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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

                Spuren im „Zauberberg“: Richard Beer – Hofmann, Novellen (1893)

In der Novelle „Camelias“(1891, veröffentlicht 1893) werden Nacht- und Morgentoilette des „Beau“ Freddy (Cam 99, 31) ausführlich geschildert. (1)

„Auf dem Toilettetische war eine Dose Coald-Cream, Wildlederhandschuhe, ein weißes Taschentuch und ein gelbseidenes Cachenez vorbereitet. Er breitete das Taschentuch über den Kopfpolster und wand das Cachenez vorsichtig um seinen Kopf, immer dabei die Haare glatt streichend; er mußte tun, denn wenn die Haare, während er sich im Schlafe bewegte, aus ihrer gewohnten Lage kamen, schmerzte ihn am Morgen die Kopfhaut. Dann verrieb er langsam das Coald-Cream auf seinem Gesicht; er strich von den Schläfen abwärts gegen die Wangen – wenn man’s in der entgegengesetzten Richtung tat, bekam man noch mehr Fältchen in den Augenwinkeln – behauptete die alte Baronin von Wedersheim. So! – und jetzt noch die Hände! Er rieb sie ein und fuhr in die Handschuhe; er war fertig mit seiner Toilette für die Nacht“ (Cam 98, 17 – 31).

 „Wenn er (sc. Freddy) morgens aufstand, badete er, dann duschte er sich, dann wurde er massiert, dann kam der Friseur, dann kamen Nägel und Zähne an die Reihe – und dann erst die Toilette“ (Cam 100, 1ff.).

Auch im „Zauberberg“ nehmen diese Vorgänge einen überraschend großen Raum ein (Zb 137, 21 – 30; 61, 1 – 20). (2)

„Beim Auskleiden sang er (sc. Castorp) vor sich hin, jedoch nicht aus Fröhlichkeit. Mechanisch und ohne den rechten Bedacht erledigte er die kleinen Handgriffe und kulturellen Pflichten der Nachttoilette, goß hellrotes Mundwasser aus dem Reiseflakon ins Glas und gurgelte diskret, wusch sich die Hände mit seiner guten und milden Veilchenseife und zog das lange Batisthemd an, das auf der Brusttasche mit den Buchstaben HC bestickt war. Dann legte er sich und löschte das Licht, indem er seinen heißen, verstörten Kopf auf das Sterbekissen der Amerikanerin zurückfallen ließ“ (Zb 137,21 – 30). Bei Castorps Morgentoilette wird zusätzlich die Qualität der Utensilien betont: Castorp „hatte Muße im Überfluß, seinen Morgengewohnheiten ausführlich nachzukommen, hochzivilisierten Gewohnheiten, unter denen eine Gummiwanne sowie eine Holzschale mit grüner Lavendelseife nebst zugehörigem Strohpinsel eine Hauptrolle spielen“ (Zb 61, 5 – 9) Er führt den „versilberten Hobel über seine mit parfümiertem Schaum bedeckten Wangen“ (Z 61, 1 – 13). Mit „gepuderten Backen, in seiner fil d’écosse - Unterhose und roten Saffian-Pantoffeln“ tritt er auf den Balkon hinaus (Zb 61, 18ff.).

Warum wird dieToilette Castorps im „Zauberberg“ ebenso ausführlich dargestellt?

In Beer-Hofmanns Novelle wird die Deutung mitgeliefert:
„Sollte er Theas (sc. die ihn liebt) wegen all‘ die Maßregeln aufgeben, die nötig waren, wenn er das bleiben wollte, was er war: der >>Beau<<. Es war nicht so leicht >>schön sein<< als man dachte“ (Cam 99, 29 – 32). Der „schöne Freddy“ wird hier als Dandy vorgeführt.

 Auch bei Castorp sind manche Eigenschaften eines „Dandy“ offensichtlich: „Neigung zum Müßiggang“ (Zb 94, 4f.), „blasierte Gleichgültigkeit gegenüber der sozialen Wirklichkeit und ihren Problemen“ (z. B. keine Zeitungslektüre: Zb 379, 24-27)“, „nonkonformistische Einstellung zur bürgerlichen Leistungsgesellschaft“ (z. B. Zb 303, 9ff. 30f.), „Ästhetisierung des eigenen Lebens“ (z. B. Zb 27, 12; 52, 1 – 53, 3). In die „Vorliebe für die Welt des Schönen“ ist bei Castorp auch die Vorliebe für das Morbide (Krankheit, Sterben, Tod; „Vorliebe für Begräbnisse“: Zb 677, 29) eingeschlossen. (3)

Schon wegen seiner passiven Grundhaltung (z. B. Zb 55,1: „es sich dann entschied“) ist Castorp freilich nicht der bekannte Romantypus eines „Dandy». Thomas Mann hat den „Brotsack“ im Blick: „Denn namentlich darin war er echt, daß er gern gut lebte, ja, seines dünnblütig verfeinerten Äußern ungeachtet, innig und fest, wie ein schwelgerischer Säugling an der Mutterbrust, an des Lebens derben Genüssen hing“ (Zb 51, 27 – 30). Das Publikum betrachtet den „Dandy“ eher amüsiert, während der „Brotsack“ zum Vokabular des „Klassenkampfes“ (Kapitalist, stereotypisch überwiegend Jude) gehört. Im „Zauberberg“ wird diese soziale Kritik nicht ausformuliert, wird aber durch Castorps Name „Brotsack“, sein nur schwach mit Krankheit gerechtfertigtes „Frührentnerdasein“, Settembrinis Aufforderungen zur Arbeit und durch die Betonung der luxuriösen Mahlzeiten immer präsent gehalten.(4)   

Ein zentraler Begriff unserer Quelle ist „Coald-Cream“. Dieses durch zweifache Nennung und Schilderung der Funktionsweise herausgehobene Produkt wird zum Ansatzpunkt weiterer Assoziationen: Thomas Mann führt den Leser in den anglo-amerikanischen Raum zur sterbenden Amerikanerin und ihrem Bräutigam, einem englischen Marineoffizier. „Coald-Cream» (= Cold-cream) wird mit „Tränen“, „Rasierapparat“, „Salzwasser“ verknüpft:

1.       Tränen: „Jeden Augenblick kam er auf den Korridor hinaus, um zu weinen, ganz wie ein kleiner Junge. Und dann rieb er sich die Backen mit Cold-cream ein, weil er rasiert war und die Tränen ihn da so brannten“ (Zb 23, 10 – 13. 31 – 24, 6). Eine Bewertung wird angefügt (Ziemßen): „aber er benahm sich nicht gerade stramm“ (Zb 23, 9f.). Im Traum weint Castorp und braucht Cold-cream (Zb 33, 12ff.).

Beim Tode seines Vetters „stand auch er (sc. Castorp) und weinte, ließ über seine Wangen die Tränen laufen, die den englischen Marineoffizier dort so gebrannt hatten“ (Zb 811, 24ff.). Er schließt „mit der Spitze des Ringfingers“ die Lider Joachims (Zb 811, 23). „Auch Herr Settembrini winkte mit der Rechten, während er mit der Ringfingerspitze der Linken zart einen Augenwinkel berührte“ (Zb 1080, 18ff.; 1085, 9f.): Die „Augenwinkel» unserer Quelle werden mit Tränen (statt mit „Fältchen“) assoziiert.

2.       Rasierapparat: „Wahrscheinlich hatte der Marineoffizier sich mit dem Sicherheitsapparat rasiert, möchte ich annehmen, man macht sich doch leichter wund mit den Dingern als mit einem gut abgezogenen Messer, das ist wenigstens meine Erfahrung, ich gebrauche abwechselnd eins und das andere … Castorp sieht im Traum Frau Iltis mit einem Sicherheits-Rasierapparat (Zb 33, 14 – 17).

3.       Salzwasser: „Na, und auf der gereizten Haut tut das Salzwasser (sc. Tränen) natürlich weh, da war er (sc. englische Marineoffizier) wohl vom Dienst her (sc. das Salzwasser der Meere) gewöhnt, Cold-cream anzuwenden, es fällt mir nichts auf daran …“ (Zb 23, 32 – 24, 6). „- dies klare Naß (sc. Tränen), so reichlich-bitterlich fließend überall in der Welt und zu jeder Stunde, daß man das Tal der Erden poetisch nach ihm benannt hat; dies alkalisch-salzige Drüsenprodukt, das die Nervenerschütterung durchdringenden Schmerzes, physischen wie seelischen Schmerzes, unserem Körper entpreßt. Er wußte, es sei auch etwas Muzin und Eiweiß darin“ (Zb 811, 26-32).  

Paul wischt mit einem Stückchen Tuch von Theas Kleid ihre Adresse auf der Schreibtafel aus und lässt die Blumen (Camelias) wie bisher an Franzi statt an Thea schicken (Cam 107, 29ff.). Die Zigarette (schon angeraucht) schmeckt Paul nicht mehr. Paul „spürte einen bitteren Geschmack im Munde: die Zigarette, die ihm längst ausgegangen war; er setzte sie an der Kerze in Brand. Auf dem Tische stand der Sherry ¸er nahm einen Schluck – wie eklig süß – wie fad! – Nachlässig warf er die Zigarette hin; sie erlosch zischend im Weinglas“ (Cam 108, 5 – 10).

Castorp „warf den beschuldigten Stummel (sc. Bleistift) in die Punschbowle“ (Zb 503, 24f.). Der weggeworfene Bleistift, der abgenützt und nicht mehr „handlich“ war, wird durch Chauchats Crayon ersetzt und damit mit Hippe in Verbindung gebracht: „Der Bleistift von damals, der erste (sc. von Hippe), war handlich-rechtschaffener gewesen“ (Zb 505, 14f.). Das Hineinwerfen der wieder entzündeten Zigarette ins Weinglas am Ende der Novelle von Beer-Hofmann gibt somit nicht nur die Richtung vor für Castorps Wegwerfen des Bleistifts (Weinglas-Punschbowle), sondern bekräftigt die innere Distanzierung von einer Person (Thea, Hippe).

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