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Beitrag 89 - Teil 1
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Beitrag 90
Beitrag 91
Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

                 Spuren im „Zauberberg“: Arthur Schnitzler, Der Weg ins Freie  (1908)

Georg von Wergenthin blickt durch das Fenster hinaus in den Park: „Auf einer Bank saß eine alte Frau, die eine altmodische Mantille mit schwarzen Glasperlen um hatte. Ein Kindermädchen spazierte vorbei, einen Knaben an der Hand; ein anderer, ganz kleiner, in Husarenuniform, mit angeschnalltem Säbel, eine Pistole im Gürtel, lief voran, blickte stolz um sich und salutierte einem Invaliden, der rauchend des Weges kam“ (WiF 8, 13 - 18). Beim Spaziergang sieht er die Frau: „Noch immer saß die alte Frau mit der Mantille auf der Bank und starrte vor sich hin. Auf dem sandigen Rund um die Bäume spielten Kinder“ (WiF 13, 17 ff.). Im Traum sieht Georg seinen Bruder Felician auf einer Bank im Stadtpark sitzen, „neben ihm eine alte Dame in einer Mantille“ (WiF 265, 5 f.; 265, 19 f.).(1)

Die Geschichte von „Tous-lex-deux“ ist von dieser Szene geprägt:

1.       Castorp schaut vom Balkon aus auf den Garten. (Zb 61, 20)
2.       „Tous-les-deux“ trägt eine „Mantille“ (Zb 167, 27; 469, 6 f.), einen „schwarzen Schleier“ (Zb 62, 19; 167, 2), ein „schwarzes Kaschmirtuch“: 166, 33; 469, 6): Die Farbe „Schwarz“ der Glasperlen wird auf Kleidung und Person übertragen (Zb 62, 18.19.23.28: 65, 11; 166, 25; 167, 20).
3.        „Tous-les-deux“ geht „ruhelos“ im Garten umher (Zb 62, 17.20; 65, 32 f.; 167, 28). Aus dem „Sitzen“ wird ein „Gehen“: Das vorliegende Motiv wird gegensätzlich gefasst.
4.       „Tous-les-deux“ blickt „starr von unten geradeaus“(Zb 62, 22 ff.): „starr blicken“ statt „starren“.
5.       Die Mutter „Tous-les-deux“ geht herum, „wenn sie nicht bei ihnen (sc. ihren beiden Kindern) sitzt“ (Zb 65, 32 f.): Die beiden Knaben beim Kindermädchen werden der alten Frau als Kinder zugeordnet, angeregt durch Georgs Bruder Felician, der im Traum neben ihr sitzt. Aus dem „stolzen“ kleinen Husaren entwickeln sich die „spanischen Helden“ Lauro und Fernando (Zb 469, 14 – 21).Das „Salutieren“ vor dem Invaliden wird zugespitzt auf das theatralische Verhalten Lauros angesichts des Todes.

Der Name „Tous-les-deux“ geht auf Gottfried Kellers „Martin Salander“ zurück (2).

Die Ausgestaltung der Romanfigur Ferdinand Wehsal ist von Schnitzler beeinflusst:

1.        Des Jude Heinrich Bermann urteilt über seine Glaubensgenossen: „Es gibt schon Juden, die ich wirklich hasse. Das sind die, die vor andern und manchmal auch vor sich selber tun, als wenn sie nicht dazu gehörten. Die sich in wohlfeiler und kriecherischer Weise bei ihren Feinden und Verächtern anzubiedern suchen und sich auf diese Art von dem ewigen Fluch loszukaufen glauben, der auf ihnen lastet, oder von dem, was sie eben als Fluch empfinden. Das sind übrigens beinahe immer solche Juden, die im Gefühl ihrer eigenen höchst persönlichen Schäbigkeit herumgehen und dafür unbewußt oder bewußt ihre Rasse verantwortlich machen wollen“ (WiF 147, 34 – 148, 7).
Wehsal sucht seit dem Fastnachtserlebnis Castorps mit Chauchat dessen Freundschaft: „Er (sc. Wehsal) tat es mit Zähigkeit und Demut, einer von unten blickenden Hingebung, die für den Betroffenen viel Widrig – Schauerliches hatte, da er ihren komplizierten Sinn begriff, der aber menschlich zu begegnen er sich anhielt. Ruhig blickend, da er wußte, daß ein leichtes Zusammenziehen der Brauen genügte, um den elend Empfindenden sich ducken und zurückschrecken zu lassen, duldete er das dienerische Wesen Wehsals, der jede Gelegenheit wahrnahm, sich vor ihm zu verneigen und ihm schön zu tun, duldete sogar, daß jener ihm zuweilen beim Lustwandel den Überzieher trug – mit einer gewissen Andacht trug er ihn über dem Arm -, duldete endlich des Mannheimers Gespräch, das trübe war“ (Zb 643, 12 – 23).

2.        Wehsals Servilität wird im „Zauberberg“ ergänzt durch (negative) äußere Merkmale: Wehsal hat „gelichtetes Haar“ (Zb 130, 29; 170, 27; 318, 21; 643, 7), „schlechte Zähne“ (Zb 318, 21 f.; 643, 7 f.; 835, 33; 932, 9), eine „zaghafte (= feige) Redeweise“ (Zb 318, 22).Vermerkt wird allerdings auch, dass Wehsal „allsonntäglich“ in den Gottesdienst geht und „Bücher mit einem Kelch oder Palmzweigen auf dem Vorderdeckel“ liest (Zb 318, 27 – 30).

3.        Wehsal spielt Mendelssohn. Im „Zauberberg“ wird der Name des Komponisten Felix Mendelssohn (späterer Zusatz – Bartholdy) nicht ausdrücklich genannt, wohl aber in Schnitzlers Roman: „Georg begleitete Else zu einigen anderen Liedern, von Schumann und Brahms, zum Schluß auf allgemeinen Wunsch zu zwei eigenen, die ihm persönlich zuwider geworden waren, seit irgendwer behauptet hatte, sie erinnerten an Mendelssohn“ (WiF 135, 5 – 8). Mendelssohn ist Georg zuwider, weil dieser jüdischer Abstammung ist. Der Komponist ist in Hamburg geboren, also mit der Heimatstadt Castorps verbunden und (getaufter) Jude. (3) Soll diese Bevorzugung Mendelssohns, der als Jude angefeindet wird, ein Hinweis sein, dass auch sein Interpret Wehsal (getaufter) Jude ist?

4.       Auffällig ist, dass Wehsal am Klavier „meistens“ (Zb 318, 24) dasselbe Stück spielt, nämlich den „Hochzeitsmarsch“ aus der Vertonung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ (Zb 130, 30 f.; 170, 28; 318, 24 f.; 932, 20 f.). Castorp lobt Ferdinand Wehsal : „Sie (sc. Wehsal) haben, wie wir alle, Ihre Vorzüge und Nachteile. Zum Beispiel spielen Sie sehr hübsch aus dem >Sommernachtstraum<., das kann nicht jeder “ (Zb 932, 19 ff.). Ein „Hochzeitsmarsch“ passt zu Wehsals erotischen Fantasien, wofür natürlich auch Hochzeitsmusik anderer („christlicher“) Komponisten infrage käme.

5.        Shakespeares „Sommernachtstraum“ zeichnet sich bekanntlich durch die Reihe von „sprechenden Namen“ der Handwerker und Elfen aus: Quince, Snug, Bottom, Flute, Snout, Starveling , Peaseblossom, Cobweb, Moth, Mustardseed (4). Dies setzt uns auf die richtige Spur: Offensichtlich handelt es sich auch bei „Wehsal“ um einen „sprechenden“ Namen. „Wehsal“ weist auf die Geburtswehen hin und signalisiert, dass mit seiner Geburt etwas nicht in Ordnung ist: Wie bei Ziemßens Ohren liegt ein „Geburtsfehler“ vor, nämlich seine jüdische Herkunft. (5) Die genauere Übersetzung von Shakespeares „A Midsummer Night’s Dream“ ist Wielands Übersetzung „Ein St. Johannis Nachts-Traum“. (6) Der „Johannistag“ weist auf die Geburt von Johannes dem Täufer hin.

6.       Zur jüdischen Herkunft passt Wehsals „Zweitname“ Mannheimer (Zb 318, 20; 319, 21 f.; 320, 2; 516, 8.18.24). Aus Ortsnamen gebildete jüdische Namen sind nichts Ungewöhnliches, wie etwa in Schnitzlers Roman der Name „Nürnberger“ zeigt (WiF 135, 19).(7)

Die szenische Aufgabe „Ein Liebespaar bleibt allein im Klavierzimmer zurück“ stellt sich in beiden Romanen und wird verschieden gelöst.

„Er (Georg) erinnerte sich eines Abends, an dem die Hotelgäste einer nach dem andern aus dem Klavierzimmer verschwunden waren, als wären sie sich ihrer Verpflichtung bewußt, ihn mit ihr (sc. Sissy) allein zu lassen. Er hatte sich an den Flügel gesetzt und zu phantasieren begonnen. Sie war in ihrer dämmrigen Ecke geblieben, in einem großen Armstuhl “(WiF 272, 4 - 9). „Endlich hörte er zu spielen auf und blieb stumm am Klavier sitzen. Da war sie langsam aus der Ecke gekommen, einem Schatten gleich, und hatte ihre Hände auf sein Haupt gelegt“(WiF 272, 15 - 18).
Im „Zauberberg“ wird ebenfalls das Klavierzimmer leer. Castorp „blickt von unten in das Zimmer, das leer geworden war. Zerstoben die Gästeschaft. Das Klavier, in der schräg gegenüberliegenden Ecke, tönte nur noch leise und abgebrochen, gespielt mit einer Hand von dem mannheimischen Kranken, an dessen Seite die Lehrerin saß“ (Zb 516, 4 – 9).Es sind „vier von der Fastnachtsgeselligkeit übriggebliebene(n) Personen“ (Zb 516, 15). Der Pianist hört auf zu spielen und bleibt mit der Lehrerin still am Klavier sitzen. Dann gehen sie weg. Castorp und Chauchat sitzen in der Ecke. Thomas Mann bereichert und retardiert die Szene mit den zwei an Castorp und Chauchat interessierten Patienten Wehsal und Engelhart (Peeperkorn ist noch nicht auf dem „Berghof“): Fräulein Engelhart hatte sich „wohl wirklich etwas in Frau Chauchat vergafft“, weil sie Castorp gefallen wollte (Zb 211, 31 ff.).  

Im Gespräch mit seinem Vater Doktor Stauber führt Berthold aus: „ Im übrigen leben wir bekanntlich in einem Staat, wo ein Jude nicht davor sicher ist, wegen Ritualmords zum Tode verurteilt zu werden; warum sollten also die Behörden vor der offiziösen Annahme zurückscheuen, daß Juden sich bei Pistolenduellen gegen Christen – vielleicht aus religiösen Gründen – einen verbrecherischen Vorteil zu sichern wissen?“ (WiF 317, 29 – 318, 4).
Offensichtlich sind hier Stichwörter gegeben für die Einführung eines Pistolenduells aus „weltanschaulichen Gründen“ zwischen dem (getauften) Juden Naphta und Settembrini. Thomas Mann bringt auch die (haltlosen) Ritualmordbeschuldigungen gegen Juden in die Erinnerung des Lesers: In Xanten wird ein jüdischer Schlächtermeister Buschhoff des „Ritualmordes“ verdächtigt(1891), in Konitz (1900) der Jude Israelski und ein christlicher Schlächtermeister namens Hoffmann (8). Elia Naphta wird „bei Gelegenheit einer Volksbewegung und Wutpanik, hervorgerufen durch den unaufgeklärten Tod zweier Christenkinder“ (Zb 665, 5 ff.) umgebracht. Elia ist Schächter (Zb 663, 4 f.).

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