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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

Spuren im „Zauberberg“: Heinrich Mann, Die Göttinnen. Die drei Romane der Herzogin                                                                      von Assy (1903)

In einem Brief vom 5. Dezember 1903 an Heinrich beklagt Thomas Mann den Ideenklau seines Bruders gerade in dessen Roman „Die Göttinnen“: „In Riva, im Ruderboot, haben wir schon einmal einen Anlauf zu einer Auseinandersetzung über diesen unangenehmen Gegenstand genommen. Im Laufe von allerlei philosophisch-psychologischen Disputen, in denen wir unsere entgegengesetzten Standpunkte vertraten, hatte ich Dir von meinem Plane erzählt, einen Roman Die Geliebten zu schreiben. In den Göttinnen fand ich den psychologischen Inhalt dieser Gespräche in oberflächlicher und grottesker Weise verwerthet“.(1)

Diese literarische Kohäsion und Konkurrenz der Brüder gilt auch für den „Zauberberg“. Die Beurteilung, wer von wem abhängt, ist letztlich zweitrangig. Aber natürlich ist die Reihenfolge der Veröffentlichungen beweiskräftiger als Hinweise auf Vorgänge „in pectore“.  

Der Maler Jakobus Halm hat mit Hans Castorp die sieben Jahre des „Minnedienstes“ gemeinsam:
Die Herzogin schickt nach Jakobus. „Er ging, und sagte sich, feierlich klopfenden Herzens: > Ich soll die Herzogin von Assy besitzen: das ist etwas Neues! Diese Frau, nach deren Sinn und Schicksal ich mein Leben eingerichtet habe seit sieben Jahren – die mich geformt, mich zum Mann gemacht hat und zum Könner -, die ich immer begehrt und nie mit Festigkeit erhofft habe …<“ (II 252, 14 – 20). Nach Auffassung Clelias hält die Herzogin von Assy Jakobus „fest in dieser in Lagunen erstickten Provinzstadt (sc. Venedig)“, weil dieser sie liebt (II 140, 22 f.). (2) Castorp bleibt wegen Clawdia auf dem Berghof, sie wird sein „Schicksal“(Zb 925, 16 – 26). (3)

Jakobus ist mit Jakob gleichzusetzen: Heinrich Mann bevorzugt wie Thomas Mann die Zahl „sieben“. Der Name Jakob wird deshalb zu Jakobus erweitert. Weitere Namen aus dem Roman „Göttinnen“ mit sieben Buchstaben: Piselli, Olympia, Pergola, Mortoeil, Prosper, Saverio, Guignol, Benatti. (4) Im „Zauberberg“ haben bekanntlich ebenfalls einige Namen sieben Buchstaben: Castorp, Ziemßen, Behrens, Kneifer, Lukacek, Marusja, Nölting, Redisch, Rotbein, Salomon, Schmitz. 

Settembrini und Siebe(n)lind verweisen ebenfalls auf die Siebenerzahl. Übersetzt man Settembrini mit „Siebenfrost“ (ital. sette – brina), kann auch der Name „Siebe(n)lind“ (z. B. II 11, 9; 45, 12 f.; 129, 13; 143, 17; 206, 11; III 229, 23; 235, 20 f.) für das Finden des Namens „Settembrini“ anregend gewesen sein. (5)

Die sieben Jahre verweisen so auf die biblische Geschichte von Rahel, um die Jakob sieben Jahre lang dient (1. Mose 29, 20).

Verbirgt sich bei Castorp hinter dem „Märchennamen“ Hans ein „Jakob“?(6)
Folgende Argumente sprechen dafür:

1.       Der Name „Jakob“ taucht im „Zauberberg“ auf: Joachim wird von Settembrini „Giacomo“ genannt (Zb 780, 20 f.), also „Jakob“. Castorps Onkel Tienappel hat den Vornamen „James“ (Zb 49, 20), also ebenfalls „Jakob“. Übersetzungen aus dem Italienischen und Englischen führen hier zum Namen „Jakob“. Castorp ist der „dritte“ Verwandte.

2.        Hans Castorp wird von Settembrini „Giovanni“ genannt (Zb 1080, 3). „Giovanni“ heißt Johannes. Johannes ist der jüngere Bruder von „Jakobus dem Älteren“. Schon diese beiden Namen signalisieren die „Verwandtschaft“ der Protagonisten (und Schriftsteller) der beiden Romane. Johannes, Jakobus und Petrus werden oft in einem Atemzuge genannt: Peter, der Vorname des Bruders von James, ist damit zu erklären (Zb 49, 19).(7)

3.       Neben „James“ zeigte sich der Einfluss des Englischen schon bei den Namenserklärungen Chauchats und Edhin Krokowskis (8). Johannes ins Englische übersetzt heißt „John“, familiär „Jack“.

4.       Der Vorname „Jack“ wirkt geradezu leitmotivisch auf den „Zauberberg“. Thomas Mann ist nicht nur ein Kenner Shakespeares und der Romane Bulwer- Lyttons und Jack Londons (9), sondern bekanntlich auch ein fleißiger Lexikonbenützer. Unter dem Stichwort „Jack“ ergibt sich für ihn in einem englischen Lexikon folgende Assoziationsreihe:

-          Jack: einfacher Mensch, Hänschen

-          Jack Frost: „Väterchen Frost“ (Settembrini)

-          Jack: Fisch (Frau Stöhr)

-          Jack: Matrose (englischer Marineoffizier: Zb 23, 9)

-          Jack of the clock: Glockenmännchen (Castorp und die Zeit, “Uhrturm”: Zb 75, 19) (10)

-          Jack hängt mit “Jacques“ (Jakob) zusammen. (11)

Der Nachname „Halm“ führt zu den Träumen des  Pharao: Der Pharao träumt, „daß sieben Ähren aus einem Halm wuchsen“ (1.Mose 41, 5 ff.). Jakob(us) Halm verweist mit seinem Namen also auf die biblische Gestalten Jakob und schon auf Josef, der die Träume des Pharao deuten kann.

Josef gibt im übrigen Teil der biblischen Geschichte seinen Brüdern „Säcke mit Getreide“ (1. Mose 42, 25). Von diesen biblischen „Getreidesäcken“ aus ist der Weg nicht weit zum Namen „Brotsack“. Dieser Name deckt sozusagen den Teil der biblischen Geschichte ab, den Heinrich Mann übriggelassen hat. Hätte Heinrich Mann etwa den Namen „Jakob Korn“ für seinen Protagonisten gewählt, wäre der Name „Jakob Brotsack“ und ein späterer Titel „Josef und seine Brüder“ nur noch ein Zweitaufguss gewesen. Es sieht aus, als ob sich die Brüder das biblische Thema „schiedlich friedlich“ geteilt hätten. Der historische lübische Namen „Castorp“ für „Brotsack“ eröffnet dann die Möglichkeit, einerseits einen offenen jüdischen Namen zu vermeiden, andererseits am jüdischen Kern der Romanfigur festzuhalten: Das hebräische Lesen von rechts nach links des Namens bestätigt die jüdische Herkunft Castorps für den Leser, der es ahnt.

Portwein (bzw. andere alkoholische Getränke) in jungen Jahren gibt es in beiden Romanen mit Billigung des Arztes:„ >> Mit achtzehn Jahren bekam ich (sc. Prinz Phili) von einem Hofmeister Portwein; er stahl ihn mir eigenhändig von der Hoftafel. Heute bin ich zweiundzwanzig und trinke schon nur noch Kognak. Erschrecken Sie bitte nicht, Frau Herzogin, ich verdünne ihn mit Sekt. Ein Wasserglas voll, halb Sekt, halb Kognak. Meinen Sie, daß es schadet? << >>Mein Arzt sagt mir, es schadet gar nichts. << “ (I 37, 27 – 35; auch III 61, 35; 62, 9; 71, 24; 73, 23).
„Ein bißchen blutarm war er ja wohl von Anfang an, das sagte auch Dr. Heidekind und ließ ihm täglich zum dritten Frühstück, nach der Schule, ein gutes Glas Porter geben, - ein gehaltvolles Getränk, wie man weiß“ (Zb 50, 1 – 4). Castorp behält auch später „die beruhigende Gewohnheit des Porterfrühstücks“ bei (Zb 57, 26 f.; 62, 3; 106, 3).

Psychologie mit „Zergliedern“ der Seele in Zusammenhang zu bringen ist Gemeingut.  Blä lässt sich über Della Pergola (12) aus: „Ich (sc. Blà) glaube, er (sc. Della Pergola) ist einfach ein Literat ohne Erfindungsgabe. Er kann keine Charaktere aus eigener Kunst erwachsen lassen, aber er versteht die in der Wirklichkeit gegebenen sehr geschickt zu zergliedern. Darum geriet er in die Politik und treibt nun Seelenanatomie an Ministern und Finanzbaronen“ (I 197, 1 – 7). „Er (sc. Della Pergola) beschimpft keinen Gegner – er hat es überhaupt nie mit Gegnern zu tun, sondern eben nur mit Charakteren, die er zergliedert. Er treibt Psychologie – allerdings eine rechte Kammerdienerpsychologie, indiskret und untergeordnet“ (I 197, 28 ff.). Der Dichter Jean Guignol „hat alle meine (sc. der Herzogin) Regungen zergliedert“ (III 94, 12).

Dr. Krokowski betreibt „Seelenzergliederung mit den Patienten. << >> Was treibt er? Seelenzergliederung? Das ist ja widerlich! << rief Hans Castorp, und nun nahm seine Heiterkeit überhand. Er war ihrer gar nicht mehr Herr, nach allem andern hatte die Seelenzergliederung es ihm vollends angetan“ (Zb 20, 28 – 33; auch 21, 32; 140, 30; 198, 22). Castorp hätte „die ärztliche Behandlung nicht so brüsk zurückweisen sollen, wenigstens nicht die psychische. Er (sc. Dr. Krokowski) sieht es nicht gern, wenn man sich dem entzieht. Auf mich (sc. Joachim) ist er auch nicht besonders zu sprechen, weil ich ihm nicht genug anvertraue. Aber dann und wann erzähl ich ihm doch einen Traum, damit er etwas zu zergliedern hat“ (Zb 32, 15 – 21; 199, 14). Wahrnehmungen in Castorps Kindheit bewahren, „als bewußtes Erinnerungsbild, ihr wort – und zergliederungsfeindliches, schlechthin bejahendes Gepräge durchaus“ (Zb 41,27 ff.). (13)

 Hofrat Behrens zu Castorp im Jähzorn: „Ich bin kein Kuppelonkel! Ich bin kein Signor Amoroso auf dem Toledo im schönen Neapel“ (Zb 631, 32 f.).
Zwei Frauen des Ismael Iben Paschas erzählen der Herzogin: „Wir sind aus Neapel, mußt du wissen. Oh, wir sind nicht so unerfahren wie Melek (sc. weitere Frau des Paschas). Unsere Mutter bot uns auf dem Toledo den Männern an: wir waren erst zehn Jahre“ (III 37, 23 ff.). „Ein kleiner grauer Alter mit Spitzbauch und goldener Brille führte der Herzogin zwei Weiber vor, deren Künste nicht mehr zu überbieten seien, sagte er“ (III 189, 17 ff.). „Er nannte sich Amoroso“ (III 189, 24). (14)

Die epische Reihung der „Opfer“ der Herzogin mit ihren verschiedenen Todesarten (III 203, 19 – 207, 3: Vierzehnjähriger, Luciano, Sohn eines Wirtes, Carlo, Jean Guignol) entspricht der Aufzählung von Castorps (und Joachims) Besuchen der „moribundi“: Leila Gerngroß (Zb 455, 23); Fritz Rotbein (Zb 459, 21 f.); Frau Zimmermann (Zb 464, 3 f.); Sohn von „Tous les deux“ Lauro (Zb 466, 31; 468, 21); Teddy (Zb 466, 33); Anton Karlowitsch Ferge (Zb 467, 4; 469, 27 f.); Frau Natalie von Mallinckrodt (Zb 467, 5 f.; 473, 17 f.); Karen Karstedt (Zb 475, 31).

Fatme ist Türkin, „die Gemahlin Ismael Iben Paschas, des Gesandten Seiner Majestät des Sultans bei unserem Könige“ (I 49,24 – 27). Sie wird oft genannt. (15) „Die schwere Anfechtung, die von der Erscheinung jener ägyptischen Fatme auf Paravant ausgegangen, war längst überwunden, und sie war die letzte gewesen, die seinem natürlichen Teil zu schaffen gemacht“ (Zb 954, 16 – 19; 827,11 - 23).
Hochgesinnte Weltverbesserer sind nach seiner (sc. Della Pergolas) Meinung gute Kerle, zu Kongestionen geneigt, die vielleicht in einer zu lange durchgeführten Enthaltsamkeit ihre Ursache haben. Bei den Prozessen der Bankdiebe ist der Staatsanwalt ein Monomane“ (I 197, 13 – 17).
Staatsanwalt Paravant wirft sich „der klaräugigen Göttin (sc. Minerva!) in die Arme, von deren kalmierenden Macht der Hofrat so Sittliches zu sagen wußte“ (Zb 954, 20 ff.). Paravants Gesicht „trug den visionären und verbissenen Ausdruck der Manie“ (Zb 955, 5 ff.).

Liegen in diesen Textstellen Elemente für die Ausgestaltung der Romanfigur des Staatsanwalts im „Zauberberg“ vor (Fatme, Manie), so ist zu fragen, ob nicht auch sein Name Paravant von dorther inspiriert ist.

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