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Beitrag 91
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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

Auch auf Beer-Hofmanns zweite Novelle „Das Kind“ (1893) lassen sich Motive des „Zauberbergs“zurückführen:                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  

Der Protagonist Paul steigt die Treppe hinauf zu seinem Absteigequartier. Paul verspricht dem Sohne der Vermieterin, Carletto, der in einem Nachbarzimmer auf einem Lehnstuhl „mit hochhinaufgezogenen Beinen kauerte und stickte“, ein >>Buch zum Lesen<< mitzubringen“ (Kind 43, 27 - 31).

 Naphta gibt Castorp in seiner Wohnung die Schrift von Innozenz dem Dritten, >De miseria humanae conditionis“ (Zb 594, 18f.; 595, 4f.; 611, 31ff.). Sein Zimmer „befinde(t) sich eine Treppe hoch in der Schneiderei“ (Zb 580, 30f.). Dort sitzt der Damenschneider Lukacek „mit untergeschlagenen Beinen auf einem Tische“ (Zb 590, 32f.) und stichelte (Zb 591, 10).

 Die Vermieterin hatte ihre besten Sachen in das an Paul vermietete Zimmer hineingebracht (Kind 42, 3 – 22). Darunter auch einen „Haussegen“, die letzte Handarbeit ihrer als Braut verstorbenen Tochter.

 Naphtas Zimmer ist luxuriös, mit einer grausigen Pietá (Zb 592, 16 – 29) als Gegensatz zu dem (idyllischen) gestickten „Haussegen“ in Pauls Zimmer.

Carletto, der Sohn von Frau Wagner, kann seine berufliche Laufbahn nicht fortsetzen: „Früher war er Schreiber bei Gericht gewesen; aber selbst diese Tätigkeit ermüdete den kleinen zarten, verwachsenen Körper zu sehr, und dann mochte er nicht unter all‘ den übermütigen jungen, und mürrischen alten Kollegen sitzen, die ihn – trotzdem er über dreißig war – noch immer als kleinen Buben behandelten (=mobbten), auf sein schmales, bartloses Gesicht hin, das die aschblonde Umrahmung des gescheitelten langen Haares noch jünger erscheinen ließ “ (Kind 43,9 – 16). Carletto war als Knabe lange Zeit krank (Kind 43, 20f.).

 Naphta ist ein „kleiner, magerer Mann, rasiert“ (Zb 562, 32f.). Die „sehr zierlichen“ Füße entsprechen seiner Figur (Zb 564, 9f.). Naphta „war übrigens aschblond, metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der fliehenden Stirn über den ganzen Kopf zurückgestrichen“ (Zb 564, 1ff.). Er macht seinem Exercitienleiter „alltäglich die Hölle heiß» (Zb 671, 33f.), mobbt ihn also. „Von der Mutter hatte er den Keim der Brustkrankheit“ geerbt (Zb 665, 23).

Der Hausknecht, der Paul und Juli (Walker, Kind 49, 29) die Haustüre öffnet, hat ein „rotes knolliges Gesicht, mit rotblondem, überhängendem Schnauzbart und brutalen wulstigen Lippen» (Kind 63, 24f.). Diese Attribute finden sich aufgeteilt zwischen Gänser, dem „Wulstlippigen“ (z. B. Zb 334, 30f.) und dem gutmütigen (Gegensatz zu brutal) Ferge mit rotbraunem Schnurrbart (Zb 642, 32f.).

An Ferge erinnert auch noch eine andere Stelle:

„In den kleinen Vorgärten standen hohe gelbrote Feuerlilien …Er las die Schilder der Häuser halblaut ab, als müßte er mit dem Klange seiner Stimme die Gedanken scheuchen, die in ihm lagen. Der Schuster, - und dann kam der Hufschmied, und dann runde kleine Täfelchen irgend einer Versicherungsgesellschaft über den Türen der Häuser, - und dann ein ovales Schild mit einer heiligen Maria, die in Wolken saß – die Hebamme des Ortes, dann der Bäcker – und der Duft frischen Brotes vermischte sich mit dem beizenden Geruch des feuchten Straßenstaubes“ (Kind 69, 1 – 12). Ein Kaninchen „knabberte an einem Kohlblatte“ (Kind 69, 19f.).

Diesem „Bild“ eines idyllischen Dorfes entnimmt Thomas Mann die Ausgestaltung der Romanfigur „Ferge“.   

1.      Metonymisch führt er die einzelnen Begriffe zurück: von der Person des Schusters zum Produkt („Gummischuhfabrikation“: Zb 546, 12f.; 642, 33f.), vom Hufschmied zu den Objekten seiner Tätigkeit, den Pferden („Pferdewechsel“: Zb 472, 7f.)

2.      Ferge ist „Reisender im Dienst einer Feuerversicherungsgesellschaft (Zb 471, 24f.).

3.      Im Gegensatz zur Hebamme, die einen Menschen mithilfe der Maria auf die Welt bringt, weist „Ferge“ auf Charon hin, der in der griechischen Mythologie als „Fährmann“ (Ferge) verstorbene Menschen in die Unterwelt bringt. Abkürzungen der Vornamen (A.K.) von Ferge (Zb 642, 31; 764,3) stützen diese Annahme: Sie deuten auf die Unterweltsströme Acheron und Kokytos. (5) Ironischerweise ringt hier Ferge selbst mit dem Tode: „Ich (sc. Ferge) fiel in Ohnmacht, - in drei Ohnmachten auf einmal. Eine grüne, eine braune und eine violette. Außerdem stank es in dieser Ohnmacht, der Pleurachok warf sich mir auf den Geruchsinn, meine Herren, es roch über alle Maßen nach Schwefelwasserstoff, wie es in der Hölle (=  Gegensatz„Maria/Wolken“)  riechen (=„beizender Geruch“) muß“ (Zb 471, 2 – 6; 680, 9 – 26).

4.      „Gefrorener Proviant, so Kohlsuppe wie Weißbrot, hatte er im Kasten mit sich geführt, die an den Stationen, beim Pferdewechsel, zum Genusse aufgetaut worden waren, wobei sich das Brot als frisch wie am ersten Tage erwiesen hatte“ (Zb 472, 6 – 9).

 
Die Bedeutung der Farbe in dieser Novelle zeigt sich besonders an der vielfachen Nennung der Farbe „Gelb“:

Das Kind des Hausmeisters mit „strohgelb verwaschenen Haaren“ (Kind 40, 29). „Buttergelb“ ist die Friedhofsmauer angestrichen (Kind 66, 20-23).Ein „strohgelber“ Köter fährt auf ihn los (Kind 68, 29). Überall sieht Paul die Farbe „Gelb“ (Kind 72f.: gelber Sandhaufen, gelbe Flaumfedern, Goldregen, Gelb der Kürbisblüten, gelbrotes Tuch, gelbe Kornfelder, goldgelbe Ranunkeln, Gelb der Sumpfdotterblumen, dottergelbe Scheibe der Sonne, gelbe Blüten, gelbe Flut der Blüten). „Die Wiese ist übersät mit gelben Blumen, die sich sehnend zu einander neigten imWind, der sie befruchtete, - den Bienen, die den Blütenstaub trugen, demütig ihre Kelche öffneten, um ihn in ihren Narben zu empfangen, - und überall Gelb, warmes, sonniges Gelb, Goldgelb, Kürbisblüten, die gelbwogende Wiese, und über all‘ dem flammend die fruchtbare Sonne des Frühsommers, dottergelb in weißen Wolken!“ (Kind 77, 17 – 24).

Auch im „Zauberberg“ wird die Farbe „Gelb“ oft verwendet und in verschiedene Interpretationsbezüge eingebracht:

 So signalisieren etwa die gelben Zähne Krokowskis (Zb 30, 31; 278, 32; 290, 29f.; 527, 8f.; 553, 23) in Verbindung mit der „dunkle(n) Glut seiner Augen“, den schwarzen Brauen, Bart, Anzug und Halbschuhen (Zb 30, 21 – 26) eine Gefahr (wie bei Verkehrszeichen), während Settembrinis „hellgelblich“ karierte Hose (Zb 88, 19) das Komödiantische betonen. Gelb ist die Farbe des Getreidekorns und „Kennzeichnungsfarbe“ des Juden. 

Das Wort „tot“ wird herausgestellt und mit einer unangemessenen Reaktion verbunden (Zb 842, 16 – 22; Kind 18, 12 – 21):

Castorp erzählt Chauchat vom Tode Joachims: „>>Er ist tot. Er hat Dienst gemacht in der Ebene und ist gestorben.<< Er selbst bemerkte, daß >>tot<< das erste betonte Wort war, das wieder zwischen ihnen fiel. Er bemerkte zugleich, daß sie aus Mangel an Vertrautheit mit seiner Sprache zu leichte Ausdrücke des Mitgefühls wählte, als sie hinter und über ihm sagte: >>O weh. Das ist schade. Ganz tot und begraben? Seit wann?<<“(Zb 842, 16 – 22).

 Paul erhält die Nachricht vom Tode seines Kindes: „ Er fühlte nichts, er konnte auch nicht nachdenken; er hatte nur die Empfindung als wiederhole jemand in ihm in unendlich rascher Folge die Worte >>Also tot, also tot, - tot.<< Dann versuchte er sich es klar zu machen: >>Tot<<, er trachtete das Wortbild zu erfassen, er stellte es sich vor in deutschen, in lateinischen Lettern, er holte die einzelnen Buchstaben aus dem Alphabete und setzte sie zusammen, - aber kein Empfinden rührte sich in ihm. Er war nicht ergriffen, nicht erfreut, in einer Art erstaunter Betäubung schritt er weiter“ (Kind 18, 12 – 21).

Juli hat Schwierigkeiten mit Fremdwörtern (Kind 15, 10: sukzessive“) wie Frau Stöhr (z. B. Zb 28, 32: „Desinfiszieren“; 29,1: „Fomulus“.4 „Sterilett“).

Bei der Rückfahrt glaubt Paul aus der Kutsche in Wien die „Konservatoristin“ zu erblicken: „>>Halten!<< Er rief es dem Kutscher zu; aber ehe der noch die Pferde zurückgerissen, war er abgesprungen und in der Menge verschwunden“.- (Kind 82, 7ff.). Der Schluss dieser Novelle lässt es offen, wie sich Pauls Leben weiter entwickelt.

 Im „Zauberberg“ sind zwei Freunde unter Granatbeschuss „vermengt und verschwunden“(Zb 1084, 22). Im „Getümmel … kommt er (Castorp) uns aus den Augen“ (Zb 1084, 31f.). Auch die Frage nach Castorps weiterem Schicksal bleibt letztlich unbeantwortet (Zb 1085, 14ff.).

Auf vergleichbare Punkte der Komposition und Erzähltechnik zwischen der Novelle „Das Kind“ und dem „Zauberberg“ sei nur hingewiesen (6): So besteht die Novelle aus sieben Kapiteln wie der „Zauberberg“. In abgeschwächter Form gelten die Aussagen über die Novellen Beer-Hofmanns auch für den „Zauberberg“: Es „konzentriert sich auch hier (sc. in der Novelle „Das Kind“ wie in der Novelle „Camelias“) das hauptsächliche Interesse auf das vielschichtig miteinander verwobene Innenleben (Erinnerungen, Assoziationen, Intuitionen, Gefühle, Gedankenströme, Imaginationen, Reflexionen etc.) des Protagonisten und die Art und Weise (z. B. memoire involontaire), wie dieses Innenleben in Gang gesetzt wird“ (7). Man betrachte dazu nur Stellen wie Castorps Erinnerungen an Pribislav Hippe (im Beitrag “Romanfiguren“ aufzufinden), „Hans Castorps innere Beziehungen“ zu Chauchat (Zb 313, 11 – 314, 29), die Besuche seines Lieblingsortes (Zb 585, 7 – 23) und sein dortiges „Regieren“ (Zb 588, 11 - 589, 26), die Überlegungen zum bevorstehenden Abschied Joachims im Liegestuhl in der Loggia (Zb 633, 14 – 635, 6) und seine Träume.

Anmerkungen:

1.      Richard Beer-Hofmann, Novellen, hrsg. und mit einem Nachw. von Günter Helmes, Igel Verlag Literatur, 1993 (Band 2 der „Grossen Richard Beer-Hofmann-Ausgabe in sechs Bänden). Abkürzungen: Cam, Kind

2.      Die Zahlen in Klammern (Seite, Zeilenangabe) verweisen auf Thomas Manns Der Zauberberg, Bd. 5/1 (Textband) -2 (Kommentarband) – M. Neumann - der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002.Hervorhebungen durch Fettdruck vom Autor. Abkürzung: Zb

3.      Eigenschaften des „ Dandy“ im Artikel „Dandyismus“: Metzler Literaturlexikon, begründet von G. und I. Schweikle, hrsg. von Burdorf, Fasbender, Moennighof, 3. Aufl. (2007), S. 139.

4.      Der „Brotsack“ Castorp ist natürlich auch mit einem Pilger zu assoziieren, der sich mit Brotsack, Stock und Hut auf einer Wallfahrt befindet. Dieser Aspekt wird uns bei der Behandlung von Wagners „Tannhäuser“ beschäftigen.

5.      Zu Charon: Lexikon der griechischen und römischen Mythologie von Herbert Hunger, Wien 1988 (8. Aufl.), S. 105f. und andere Lexika.

6.      Vgl. Günter Helmes in: Richard Beer-Hofmann (1866-1945) Studien zu seinem Werk. Hg. von Norbert Otto Eke und Günter Helmes, Würzburg 1993, S. 59 ff.

7.      Günter Helmes im Anhang zur Novelle, S. 119.

Veröffentlichung: 23. 04.13
Autor: Gerhard Adam 

 

 

 


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