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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

                   Spuren im „Zauberberg“: Arthur Schnitzler, Liebelei (1896)
Der für unsere Zwecke relevante Inhalt sei kurz zusammengefasst: Fritz bekommt für eine schon vergangene Liebschaft mit einer verheirateten Frau während eines privaten Soupers in kleinem Kreise mit Freund Theodor, Freundin Christine und Bekannte Mizi eine Duellforderung. Der Ehemann, der Fritz aufsucht, hatte dessen Liebesbriefe bei seiner Frau gefunden. Fritz stirbt bei dem Duell, Christine bringt sich (wahrscheinlich) um.

Die nachfolgende Szene in Schnitzlers „Liebelei“ weist Ähnlichkeiten mit Ellen Brands Verhalten beim Gesellschaftsspiel im „Zauberberg“ auf:

 „MIZI Herr Fritz, spielen S‘ den Doppeladler.
FRITZ Den Doppeladler – wie geht der?
MIZI Dori, kannst du nicht den Doppeladler spielen?
THEODOR Ich kann überhaupt nicht Klavier spielen.
FRITZ Ich kenn ihn ja; er fällt mir nur nicht ein.
MIZI Ich werd‘ ihn Ihnen vorsingen … La … lalalala … la …
FRITZ Aha, ich weiß schon. Spielt aber nicht ganz richtig.
MIZI geht zum Klavier. Nein, so …  Spielt die Melodie mit einem Finger.
FRITZ Ja, ja … Er spielt, Mizi singt mit.
THEODOR Das sind wieder süße Erinnerungen, was? …
FRITZ spielt wieder unrichtig und hält inne Es geht nicht. Ich hab‘ gar kein Gehör.“  (Liebelei, S. 116, 20 – 33). (1)

 „Sie (sc. Ellen) holte aus dem Speisesaal eine Prise Salz, streute sie dem Staatsanwalt Paravant auf den Kopf, nahm ihn danach bei der Hand und führte ihn zum Klavier, wo sie mit seinem Zeigefinger den Anfang des Liedchens >>Kommt ein Vogel geflogen<< spielte. Dann brachte sie ihn zu seinem Platze zurück, machte einen Knix vor ihm, zog einen Fußschemel herbei und setzte sich abschließend darauf zu seinen Füßen nieder, - genau so, wie man es sich unter vielem Kopfzerbrechen für sie ausgedacht.“ (Zb 994, 32 – 995, 7) (2)

Bemerkenswert ist, dass in beiden Szenen die Melodie eines Musikstücks mit einem Finger auf dem Klavier gespielt wird.. Auch die „süße Erinnerungen“ werden im „Zauberberg“ konkretisiert:

„– Er (sc. Holger) hatte ihr das mit der Salzprise und Paravants Zeigefinger verraten? – Ja, die Schattenlippen liebkosend an ihrem Ohr, so daß es leise kitzelte und zum Lächeln reizte, habe er es ihr eingeflüstert“ (Zb 998, 16 – 19).

Diese Parallelen, die für sich schon die Verwendung von Schnitzlers „Liebelei“ im „Zauberberg“ wahrscheinlich machen, erfahren nun eine entscheidende Ergänzung, wenn man sich klarmacht, warum Thomas Mann gerade dieses Volksliedchen wählt.

Ausgangspunkt für Thomas Mann ist der österreichische „Doppeladler“, also der Marsch „Unter dem Doppel-Adler“ von Josef Franz Wagner (1856 – 1908). Bei der Suche nach einer „gegensätzlichen“ Musikgattung kommt Thomas Mann über den Oberbegriff „Vogel" zu dem (ebenfalls aus Österreich stammenden) bekannten Volkslied „Kommt ein Vogel geflogen“. Der vollständige Text der ersten Strophe des Volkslieds (in einer von mehreren Versionen) lautet:

„Kommt a Vogel geflogen, setzt sich nieder auf mein Fuß,
 hat a Briefle em Schnabel und vom Schätzle en Gruß".

Thomas Mann verwendet also nicht nur den zitierten Anfang des Volksliedes, sondern auch den restlichen Teil der ersten Zeile im „Zauberberg“: Ellen Brand „setzte sich abschließend darauf zu seinen Füßen nieder“.

 Ergänzt ein Leser auch die zweite Zeile dieses Liedchens, so wird er zu Schnitzler geführt: 

 „DER HERR nach einer langen Pause Hier sind Ihre Briefe. Er wirft ein Paket, das er aus der Tasche des Überziehers nimmt, auf den Schreibtisch. Ich bitte um die, welche Sie erhalten haben …
FRITZ abwehrende Bewegung.
DER HERR heftig, mit Bedeutung Ich will nicht, daß man sie – s p ä t e r bei Ihnen findet.
FRITZ sehr stark  Man wird sie nicht finden“ („Liebelei“, 119, 9 – 15).

Das „Briefle“ ist das Paket der Liebesbriefe von Fritz an sein „Schätzle“, das ihm nun der Besucher (Ehemann) vom „Schätzle“ bringt. Die zentrale Szene in Schnitzlers „Liebelei“ kommt so- eingebettet in ein Spiel der „Berghofgesellschaft“ - über das Volkslied als „Theater im Theater“ ins Blickfeld. Dies ist ein Beispiel dafür, dass man bei Thomas Mann mit markierten Leerstellen rechnen muss, die der Leser ausfüllen soll. Es braucht kaum erwähnt zu werden, dass der damalige Bildungsbürger das erfolgreichste Schauspiel Schnitzlers kannte und insbesondere diese grausige Szene in seinem Gedächtnis haften geblieben ist. 

  Dass ein Staatsanwalt „mitspielt“, verweist wiederum auf die staatliche Ebene des „Doppeladlers“. Der Zeigefinger des Staatsanwaltes wird an unserer Stelle für ein „harmloses“ Volksliedchen instrumentalisiert. Aus einer anderen Perspektive kann man hier einen Zeitbezug zum 1. Weltkrieg mit dem Gegensatz „klingende k.u.k. Marschmusik“ und Schicksal der Kriegsgefangenen erkennen. (3) Taucht ein Staatsanwalt in einer von Schnitzler inspirierten Stelle auf, denkt man natürlich auch an die Gerichtsaffäre um den „Reigen“. (4)

 
Anmerkungen:
1.       „Liebelei, Schauspiel in drei Akten“ in: Arthur Schnitzler, Der einsame Weg, Zeitstücke 1891 – 1908, Fischer Verlag 2001 (1961), S. 97 – 155.
2.       Die Zahlen in Klammern (Seite, Zeilenangabe) verweisen auf Thomas Manns Der Zauberberg, Bd. 5/1 (Textband) -2 (Kommentarband) – M. Neumann - der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002.
Hervorhebungen durch Fettdruck vom Autor. Abkürzung:  Zb.
3.       Vgl. Beitrag „Ellen (Elly) Brand“.
4.       „Reigen“ in: Arthur Schnitzler, Reigen Die Einakter, Fischer Verlag 2000 (1961), S. 139 – 218.

Veröffentlichung:  17. 09.12
Autor:  Gerhard Adam

 

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