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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

                   Spuren im „Zauberberg“: Heinrich Mann, Im Schlaraffenland (1900)

Es versteht sich von selbst, dass Thomas Mann die Werke seines Bruders Heinrich studiert und für seine eigene Arbeit verwendet hat. Im Folgenden sollen einige vergleichbare Punkte herausgestellt werden.

Türkheimer
„holte einen Fünfmarktaler aus der Hosentasche und legte ihn appetitlich in die Rundung zwischen Daumen und Zeigefinger. >>Kennen Sie das, Kokott? Machen Sie mal Ihre Judenfratze! << >> Geben Sie mir Ihren Klemmer, Herr Generalkonsul <<, erwiderte Kokott. Er drückte sich das Glas auf die plötzlich plattgewordene Nasenspitze, schob die Lippen wulstig vor und zog die Stirn in schmutzige Falten. Sein Gesicht bekam unversehens einen schlaff gierigen, besorgten und hinterhältigen Ausdruck. Türkheimer schüttelte sich. >>Bravo, Kokott! Sie haben ein schönes Talent. << >> Ich habe viel Talent, aber leider kein Geld. << Und er haschte, während er die Brille zurückgab, mit der andern Hand nach dem Silberstück.“ (Schla 289, 2 – 17). (1)

Türkheimer ist jüdischer Herkunft: „Jeder seßhafte Bauer bei Ihnen zu Hause (sc. im Rheinland) ist ein Aristokrat gegen die Landstreicher aus dem wilden Osten, die hier in Palästen wohnen (Köpf, Schla 97,4-7). “Türkheimers sind natürlich auch aus Posen oder Galizien eingewandert. Was die Leute unter ihrer allgemeinen Wurstigkeit verbergen, das ist bloß ihre Dummheit und ihre schlechten Manieren“ (Andreas, Schla 97, 12 – 15). Türkheimer ist ein gerissener Finanzjongleur und trägt einen Klemmer, der an unserer Stelle oben als Attribut eines Juden eingesetzt wird (Juden sind keine Proletarier oder Bauern). Heinrich Mann wendet an dieser Stelle ein Verfahren an, das unsere Interpretation vom Schweinchen malenden Behrens bestätigt: Der Jude selbst macht „Judenwitze“. (2) Dadurch wird zusätzlich auf ein Phänomen hingewiesen, das man als „jüdische Identitätsneurose“, „jüdischen Selbsthaß“ oder „jüdischen Antisemitismus“ bezeichnet hat. (3)

Fünf Mark hat Joachim beim „falschen Bridge“ gewonnen (Zb 306, 29). Castorp äußert sich gegenüber Joachim: „>>Daß das nur keine lasterhafte Anziehungskraft für dich bekommt<<, sagte Hans Castorp. >> Hm, hm.“(Zb 306, 30 f.). „Hm, hm“ sind die Initialen von „Heinrich Mann“. Thomas Mann spricht hier also seinen Bruder Heinrich an. (4) Es ist (auch) die Antwort auf eine Episode, die sich im „Schlaraffenland“ findet: Andreas Zumsee wird in den Palais Türkheimer zu einem abendlichen Fest eingeladen (Schla 38, 33 ff.). Am Spieltisch setzt er mit Erfolg auf die Zahl „Fünf“, die in der Spielszene stark herausgestellt wird (Schla 82, 35; 83, 23; 84, 6.11.18.31.32.35; 85, 3.9; 86, 22.31). Ein Gast namens  Liebling (ein Jude: „Zionist“, Schla 48, 6 f.;„König von Palästina“: 403, 15 f.) ermahnt ihn: „Spielen Sie niemals wieder!“ (Schla 87, 18), beim zweiten Mal „fängt die Sünde an“ (Schla 87, 25 f.). „>Warum sollte ich mir das Spielen angewöhnen? < sagte sich Andreas, während er durch den Ballsaal schlenderte. > Halten sie das Spiel für eine Leidenschaft? <“ (Schla 87, 34 ff.). (5)

Die Judenfratze wird bei Thomas Mann zur Teufelsfratze Frau Stöhrs im Spiegel: „Das seien kostenfreie Genüsse des Lebens, wie beispielsweise auch noch, sich im Frühling die Frostbeulen zu kratzen, wenn sie so süßlich juckten, - sich so recht innig und grausam zu kratzen bis aufs Blut in Wut und Vergnügen, und wenn man zufällig in den Spiegel sähe dabei, dann sähe man eine Teufelsfratze“ (Frau Stöhr: Zb 264, 10 – 15). Frau Stöhrs Gesicht ist „im Genusse verzerrt“ (Zb 480, 17). Für Thomas Mann ist dies angesichts des geistigen Umfelds allenfalls ein „Merkposten“. (6)

Das „jüdische Merkmal“ der wulstigen Lippen dient uns zur Namenserklärung einer Nebenfigur im „Zauberberg“, nämlich des „Wulstlippigen“. Am Anfang des Romans ist er nur der „Wulstlippige“ (Zb 172, 2; 79, 20; 107, 15; 170, 20). Der Name „Gänser“ kommt erst spät dazu (Zb 334, 30 f.; 335, 14; 352, 26; 359, 32; 361, 22; 362, 12; 490, 14; 496, 17 f.; 510, 7). Eine andere Stelle im „Schlaraffenland“ könnte den Namen „Gänser“ von einem weiteren „jüdischen Merkmal“ her provozieren: „ >>Dann ist da einer, der immer mit solchen Beinen herumgeht. Er heißt Süß. << Und Andreas watschelte mit einwärts gestellten Füßen quer durch das Zimmer“ (Schla 97, 16 – 19). (7)

Castorps umgebogene Nasenspitze mit dem Zeigefinger (Zb 103, 2 f.) kann auf die „plattgewordene Nasenspitze“ hinweisen. Behrens hat eine „stutznäsig flache“ Physiognomie (Zb 500, 30).

Schließlich verwendet Thomas Mann die "schmutzigen" Falten der Stirn, den „schlaff gierigen, besorgten und hinterhältigen Ausdruck“  als Kompass für die Ausgestaltung seiner Romanfigur Ferdinand Wehsal („Mannheimer“). (8)

Andreas „hatte einen Einfall“: >> Der Allerkomischste ist aber Türkheimer selbst. Er muß eine Hautkrankheit haben. Passen Sie mal auf! << Und Andreas begann durch fingierte Kotelettes zu streichen und sich am Kinn zu scheuern. Er setzte sich einen Klemmer, den er vom Tisch nahm, vorn auf die Nase und ging mit kleinen, unsicheren Schritten, den Bauch vorgeschoben, auf Köpf zu. „>> Mein Name ist Ausspuckseles<<, sagte er (sc. Andreas) mit Türkheimers schleppender, leicht näselnder Stimme, >> Generalkonsul Ausspuckseles, und hier ist meine Frau, geborene Rinnsteiner.<< “(Schla 98, 1 – 4; 408, 7 - 14).

„Hautkrankheit“ und „Scheuern“ weisen auf Frau Stöhrs Jucken und Kratzen hin (s. oben). Fabrikdirektor Schmitz beschwert sich bei Behrens, dass Rosenheim aus Utrecht „auf der Promenade ausgespuckt hat, -mit Gaffky zehn“ (Zb 754, 27).

Andreas und Adelheid hören von Ferne einen Pianisten spielen, „ein weiches, versagendes Echo bis in ihre Versunkenheit, wie die letzte Erinnerung an eine düster verlodernde Melodie. >> Er spielt ganz hübsch<<, sagte Andreas aus einem Traum heraus. >> Stimmungsvoll<<, versetzte Adelheid hinzu. >> Es ist ein Notturno von Chopin, ich glaube das zwölfte. << (Schla 247, 13-21).Im „Zauberberg“ wird im Rahmen einer Zeiterörterung auf den „Fünf - Minuten -Walzer“ Chopins hingewiesen (Zb 817, 6 ff.). (9)

Andreas macht „ein Gesicht wie der Tannhäuser“ (Schla 169, 27. 33), „er kam geradewegs aus dem Venusberg und mußte sich in der bürgerlichen Gesellschaft erst wieder zurechtfinden“ (Schla 176, 18 ff.). Im „Zauberberg“ finden sich viele Anspielungen auf Wagners „Tannhäuser“ (10). Eine Polka (Schla 302,30-303,14; 309,30; 310,27f.)wird gespielt (Zb 176,7). 

 „Türkheimer, der eben eintrat, näherte sich einem Kreis von Leuten, die mit erhobenen Nasen schnupperten. >> Gebirgsluft, was? <<sagte er. >> Noch ein bißchen zu dünn, aber es wird schnell besser werden. << Und er erklärte, daß er hier, wie schon früher in den Salons, einige Schläuche mit Oxygen habe leeren lassen. >>Ein ganz neues technisches Verfahren, die Wissenschaft macht doch kolossale Fortschritte. Für kaum tausend Mark hat man den ganzen Abend die reinste klimatische Höhenkur im Hause. <<  >>  Für tausend Mark Luft! << rief Lizzi Laffé entzückt.  >> Tausend Mark sind für mich Luft, wenn es sich um das Behagen meiner Gäste handelt <<, versetzte Türkheimer mit einer eleganten Verbeugung “ (Schla 73, 3 – 17).

 Schwester Berta berichtet vom „Herrenreiter“: „Seit Tagen schon habe er sich freilich nur mit Hilfe gewaltiger Mengen Sauerstoffes gehalten: gestern allein habe er vierzig Ballons konsumiert, das Stück zu sechs Franken. Das müsse ins Geld gelaufen sein, wie die Herren (sc. Castorp und Ziemßen) sich ausrechnen könnten“ (Zb 441, 21 – 25).

Zwei junge Männer unterhalten sich über Frau Türkheimer: „>> Sie ist doch noch immer schön. << >> Die Hausfrau? << sagte der andere. >> Selbstredend. Zwar ´n bißchen schwere Nahrung, aber es tut nichts. Je mehr, desto besser, nach der Taxe der Wüstenstämme. <<  >> Welche Taxe? <<  Als Schönste gilt diejenige, die nur auf einem Kamel fortbewegt werden kann. Nach ihr kommt die, die sich auf zwei Sklavinnen stützen muß <<“ (Schla 53, 16 – 24). Andreas erzählt dies weiter (Schla 97, 21 – 24; 226, 13 - 17). „Triumphierend sah er Köpf an, der mit sich selbst wettete, Andreas habe diese Wissenschaft erst in der vergangenen Nacht erworben (Schla 97, 25 ff.; auch 220, 7 - 19).“Ähnlich bei Castorp, der sein durch Dr. Krokowski eben erworbenes Wissen sofort verwendet: „Mein Schnupfen ist beinahe behoben durch die Bettruhe, aber er soll ja eine sekundäre Erscheinung sein, wie ich allgemein höre“ (zu Settembrini: Zb 295, 22 ff.; von Krokowski: 291, 18 – 29).

Frau Zimmermann („die Überfüllte“) wird mit einem Vogel  verglichen. Behrens lobt Castorp, dass er sich seiner „Lungenpfeiferchen in ihren Käfigen“ annimmt (Zb 463, 2 f.) und geht zu einer der „Zeisige“ (Zb 463, 8). Castorp hat von Frau Zimmermann den Eindruck, „daß sie wirklich nur aus kindischem Leichtsinn und dem Unverstand ihres Vogelhirns perle, trillere und tiriliere“ (Zb 466, 18 ff.; 465, 10). Sie liegt „in Unruhe“ (Zb 463, 28): Alles, was sie im Bett noch bewegen kann, bewegt sie: „Beine“ (Zb 464, 3; 19; 28); „Hände“ (Zb 464, 25.28); „Brust“ (Zb 464, 30 f.).

Das Vorbild dafür könnte Frau Goldherz sein. „Aber auf dem ersten Absatz flatterte ihnen etwas in den Weg wie ein aufgescheuchter Vogel. Die kleine Frau Goldherz hüpfte an Adelheid empor, küßte sie hastig auf beide Wangen und zwitscherte aufgeregt“ (Schla 168, 8 – 12). „Ihre Hutfeder, der Pelzbesatz ihres Golf – Cape, ihre Röcke, alles an ihr wippte und schwankte; sie schien mit den Flügeln zu schlagen“ (Schla 168, 28 ff.). Sie ist eine„ kleine flatternde Dame“ (Schla 169, 31), „huschend und die Flügel schlagend“ vollführt sie „einen wahren Freudentanz um ihn (sc. Andreas) und Adelheid (Schla 171, 6 f.). Als ihr Gatte kommt, verschwindet Frau Goldherz, „die unruhig umhergeflattert war“, hinter ihren Freundinnen. (Schla 180, 29 ff.; weitere Stellen: Schla 114, 30 – 35; 116, 28 ff.; 117, 5.8; 215, 15 f.). Man wird mit einigem Recht sagen können:Frau Zimmermann ist die ans Bett gefesselte Frau Goldherz. (11)


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