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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

              Spuren im „Zauberberg“: Arthur Schnitzler, Fink und Fliederbusch (1917)

Wie kommt Thomas Mann auf den merkwürdigen Einfall eines „Pistolenduell (s) zwischen zwei Schwerkranken“ (Zb 1064, 5f.)? (1)

 Duelle sind zwar in der Literatur des 19. Jahrhunderts und noch bis zum 1. Weltkrieg gängige Motive. Ohne Zweifel aber nimmt Arthur Schnitzler mit seinen Duellvarianten eine Spitzenstellung ein. In der Komödie „Fink und Fliederbusch“ erscheint eine besonders witzige Variante: Fink und Fliederbusch sollen ein Duell austragen , obwohl sie ein und dieselbe Person sind. (2)

Vereinfacht lässt sich die Handlung so zusammenfassen:

In dem konservativen Wochenblatt „Die Eleganten Welt“ erscheint ein Bericht über die Opfer von Strakonitz bei Arbeiterunruhen und einer diesbezüglichen Parlamentsrede des Grafen Niederhof (FuF 291 f.) „Auch wir beklagen die Opfer (sc. der Arbeiterunruhen) von Strakonitz , um so mehr als die wahrhaft Schuldigen nicht unter ihnen zu suchen sind, sondern unter den Leuten, die mit ihren terroristischen Phrasen seit Jahren, seit Jahrzehnten eine unverantwortliche und leider auch ungestrafte Wühlarbeit betreiben“ (FuF 291, 20 – 25). Dabei preist ein Journalist namens Fink die „Feudalen“, die „in einem höheren Sinne“ als es die „demokratisch – liberale Presse jemals zu fassen vermöchte, die Sache des Fortschritts, freilich nicht der Auflehnung; der Entwicklung, keineswegs der Revolution; die Sache der Freiheit, nicht der Demokratie Gott sei Dank! gefördert haben“ (FuF 292, 8 – 16).
In der liberalen Tageszeitung „Die Gegenwart“ schreibt der Journalist Fliederbusch (alias Fink) einen Gegenartikel (FuF 302 ff.) mit „persönliche(n) Invektiven“ gegen Graf Niederhof (FuF 303, 30) und Fink (FuF 355, 1).
Fink ermächtigt Redaktionskollegen der „Eleganten Welt“ auf ihr Drängen hin, eine Duellforderung an Fliederbusch zu überbringen (FuF 327, 2ff.), die dessen Bevollmächtigte annehmen (FuF 343, 12ff.). Auf dem Duellplatz klärt sich alles auf.

 Neben anderen Themen wird in „Fink und Fliederbusch die Frage diskutiert, ob eine „politische Meinungsdifferenz“ überhaupt Anlass für ein Duell sein kann (FuF 354, 34f.; besonders Gespräch Fliederbusch – Graf Gisbert Niederhof, FuF 351, 33 – 362, 25). Die Meinungen sind geteilt:

Die Fürstin denkt nur an die „normalen“ Gründe für ein Duell:  
Zu Fliederbusch: „Also, ein Duell hat man … ?! Was haben wir denn ang’stellt? Einem eifersüchtigen Gatten das angetraute Weib abspenstig gemacht oder gar ein unschuldiges Mäderl vom Pfad der Tugend weggelockt?“ (FuF 333, 9 – 12).

Für den Grafen ist ein Duell eher eine sportliche Angelegenheit.
„A b s o l u t e Wahrheiten gibt es bekanntlich – in der Politik nicht» (FuF 355, 24f.). Überzeugungen sind für den Grafen „sentimentale(n) Nebenzwecke(n)“ (FuF 356, 32 – 36), „fixe(n) Ideen“ (FuF 357, 36). Beim Eintritt in seine politische Karriere habe er sich vorgenommen, „journalistische Angriffe niemals als Anlässe für Ehrenaffären gelten zu lassen“ (FuF 359, 13 – 16).   Dem Grafen erscheinen „Leute, die nicht aus Laune oder sportlichem Wagemut, sondern – aus Überzeugung in Gefahr und Tod gehen bereit sind, in jedem Fall – als ausgemachte Narren“ (FuF 361, 22 – 25).

Die (angebliche) Auffassung von Fliederbusch/Fink:
Fliederbusch hatte von der Parlamentsrede des Grafen den Eindruck, „daß Wesen und Worte eines Mannes restlos ineinander aufgingen“ (FuF 356, 9f.). Fliederbusch ist bereit, „Blutzeugenschaft abzulegen“ (FuF 355, 28ff.; 358, 21). Für eine Überzeugung zu sterben, ist für ihn Beweis dafür, dass eine Überzeugung vorhanden ist (FuF 357, 17f.).

Geht es in „Fink und Fliederbusch“ um die Duellrelevanz (subjektiver) Überzeugungen, so kommt im „Zauberberg“ eine „objektive“ Färbung hinzu: Kann „Geistiges nicht persönlichen Charakter gewinnen» (Zb 1060, 11) und damit Anlass zu einem Duell sein? Wie in „Fink und Fliederbusch“ wird darüber anhand eines „Falles“ kontrovers diskutiert. Folgende Auffassungen werden vertreten:  

Castorp:
Der Vortrag Naphtas war keine Beschimpfung („wirkliche“ Beleidigung):
1.       Es war keine „Beschimpfung bürgerlicher, gesellschaftlicher Art“ wie:
- Der „ehrliche Namen“ eines anderen wurde „in den Schmutz gezogen“.
- Es ging um eine Frau oder „um irgendein solches handgreifliches Lebensverhängnis“.  Nur „für solche Fälle ist das Duell als letzter Ausweg da“ (Zb 1059, 11 – 17). 
2.    Aber das „Geistige kann niemals persönlich sein“. Naphta hat Settembrini deshalb   
(höchstens) „akademischbeleidigt, nicht beschimpft
3.        Auch die Antwort Settembrinis („Schlüpfrigkeiten“, „Zweideutigkeiten“, „Infamie“, „mit 
Worten nicht streng genug zu züchtigen“) war nach Castorps Auffassung keine persönlich  diffamierende Beschimpfung Naphtas, sondern eine Auseinandersetzung im „geistigen  
Bezirk“. Castorp weist gegenüber dem Sekundanten Naphtas Wehsal darauf hin, „daß es sich 
um ein rein abstraktes Duell handle, dem gar keine Realinjuriezugrundeliege“(Zb1062,21f.).   

Settembrini:
1.       „Sie (sc. Castorp) irren erstens in der Annahme, daß Geistiges nicht persönlichen Charakter gewinnen könne“. Werte an die „Jugend“ (Castorp, Ziemßen) zu vermitteln und der Jugendverführung Naphtas Einhalt zu gebieten (Zb 1055, 30ff.), ist ein persönliches Anliegen des „Pädagogen“ Settembrini .
2.       Das Geistige, „Abstrakte, das Gereinigte, das Ideelle, das „zugleich auch das Absolute“ ist, das „eigentlich Strenge“, kann „Konflikte und Leidenschaften“ freisetzen, die zu einem Duell führen, zum „Du oder Ich“ (Zb 1060, 13 – 25).
3.       „Wer für das Ideelle nicht mit seiner Person, seinem Arm, seinem Blute einzutreten vermag, der ist seiner nicht wert, und es kommt darauf an, in aller Vergeistigung ein Mann zu bleiben“ (Zb 1060, 32 – 1061, 2).

Naphta:
1.       Sein Vortrag war seiner Ansicht nach eine „gelinde Neckerei“ (Zb 1057, 3).
2.       Die Worte „Infamie“ und „Züchtigen“ (Zb 1056, 32; 1057, 5; Naphta lässt „mit Worten“ weg!) nimmt Naphta als ehrenrührige (nach Castorps Benennung „wirkliche“) Beleidigungen.
3.       Hinter dem formalen Anlass des Duells (Wortwahl: Zb 1055, 26) steht inhaltlich Naphtas Ideologie, die durch eine „neue, unsere Revolution“ realisiert werden soll. Mit der Humanität gilt es „aufzuräumen“ (Zb 1057, 22), als dessen Vertreter Settembrini im Roman erscheint. „Aus der radikalen Skepsis“, die die Erzieher (Naphta) der Jugend vermitteln, geht „das Unbedingte hervor, der heilige Terror, dessen die Zeit bedarf“ (Zb 1057, 25ff.). 

 Was ist eigentlich der Kern des Vorwurfs gegen Naphta? 

 1.       „Naphta will „die Zweideutigkeit der geistigen Lebenserscheinungen, die irisierende Natur und kämpferische Unbrauchbarkeit der daraus abgezogenen großen Begriffe“ nachweisen und zeigen, „in wie schillerndem Gewande das Absolute auf Erden erscheine“ (Zb 1052, 26 – 30).  Naphta hat in seinem Vortrag „die Kategorien über den Haufen geworfen. Er hat, wie er sich ausdrückt, den Begriffen ihre akademische Würde geraubt“ (Zb 1059, 23 ff.).

2.        Der zweite Teil des Vorwurf gegen Naphta ist, „eine ungeschützte Jugendmit „Zweideutigkeiten zu behelligen“ (Zb 1055, 24f.), „die ohnehin schwanke Jugend geistig zu verstören, zu verführen und sittlich zu entkräften“ (Zb 1055, 30f.) -  vgl. etwa Naphtas spätere Offenlegung der Verbindung von „Zweifel“ und „Terror“ (Zb 1057, 23 – 27).

Settembrini fordert Naphta auf, mit seinen „Schlüpfrigkeiten“ bald aufzuhören (Zb 11055, 11). Die Worte „Zweideutigkeiten“ und „Schlüpfrigkeiten» könnten ihre Wurzeln in der Komödie Schnitzlers haben.

Die Fürstin zu Fliederbusch: „ Ich hab‘ Ihr Journal (sc. „Elegante Welt“) gerne, es ist ein sehr amüsantes Blatt. Besonders die Geschichten aus der Kulissenwelt, die studier‘ ich immer mit viel Vergnügen. Zuweilen ein bisserl équivoque, aber …“ (FuF 330, 9 – 12).In diesem Kontext kann aus „équivoque“ ohne Zweifel die Bedeutung „zweideutig, schlüpfrig“ herausgeholt und für Settembrinis Attacke fruchtbar gemacht werden.

Unsere Vermutung wird dadurch bestätigt, dass das abseits liegende Wort „équivoque“  von Frau Stöhr im Rahmen ihrer Vorliebe für Fremdwörter verwendet wird:

  Am Heiligen Abend saß Settembrini „am Tische der Vettern, hänselte Frau Stöhr und sprach dann einiges über den Tischlerssohn und Menschheits – Rabbi, dessen Geburtstag man heute fingiere. Ob jener wirklich gelebt habe, sei ungewiß. Was aber damals geboren worden sei und seinen bis heute ununterbrochenen Siegeslauf begonnen habe, das sei die Idee des Wertes der Einzelseele, zusammen mit der der Gleichheit gewesen, - mit einem Worte die individualistische Demokratie. In diesem Sinne leere er das Glas, das man ihm zugeschoben. Frau Stöhr fand seine Ausdrucksweise >>equivok und gemütlos<<. Sie erhob sich unter Protest“ (Zb 438, 20 – 30) (3).

Beide Stellen im „Zauberberg“ sind also durch das Wort „équivoque“ mit „Fink und Fliederbusch“ in „Übersetzung“ und Original  verbunden.  Auch thematisch lassen sich die im "Zauberberg" genannten Begriffe „Freiheit“, „Individualismus“ in der "zweideutigen" Ausführung Naphtas (Zb 1053, 25 – 1054, 9) gemeinsam mit dem Begriff „individualistische Demokratie“ in der „Weihnachtsansprache“ Settembrinis an „Fink und Fliederbusch“ festmachen: Für den Grafen, der die Sache „historisch“ (wie Naphta) betrachtet, sind die Worte der politischen Gegner „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit “ und„Individualismus“ seichte Phrasen sind (FuF 320, 32 – 321, 22; vgl. auch in Finks reaktionärem Artikel: „terroristische(n) Phrasen“, FuF 291, 23). Aus dem „Unwert des Einzellebens“ (von Fliederbusch dem Grafen unterstellte Theorie, FuF 304, 4) wird im "Zauberberg" der „Wert(es) der Einzelseele“ (Zb 438, 26).  Den Vorwurf der „Zweideutigkeit“ in „Glaubensdingen“ muss sich Settembrini von Frau Stöhr (!) gefallen lassen. 

Der Vorwurf der Verführung ist ebenfalls schon in der oben zitierten Frage der Fürstin nach dem Grunde des Duells angelegt ("gar ein unschuldiges Mäderl vom Pfad der Tugend weggelockt?", FuF 333, 9 - 12).

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