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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

     Spuren im "Zauberberg": William Shakespeare, Der Widerspenstigen Zähmung (1592)

Schon im Vorspiel dieser Komödie lassen sich Motive finden, die im "Zauberberg" verarbeitet werden:

1. Der sturzbetrunkene Bettler "Schlau" (Christophero Sly) wird schlafend aufgefunden. Nach dem scherzhaften Plan eines Lords soll sich Schlau, wenn er seinen Rausch ausgeschlafen hat, für einen Lord halten, der sich sieben Jahre lang eingebildet hätte ein Bettler zu sein. Schlau soll glauben, dass er von dieser Krankheit jetzt geheilt sei ("...restored to health / Who for this seven years hath esteemèd him no better than a poor and loathsome beggar": Tam.Shr.Ind.I.120f.). Castorp wird auf dem "Berghof" sieben Jahre lang suggeriert, dass er krank sei. (1)

2. Für die Durchführung des Plans werden die Kulissen geschaffen: Der Lord ordnet das Verbrennen von "sweet wood" an, um eines seiner herrschaftlichen Zimmer wohlriechend für den Bettler zu machen (Tam.Shr.Ind.I.47). Castorp wird in ein Krankenzimmer einquartiert, in dem kürzlich eine Amerikanerin gestorben ist. "Aber sie ist schon seit gestern morgen fort, und dann haben sie hier natürlich gründlich ausgeräuchert, mit Formalin, weißt du, das soll so gut sein für solche Zwecke" (Zb 23, 15 - 18). Castorp nimmt das Stichwort auf: "Ausgeräuchert, das ist famos" (Zb 23, 24). (2)

3. Ein regelrechtes Theater wird vor Schlau aufgeführt: Freudentränen sollen durch den Pagen Bartholomeo (als angebliche Gattin Schlaus) am Bett vergossen werden (Tam.Shr.Ind.I.104f.124f.). Eine Spielart davon könnte Joachims Schilderung der Szene vor dem Krankenzimmer der Amerikanerin andeuten: "Jeden Augenblick kam er (sc. der englische Marineoffizier, Bräutigam) auf den Korridor hinaus, um zu weinen, ganz wie ein kleiner Junge" (Zb 23, 10f.).

4. Das erste Wort von Schlau ist der Ruf nach einem Bier ("For God's sake! a pot of small ale": Tam.Shr.Ind.2.1). Halb im Einschlafen fragt Castorp schon am ersten Abend im Restaurant, "ob man hier eigentlich Porter bekommen könne" (Zb 29, 27). Bei der Schilderung des darauffolgenden Morgens wird an Castorps "Frühstücksporter" erinnert (Zb 62, 3; 262, 24). "Porter" (sc. englisches Starkbier) diente uns nun früher schon als Beleg dafür, dass hinter Castorp die Metapher "Brotsack" zu lesen ist. (3) Bier ("flüssiges Brot") ist dann sozusagen "tertium comparationis" zwischen Bettler Schlau und "Brotsack" Castorp: Der Bettler braucht Brot, der "Brotsack" hat's im Überfluss (Man denke nur an die ausführlich beschriebenen opulenten Mahlzeiten auf dem "Berghof").

 Thomas Mann hatte den Namen Castorp und dessen Verwendbarkeit zur verdeckten Metapher "Brotsack" schon  lange gefunden. Bei der Lektüre dieser Shakespearestelle gewann er ein Element des "plots" seines Romans hinzu: den siebenjährigen Identitätsverlust. Beide Figuren gehen ihrer Identität verlustig: Schlau (nur) rückwärts, Castorp vorwärts. Sieben Jahre lang lebt Castorp im "Wahne" einer "einseitigen" und dann korrigierten Krankheitsdiagnose (Zb 949, 4ff.). Am Schlusse sieht sich der "Siebenschläfer" (Zb 1077, 30; 1078, 31) davon "entzaubert, erlöst, befreit" (Zb 1079, 3) durch den "Donnerschlag" des 1. Weltkrieges (Zb 1079, 23). Während bei Schlau der Rückfall in die alte Existenzform unproblematisch ist, muss Castorp feststellen, dass er inzwischen alles im Flachland verloren hat (Zb 925, 23-26). Der 1. Weltkrieg kommt ihm gerade recht, um wieder "Sinn" in sein Leben zu bringen: Als "Kranker" in einem ausländischen Sanatorium bestand keine Notwendigkeit zum Militärdienst heimzukehren.

5. "Sly" = Schlau ist ein sog. "sprechender Name", der eine besondere Eigenschaft herausstellt. Castorp wird "Schlauheit" nur ausnahmsweise attestiert, sie ist "seiner Natur eigentlich fremd" (Zb 211, 4f.). 

6. In der Anfangsszene des "Vorspiels" setzt sich der betrunkene Schlau mit der Wirtin Marianne Hacket auseinander, der er Geld schuldet. Er verwechselt dabei Namen:"Richard Conqueror" (Tam.Shr.Ind.I 4) ist eine Kombination von Richard Löwenherz und Wilhelm dem Eroberer. Wenig später verwechselt er anscheinend eine Theaterfigur namens Hieronimo mit dem heiligen Hieronymus (4). Ähnliches bei Frau Stöhr, wenn sie von "Benedetto Cenelli in der Übersetzung von Schiller" spricht (Zb 452, 4f.).

Der Pronominalwechsel "you" zum vertraulichen "thee (und thy)" ist durch ein Zitat bedingt: "Go by, St. Jeronimy, go to thy cold bed and warm thee" (Tam.Shr.Ind.I.7f.). Settembrini motiviert sein "Du" bei Castorp am Fasching ausdrücklich mit  Hinweis auf ein Zitat (Zb 496, 30; 497, 33ff.).

Schlau verwendet eine fremdsprachige Floskel : "pocas palabras" (Tam.Shr.Ind.I.5). Behrens streut Italienisches ein: "Un poco più presto, Signori" (Zb 270, 11), Joachim Englisch: "Go on" (Zb 24, 26 ). Ein Spiel von Engländern wird wörtlich wiedergegeben (Zb 958, 21ff.). Bei Settembrini und Chauchat ist Italienisch bezw. Französisch selbstverständlich.

Im eigentlichen Theaterstück  lassen sich folgende Motive namhaft machen:

Petruchio zwingt Katharina zum absoluten Gehorsam: "0bedience" ist ein Schlüsselwort in dieser Komödie (5). Er beruft sich dabei auf die Bibel (Tam.Shr.III.2.225ff.).Katharina gibt es schließlich auf ihm zu widersprechen: "But sun it is not when you say it is not, / And the moon changes even as your mind. / What you will have it named, even that it is, / And so it shall be still for Katherine" (Tam.Shr.IV.5.19ff.). Sie fordert sogar Bianca und die Witwe zum Gehorsam gegenüber Männern auf (Tam..Shr.V.2.141-183). Auch Katharina bezieht sich dabei auf die Bibel:" Thy husband is thy lord, thy life, thy keeper, / Thy head, thy sovereign;" (Tam.Shr.V.2.151f.). (6)  Petruchio will sogar (aus erzieherischen Gründen) der Sonne (Zeit) befehlen (Tam.Shr.IV.3.184-193). Sieht man diesen souveränen Umgang Petruchios mit der Wirklichkeit, mit Gestirnen und der Zeit, dazu die biblischen Bezüge, dann drängt sich der Eindruck auf, dass Shakespeare auch eine Parodie auf das Papstamt vorführen will. Dazu passt natürlich auch der Name Petruchio = Peterchen.

 Der Zentralbegriff "obedience" dieser Komödie könnte Ausganspunkt sein für einen längeren Diskussionsbeitrag Naphtas (Zb 603, 27 - 34):

1. "Alle wahrhaft erzieherischen Verbände haben von jeher gewußt, um was es sich in Wahrheit bei aller Pädagogik immer nur handeln kann: nämlich um den absoluten Befehl, die eiserne Bindung, um Disziplin, Opfer, Verleugnung des Ich, Vergewaltigung der Persönlichkeit. Zuletzt bedeutet es ein liebloses Mißverstehen der Jugend, zu glauben, sie finde ihre Lust in der Freiheit. Ihre tiefste Lust ist der Gehorsam". Man glaubt hier, das in den gesellschaftlichen Bereich hinein erweiterte Erziehungsprogramm Petruchios zu lesen.

2. Der Gehorsam wird durch Terror erreicht (Zb 604, 6). Auch Terror gehört zu den Methoden Petruchios. Als Beispiel diene hier die Kaufszene (Tam.Shr.IV.3.61-165). Petruchio macht sich über den Hut lustig: "Why, 'tis a cockle or walnut shell, / A knack, a toy, a trick, a baby's cap" (Tam.Shr.IV.3.66f.). Zum Kleid bemerkt er: "Here's snip and nip and cut and slish and slash" (Tam.Shr.IV.3.90). (7) Petruchio kritisiert den Ärmel: "What's this, a sleeve? 'Tis like a demi-cannon" (Tam.Shr.IV.3.88). Er terrorisiert nicht nur Katharina, die schließlich in ihren alten Kleidern zum Vater reisen muss, sondern auch die Außenstehenden, den Hutmacher und Schneider.

3. Träger des Terrors ist bei Naphta die Kirche bzw. in ihrem Sinne das Proletariat: "Das Proletariat hat das Werk Gregors aufgenommen, sein Gotteseifer ist in ihm, und so wenig wie er wird es seine Hand zurückhalten dürfen vom Blute. Seine Aufgabe ist der Schrecken zum Heile der Welt und zur Gewinnung des Erlösungsziels, der staats- und klassenlosen Gotteskindschaft" (Zb 609, 6-10).

Folgt man unserer Interpretation, so ist das Thema "Petrusamt" - Gehorsam ansatzweise schon in dieser Komödie verortet.

4. Naphtas Diskussionsbeitrag ist Teil eines Gespräches, das eingerahmt wird durch Begegnungen mit dem Schneider Lukacek (Zb 590, 30 - 591, 18; 611, 33 - 612, 3). Natürlich denkt man dann bei diesem Namen an Georg Lukác, der inhaltlich den "proletarischen" Teil der Rede beisteuert und als Vorbild für Naphtas Figur überhaupt gilt (8). Auch zu unsere Komödie gibt es Berührungspunkte.  An beiden Stellen wird auch beim Schneider im "Zauberberg" der "Ärmel" hervorgehoben. Die Arbeit ist eilig wegen einer "Reunion" (eines Festes). Die Hochzeitskirche für Lucentio und Bianca in der Komödie heißt Saint Luke's church (Tam.Shr.IV.4.86.100), eine Vorlage für Thomas Manns Einfall, Lukác und Kirche in Naphtas Rede und in dieser Romanfigur  zusammenzubringen. (9)               

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