rotbein (Zb 459, 21 f.); Frau Zimmermann (Zb 464, 3 f.); Sohn von „Tous les deux“ Lauro (Zb 466, 31; 468, 21); Teddy (Zb 466, 33); Anton Karlowitsch Ferge (Zb 467, 4; 469, 27 f.); Frau Natalie von Mallinckrodt (Zb 467, 5 f.; 473, 17 f.); Karen Karstedt (Zb 475, 31). 

Veröffentlichung: 24. 05. 11
Autor: Gerhard Adam

 

 

 

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