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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

          Spuren im „Zauberberg“: William Shakespeare, Viel Lärm um nichts (1598/99)

Benedick, der Freund Claudios, beschreibt Hero:
„she’s too low for a high praise, too brown for a fair praise, and too little for a great praise“ (Much Ado I.1.152f.). (1) Eigenschaften der Romanfigur Marusja im „Zauberberg“ lassen sich erkennen:

„Still“ (low) ist Marusja schon dadurch, dass sie nur Russisch spricht (Zb107, 3; 108, 27f.; 177, 1f.), damit nicht aktiv am Gespräch ihrer Tischgenossen teilnehmen kann und sowieso immer nur kichert (Zb 112, 19f.). Das vor den Mund gehaltene Tüchlein signalisiert diese Sprachlosigkeit. Joachim sitzt mit ihr jahrelang an einem Tisch, ohne dass sie miteinander sprechen (Zb 804, 6ff.; 898, 9f.). Wenn Marusja mit russischen Frauen zusammen ist, redet sie (Zb 176, 31ff.). Ähnlich ist es mit Hero, die sich in Shakespeares Komödie still verhält, nur wenige und kurze Antworten gibt und erst bei Frauen gesprächig wirkt ( Much Ado III.1). (2) Bei Marusja gibt es keinen Hinweis auf „Reden“ (Ausnahmen: Ausfahrt der Russinnen: Zb 177, 2f., Unterhaltung mit Ziemßen : Zb 803, 18 – 33; 898,8). 

 „Braun“: Marusja wird ausgestattet „mit kastanienbraunem, angenehm wellig geordneten Haar, runden, braunen, kindlichen Augen“ (Zb 106, 33f.; 177, 11; 263, 12; 324, 4; 524, 4; 544, 25; 803, 29).

„Klein“: Marusja hat „kindliche“ Augen (Zb 107, 1), blickt kindlich (Zb 177, 11) und wirkt albern (Zb 112, 19), lacht ständig. „Hero, Leonato´s short daughter“ (Much Ado I.1.190) ist körperlich klein, eine Umdeutung bei Marusja in „Kindskopf“ liegt nahe.   

Hero ist eine „modest young lady“ (Much Ado I.1.146, 152ff.). Im Gespräch mit Dr. Krokowski schlägt Marusja (und die Yoghurtesserin) „unterwürfig und schamhaft“ die Augen vor ihm nieder (Zb 108, 30f.).

Hero und Marusja sind hübsch und jung (Much Ado I.1. 272, 276, 290; Zb 106, 32; 115, 32; 128, 28; 232, 20; 263, 9). „Liebhaber“ ist jeweils ein Soldat (Claudio, Joachim).

Die Paare Claudio-Hero und Benedick- Beatrice sind miteinander verwandtschaftlich verbunden wie die Paare Castorp-Chauchat und Ziemßen-Marusja: Hero ist Kusine zu Beatrice, Castorp ist Vetter zu Joachim.

Nach der angeblichen Untreue Heros bezeichnet sie der designierte Bräutigam Claudio als „rotten orange“ (Much Ado IV.1.30).  Hero wird mit einer „orange“ verglichen, die nur äußerlich deren Qualität besitzt („ but the sign and semblance of her honor»: Much Ado IV.1.31.54 "seeming"), innen aber faul („rotten“) ist.

Das bekannte Generalthema „Schein-Sein“ in „Much Ado“ (und überhaupt bei Shakespeare) ist auch im „Zauberberg“ präsent.

Thomas Mann bezieht die Metapher „rotten orange“ konkret auf die Brust Marusjas:  


1.       Die „Orange“ Shakespeares findet sich expressis verbis wieder als „Orangenparfüm“ (Zb 324, 5; oder „Apfelsinenparfüm»: Zb 225, 26; 552, 10), in Marusjas „Orangentüchlein“ (Zb 232, 21 oder „Apfelsinentüchlein»: Zb 225, 31; 641, 2; 803, 22) und möglicherweise in den „kugelrunden braunen Augen“ (Zb 263, 12; „Kugelauge“: Zb 803, 30; „rundäugig“: Zb 490, 16; „rund“: Zb 524,4).  

2.       Marusja hat eine „hohe(n), wurmstichige(n) Brust“ (Zb 225, 26f.). „Wurmstichig“ entspricht „rotten“. Marusja ist „keineswegs ausgeheilt und entgiftet; die Lehrerin wußte etwas von tuberkulösen Geschwüren, die die braunäugige Marusja an ihrer üppigen Brust haben sollte, und die schon mehrmals hatten operiert werden müssen“ (Zb 544, 22 – 26; 112, 25 – 28; 177, 13f.; 225, 26f.). Ihre „äußerlich wohlgebildete(n) Brust» wird sehr stark betont (Zb 315, 17; 803, 22f.; 106, 33; 177, 13f.; 325, 7f.; 544, 15.25; 545, 21; 634, 19; 804,6 220, 25f.).

3.       Das „Orangentüchlein“ wird von Marusja in den Mund „gestopft“. Verbindet sie damit Mund und Brust („orange“) (Zb 112, 19f.; 116, 1f.)? In dieser Gestik könnte dann der Vorgang des „Stillens“ angedeutet sein. Lässt sich diese Annahme vom Text her belegen?

a.       Marusja selbst wird als „kindlich“ bezeichnet wird. Die starke Betonung ihrer Brust deutet auf die Funktion des Stillens hin.

b.      Das Gesicht Joachims zeigt eine „fleckige Färbung“, der „Mund“ ist beim Anblick Marusjas „auf ganz eigentümlich klägliche Weise verzerrt“ (Zb 112, 29 – 32; 138, 19ff.; 177, 16ff.; 179, 23f.; 225, 21ff.; 361, 12-16; 544, 27ff.; 804, 10). (3) „Fleckig“ passt  „spiegelbildlich“ zum Tüchlein („Fleck“), aber auch übertragen zu einem im Gesicht „fleckigen“ Säugling (ein bekanntes Phänomen). Frustriert verzerrt dieser seinen Mund, weil er keine Milch bekommt: Joachim stellt sich die Unmöglichkeit des Stillens vor. Auch die (gängige) russische Anrede Joachims mit „Väterchen“ durch die Großtante Marusjas (Zb 545, 4) mag auf „Kind“ hindeuten.

c.       Der Schaukelstuhl, auf dem Marusja während des Gesprächs mit Joachim liegt (Zb 803, 18 – 33; 898,8), könnte als „Stillstuhl“ in die Richtung unserer Interpretation weisen.

d.       Zur engen Figurenkonstellation Marusjas gehört die Nichte der Großtante (Zb 106, 24; 108, 30; 115, 29; 176, 25; weitere Stellen im Verzeichnis „Romanfiguren“). Die Brustmalaise Marusjas wird durch die Großnichte auf „Milch“ hin illustriert: Sie wird als „Yoghurtesserin“ bezeichnet. Bekanntlich ist Yoghurt eine Art „Sauermilch“ („Milchspeise“: Zb 70, 25). (4) Diese Verbindung zu Marusja ist nicht gesucht: Bei einer Spazierfahrt sind Großtante, Großnichte, Marusja und Chauchat zusammen: „Sie sprachen und lachten über die Wagendecke, in die sie sich unter Schwierigkeiten teilten …“ (Zb 177, 2f.). Sie stecken sozusagen „alle unter einer Decke“, auch mit ihren gesundheitlichen Problemen (Großtante ausgenommen).    

e.       Ganz in diesem Sinne wird die „Mutterschaft“ angesprochen: Chauchat ist wie Marusja „innerlich wurmstichig“ (Zb 220, 25f.). Castorp macht sich Gedanken angesichts des mit Gaze umhüllten Armes von Frau Chauchats (Zb 197, 9 – 198, 11).(5) Wenn Frauen sich „verlockend“ kleideten, ist es gerechtfertigt, geht es doch „um die nächste Generation, um die Fortpflanzung des Menschengeschlechts, jawohl. Aber wie, wenn die Frau nun innerlich krank war, so daß sie gar nicht zur Mutterschaft taugte, - was dann? “(Zb 198, 1 – 4; 316,2 – 7). Joachim werden sozusagen diese Gedanken Castorps ins Gesicht gemalt, sooft er Marusja sieht.

f.        Die Großtante bietet russischen „Konfekt“ (Zb 177, 3f.) oder „Konfäktchen“ (Zb 527, 10; 545, 10) an. Auch dieses Motiv könnte von Shakespeare angeregt sein: Graf Claudio wird von Beatrice nach seiner Verdammung Heros ironisch „Count Comfect, a sweet gallant“ genannt (Much Ado IV.1.311). „Konfekt“ ist das „Zubereitete“, dann „(feine) Süßigkeiten“. Die Verkleinerungsform „Konfäktchen“ ist kindlich. 

 4.       Geht man von der Ambiguität des Wortes „Lachen“ aus, drängt sich noch eine weitere Interpretation der Gestik Marusjas auf (6): Marusja fängt mit ihrem Tüchlein ihr „Sputum“ ab, das Tüchlein erfüllt dann die Funktion des „Taschenfläschchens für Hustende“ (vgl. Zb 18, 2 – 5).(7) Dafür spricht eine Stelle, in der das Tüchlein ohne „Mutterschaftsbezug» benützt wird: Castorp sieht eine Dame aus Dr. Krokowskis Empfangszimmer herauskommen, die ein Tüchlein ständig an den Mund presst (Zb 204, 30 – 205, 9). Zu denken ist auch an Castorps Option im Wartesaal: „Hätte jemand Braunäugiges mit Rubinring und Orangenparfüm hier mit ihnen (sc. Castorp und Ziemßen)gewartet, so wäre es an ihm, Hans Castorp, gewesen, das Wort zu führen “und er hätte „vielleicht sein Taschentuch mit einem Schwung aus der Brusttasche gezogen, um sich zu schneuzen“.(Zb 324, 4 – 10). Auch hier stehen Tuch und Brust im Text nahe beieinander, die Bewegung des Tuches geht zur Nase, um sich von „Flüssigem“ zu befreien. Der Patient Rosenheim dagegen spuckt mit Gaffky zehn auf der Promenade aus (Zb 754, 24 – 27).   

Der Wechsel der Anrede von „Sie“ zu „Du“ könnte durch Shakespeares Komödie angeregt sein (You/Thou).

 N. Greiner hat für diese Komödie Shakespeares herausgearbeitet, „wie der unterschiedliche Gebrauch der Anredepronomina You und Thou eines der wichtigen diskreten Stilmittel und dramaturgischen Zeichen im äußeren und inneren Kommunikationssystem darstellt. Es definiert das soziale Beziehungsgefüge, hält Schwankungen und Provokationen darin fest; notiert die Entwicklung und Veränderung der Figurenkonstellation; signalisiert Stimmungsumschwünge und Gefühlsschattierungen positiver und negativer Art; erhellt Ironie und gezielte Beleidigungen“ (8).

Es soll hier nur auf einen Aspekt hingewiesen werden: Im „Zauberberg“ ist offensichtlich, dass Stellen des Übergangs von „Sie“ zu „Du“ mit „Abschied und Weggang““ in Verbindung stehen. 

 Das Gespräch zwischen Settembrini und Castorp am Faschingsdienstag (Zb 496, 30 – 500, 2), in dem sich Settembrini dagegen verwahrt, von Castorp mit „Du“ angeredet zu werden (Zb 497, 20 – 498, 2), endet (zweifach) mit dem Wort „Abschied“ (Zb 500, 2f.). Castorps veränderte Haltung zu Settembrini wird deutlich. Das Verhältnis Lehrer – Schüler wird aufgegeben: Der Schüler hat genug gelernt, um sich mit dem Lehrer gleichzustellen („Du“). (9)

Im Gespräch Castorp – Chauchat während des Karnevalfestes (Zb 504, 9 – 520, 27) werden die Anrede „Sie“/„Du“ direkt angesprochen (Zb 511, 21 – 28) und mit einem „Je vais partir“ Chauchats (Zb 511, 28) beendet.

Beim „Abschiedssouper“ (Zb 544, 31) spricht die Großtante Joachim „in ihrer Menschenfreundlichkeit» Mut zu und duzte ihn dabei „unter Ausschaltung zivilisierter Sittengesetze» (Zb 544, 30 – 545, 12).

Peeperkorn bietet Castorp die Duzbrüderschaft an (Zb 926, 26 – 928, 18). Castorp geht anschließend vom Krankenbett Peeperkorns weg.

 Beim Abschied aus Davos (Zb 1079, 17 – 1080, 20) hätte Castorp fast „die Fassung verloren, als Herr Settembrini ihn im letzten Augenblick mit Vornamen, nämlich >>Giovanni<< nannte und die im gesitteten Abendland übliche Form der Anrede dahin fahren und das Du walten ließ!“(Zb 1080, 1– 5). (10)

 Borachio gibt Beispiele dafür, „what a deformed thief this fashion is ... like the shaven Hercules in the smirched worm-eaten tapestry, where his codpiece seems as massy as his club“ (Much Ado III.3.122-129). Ein „codpiece“ wird definiert als „a  pouch to cover the genitals on a pair of man’s breeches, worn in the 15th and 16th centuries” (11) Joachim hat „etwas wie eine Pistolentasche“ an seinem Gürtel (Zb 1032, 33f.). Vielleicht ist damit dieser „Genitalschutz“ gemeint. Nimmt man zum „Genitalschutz“ den „Kochtopf“ (Zb 1033, 8) hinzu, kommt Marusja unter der bekannten Formel „Tisch und Bett“ ironisch „posthum“ noch ins Blickfeld. . Im Gegensatz zu Herkules, der „modisch“ geschoren ist, trägt Joachim den „Kriegsbart seiner letzten Tage“ (vgl. auch Frau Stöhr: „Ein Held! Ein Held!“, Zb 813, 2). Der tote Joachim erscheint so als Abbild seiner (unerfüllten) Lebenswünsche.

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