Inhaltsverzeichnis
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Beitrag 89 - Teil 1
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Beitrag 90
Beitrag 91
Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

 Spuren im "Zauberberg": William Shakespeare, Hamlet, Prinz von Dänemark (1600/1601)

Ellen Brand im "Zauberberg" ist Dänin (Zb 993, 10) und ihren Schutzgeist Holger (Zb 998, 13ff.) dürfen wir ebenfalls in Dänemark ansiedeln. Der bekannteste literarische Geist aus Dänemark ist der alte König Hamlet in William Shakespeares Tragödie "Hamlet, Prinz von Dänemark". (1)

In der "Closet Scene" (Haml.III.4) erscheint der Geist  des alten Hamlet im Privatzimmer der Königin Gertrude, ist aber nur für den jungen Hamlet wahrnehmbar. Als Hamlet mit ihm spricht, hält ihn seine Mutter für "wahnsinnig" (Haml.III.4.105: "mad").

Im "Zauberberg" fingiert Settembrini den Geist eines "Vater(s) in der Zimmerecke" (Zb 681, 5-27).

Die komödiantische Erscheinung des Redners Settembrini, die Art und Weise seines Sprechens und die Reaktion seiner Zuhörer lassen nicht nur inhaltlich an eine Bühnenaufführung denken: "Herr Settembrini sprach sehr drollig und plastisch von dem Vater in der Ecke. Alle mußten lachen" (Zb 681, 24f.). (2)

Interessant ist, dass auch Ferge lachen muss, "obgleich er gekränkt war durch die Geringschätzung seines infernalischen Abenteuers" (Zb 681, 25ff.). Unmittelbar vor Settembrinis Geschichte spricht Ferge von der "Kitzelhölle mit dem Schwefelgestank" (Zb 680, 19f.). Diese Einrahmung unterstreicht den Bezug der Stelle zum alten Hamlet, der ja tagsüber in der Hölle oder im Purgatorium büßen muss (Haml.I.5.10 - 22).

Einen breiten Raum in den Ausführungen Settembrinis nimmt anschließend das Thema "Halluzination" ein: "Denn wenn der Arzt oder ein Fremder auf der Schwelle erscheine, so stelle der Halluzinierende meist seine Grimassen, sein Reden und Fuchteln ein und benehme sich anständig, solange er sich beobachtet wisse, um sich hernach wieder gehen zu lassen. Denn ein Sichgehenlassen bedeute die Narrheit zweifellos in vielen Fällen, dergestalt, daß sie als Zuflucht vor großem Kummer und als Schutzmaßnahmen einer schwachen Natur gegen überschwere Schicksalschläge diene, die klaren Sinnes zu bestehen ein solcher Mensch sich nicht zumute. Da aber könnte sozusagen jeder kommen, und er, Settembrini, habe schon manchen Narren einzig und allein durch seinen Blick dadurch, daß er seinen Flausen eine Haltung unerbittlicher Vernunft entgegengesetzt habe, wenigstens vorübergehend zur Klarheit angehalten ..." (Zb 681, 33 - 682, 13).

Nicht nur der "Fall", sondern auch die Struktur der Erörterung Settembrinis ist in Shakespeares "Hamlet" vorgebildet:

Hamlet will sich wahnsinnig stellen, wenn er gesehen wird (Haml.I.5.170: "How strange or odd some'er I bear myself / - As I perchance hereafter shall think meet / To put an antic disposition on -"). Settembrini dreht dieses Motiv also um.

Über die Ursache seines Wahnsinns wird im Stück gerätselt: Die Königin vermutet als Grund den Tod des Vaters und ihre hastige Hochzeit ("His father's death and our o'erhasty marriage", Haml.II.2.57). Polonius meint den wahren Grund gefunden zu haben ("The very cause of Hamlet's lunacy", Haml.II.1.111; II.2.49), nämlich die Zurückweisung seiner Liebeswerbung durch Ophelia (Haml.II.2.146 - 151; König Claudio zur Königin: "The head and source of all your son's distemper", Haml.II.2.55). Weniger betont wird im Stück die Tatsache, dass Hamlet nach dem Tode des Vaters ohne Heirat seiner Mutter nächster König gewesen wäre (Haml.III.2.326: "I lack advancement"). Die "überschweren Schicksalsschläge" (Zb 682, 7) sind eine Übersetzung von "outrageous fortune" und "shocks", die Hamlet in seinem bekannten Monolog beklagt (Haml.III.1.58.62). Hamlet will den gespielten Wahnsinn als "Zuflucht vor großem Kummer" glaubhaft machen, als echte "Schutzmaßnahme" gegen die Intrige des Königs einsetzen. Auch hier hält Settembrini sich an unsere Quelle.

Wie reagiert man auf einen Wahnsinnigen? Settembrini versucht es mit "Blick" und einer " Haltung unerbittlicher Vernunft". Einen erfolgreichen Umgang mit einem Wahnsinnigen, also die Eindämmung der Wahnvorstellungen, erhofft die Königin sich aus dem Umgang Hamlets mit den Schulkameraden Rosencrantz und Guildenstein (Haml.II.2.24). Ihre Hoffnung ist vergeblich, weil diese einen von Hamlet entdeckten "Spionageauftrag" des Königs haben. Polonius (Haml.III.2.362 - 367) und Orsic (Haml.V.2.93 - 100) geben Hamlet immer Recht, vielleicht neben der allgemeinen Kriecherei von Höflingen ein überlegtes Verhalten, um Ausfälle des (angeblich) Wahnsinnigen zu vermeiden.

Folgt man dieser Interpretation, dann sind Wehsal nd Castorp dadurch, dass Settembrini den "Vater in der Zimmerecke" zu ihrem Vater macht, Söhne des alten Hamlets (Zb 681, 5 - 8). 

Bei Wehsal sind folgende Bezugspunkte zu Shakespeare und Hamlet festzustellen:

1. Wehsals Paradestück auf dem Klavier ist der Hochzeitsmarsch aus dem "Sommernachtstraum" (Zb 130, 28 - 34; 318, 24f.; 932, 20f.), also ein Stück Mendelssohn-Bartholdys, das von Shakespeares Komödie "A Midsummer Night's Dream" motiviert ist.

2. Die Silben seines Namens beginnen mit den Initialen William Shakespeares: "WS".

3. Hamlet war in Wittenberg, dem Ort Luthers. In Hamlets "Biographie" könnte diesbezüglich eine Anregung liegen, Wehsal "religiös" auszugestalten (Zb 318, 25 - 30; 353, 20: "der mannheimische Religiöse"). Beim Ausflug zum Wasserfall erzählt Wehsal dem mitfahrenden Castorp in pietistischer Manier und Vokabular von den Problemen seines "Fleisches", der "Tortur der Fleischesbegierde" (Zb 933, 28). (3)

4. Wehsal hat Züge eines "Höflings": Devot trägt er etwa Castorps Paletot (Zb 643, 20; 644, 18ff.; 836, 1 - 6; 869, 32 - 870, 2).

Bei Castorp ist der Nachhall noch deutlicher:

1. Seine große Wissbegier, Selbstreflexionen und ausufernde "Studiererei" machen Castorp entschluss - und tatenlos wie Hamlet, der letztlich nur auf die Intrigen des Königs reagiert. Castorp ist "eigentlich noch Student" (Zb 92, 21). Erst der "Donnerschlag" des beginnenden Weltkriegs reißt Castorp aus seiner Lethargie  und  treibt ihn zur schon lange diskutierten Abreise (Zb  133, 19 - 28; 134, 1 - 14;  auch 901, 28f.).

2. Für Hamlet ist das Treiben dieser Welt ekelhaft (Haml.I.2.133f.). Dänemark ist ein Gefängnis (Haml.II.2.241). In seinem Monolog "To be or not to be" zählt er die Missstände der Zeit auf (Haml.III.1.70 - 74). Hamlet hatte dementsprechend auch die Absicht, nach Wittenberg zum Studieren zurückzukehren. Dies wird von König und Königin abgelehnt (Haml.I.2.112 - 120). Hamlet bleibt so in Helsingör als Simulant.

Castorp kritisiert die Zustände im Flachland (Zb 301, 1 - 25) und fasst zusammen: "Es ist eine grausame Luft da unten, unerbittlich. Wenn man so liegt und es von weitem sieht, kann es einem davor grauen" (Zb 301, 23ff.). Man müsse "wohl eine ziemlich dicke Haut haben, um von Natur so ganz einverstanden zu sein mit der Denkungsart der Leute da unten im Tiefland" (Zb 303, 8ff..27 - 31). Castorp bleibt konsequenterweise "krankheitsbedingt" in seinem "Wittenberg".

3. Hamlet denkt an den Tod als Lösung (Haml.I.2.129 - 132). Ein Reflex davon ist die Sympathie Castorps mit dem Tode. Settembrini führt sie konkret darauf zurück, "daß die frühe und wiederholte Berührung mit dem Tode eine Grundstimmung des Gemütes zeitigt, die gegen die Härten und Kruditäten des unbedachten Weltlebens,, sagen wir: gegen den Zynismus reizbar und empfindlich macht" (Zb 304, 1 - 4).

4. Castorp könnte seiner Meinung nach auch Pastor sein (Zb 168, 23ff.; 282, 29 - 283, 1; 398, 27 - 32). Settembrini attestiert ihm "Protestantismus" (Zb 778, 25). Dies erinnert an Wittenberg und Luther.

5. König Hamlet stirbt "full of bread", im Zustande der Völlerei und Sünde: " 'A took my father grossly, full of bread, / With all his crimes broad blown" (Haml.III.3.80f.). Deshalb ist er jetzt in der Hölle oder im Purgatorium. Hier bestätigt sich wieder unsere Annahme, dass Castorp als "Brotsack" konzipiert ist. Sein verfehltes Leben auf dem "Sündenberg" machte ihn "sündig" (Zb 1079, 9 - 16). Castorp muss deshalb in das Purgatorium des 1. Weltkrieges. Die ausführliche Schilderung einer kriegerischen Aktion am Schlusse des Romans unterstreicht den Bußcharakter.

6. Hamlet hat das Siegel seines Vaters in der Tasche (Haml.V.2.49). Castorp trägt den ihm vom Großvater vermachten Siegelring und sieht ihn bei der Durchleuchtung sozusagen. "sub specie aeternitatis" (Zb 333, 10). Natürlich wird mit einem Siegel Tradition und Herkunft unterstrichen.

7. Der Name Hamlet geht auf das altnord. "Amlodi" = dämlich, blöd" zurück . (4) Dies charakterisiert im Ansatz Castorp (und Wehsal). Man denke nur an das Warten Castorps auf Chauchat (Zb 901, 4; 925, 23f.; auch Zb 1085, 5: "simpel".7: "Einfachheit"; 951, 25: "schlichter Held"; 987, 19).

Der Geist des alten Hamlet wirkt auch auf das Erscheinungsbild des verstorbenen Ziemßen ein: Joachims "Kochtopf" (Zb 1033, 7 - 11) ist ein Relikt der vollen Rüstung des Geistes König Hamlets (Haml.I.4.52; I.1.60;I.2.100; I.2.200). Die Idee, dem Geist Ziemßen einen metaphorischen "Kochtopf" aufzusetzen, geht wohl zunächst von den Ohren Ziemßens aus, die dann mit Henkeln eines Kochtopfs verglichen werden (Zb 1032, 28 - 31). Diesen Vergleich gibt es bei Shakespeare schon an anderer Stelle, allerdings mit Krügen:"Pitchers have ears", sagt Baptista zu Tranio in "The Taming of the Shrew" und meint damit metaphorisch Wände (Tam.Shr.IV.4.52).

Auch im Geist Holger des "Zauberbergs" wirkt der Geist des alten Hamlet nach:

1. Albin spricht Holger im Befehlston an wie Horatio den Geist von König Hamlet (Haml.I.1.49.52: "By heaven, I charge thee, speak"; Zb 1003, 3 - 8.22f.).

2. Der Geist kann gekränkt sein und will deshalb nicht sprechen (Haml.I.1.50.53; Zb 1005, 12f.).

3. Zur Bezeichnung des Geistes des alten Hamlet wird bei Shakespeare 38-mal "it" verwendet. (5) Geist Holger hat eine Rechtschreibschwäche: "Dichtr", sein Medium Ellen einen Aussprachefehler: "Fleich" statt Fleisch (Zb 993, 26). Setzt man die fehlenden Buchstaben zusammen ergibt sich "ES", also "it". 

Erklärt der Geist des alten Hamlet den Namen des Chinesen Dr. Ting - Fu?

Der Geist des alten Hamlet wird auch "thing" ("Ding") genannt, eine Bezeichnung, die damals üblich gewesen sein soll für Geister (6). Der Name "Ding/Geist passt in den Zusammenhang einer spiritistischen Sitzung: So warten die Teilnehmer auf "jene(r) Schein- oder Halb-Dinglichkeiten ..., die man magisch nennt" (Zb 1002, 8f.). Ting lässt sich von thing oder Ding aus erklären. Es kann dahingestellt werden, ob "Fu" phonetisch (=franz. "fou") die Bedeutung "Narr, Verrückter" oder (angeblich) im Chinesischen "Glück, Freude" heißt (Immerhin hat Dr. Ting-Fu "unverschämtes Glück" im Spiel, Zb 849, 12 ). Nun lässt uns die  andere Bezeichnung für den Geist des alten Hamlet hellhörig werden: "ES". Bekanntlich ist dies ein zentraler Begriff bei Sigmund Freud. Sind bei "Ting-Fu" die Initialen von Sigmund Freud zu erkennen? Geht man  vom englischen "thing" aus, kann man "th" phonologisch als "S" fassen, so dass man auf "SF" kommt. Der Doktor passt dazu. In der Nähe des Namens Ting-Fu finden sich Freudsche Themen: "hysterisches Lachen" (Zb 1003, 28), "Vorwitz" (Zb 1005, 12) Warum wird Dr. Sigmund Freud als Chinese eingeführt? Bekanntlich hat das Alphabet bei den Chinesen einen hohen Stellenwert (Zb 790, 8-11). "Chinese" lässt sich aber auch phonologisch als "Kinese" auffassen, ein Begriff, der eine seelische Bewegung kennzeichnet. (7)

Unabhängig von anderen Erklärungsversuchen des Namens Holger (8) könnte darin auch ein Hinweis auf Shakespeare vorliegen:

1. Der Geist macht beim Buchstabieren eine Zäsur nach "Hol", trennt also den Namen in "Hol" und "Ger" (Zb 1003, 14). Er weiß nicht so recht, wie es nach "Hol" weitergehen soll. Wollte der Geist etwa -berg weiterschreiben, also sich mit dem bekannten dänischen (norwegischen) Dichter  Ludwig Holberg  identifizieren? "Ger" ist germ. der "Wurfspieß"(Wahrig,Deutsches Wörterbuch, s.v."Ger"). Diese Silbe teilt Holger mit Königin Gertrude, der Mutter Hamlets. Die Verbindung "Speertreiberin" (lat. trudere: stoßen, treiben) zu seinem Namen kann schon der "Speerschüttler" Shakespeare gesucht haben und von Thomas Mann beachtet worden sein.

2. Dr. Ting-Fu nennt den Geist "Mister Holger" (Zb 1005, 4). In Anbetracht dessen, dass Dr. Ting-Fu in der Lage ist zu einer Ergänzung "Di" zu "Dieb", ist "Mister" nicht aus sprachlichen Defiziten motiviert.

3. In "Schulfragen" mischt sich Holger nicht ein (Zb 1003, 16; 998, 19 - 25). Die Schulkameraden spielen im "Hamlet" eine herausragende Rolle. Horatio, der Vertraute Hamlets, wird gefragt, warum er in Dänemark und nicht in Wittenberg ist. Seine Antwort: Er schwänzt die Schule (Haml.I.2.169: "A truant disposition, good my Lord").

4. Albin befragt den Geist, wird also aus dem Teinehmerkreis herausgehoben. Eine mögliche Assoziation bietet sich an: Albion = England.

5. Dr. Ting-Fu vermutet zunächst, dass Holger beruflich ein "Dieb" sei (Zb 1003, 26f.). Der Geist führt aber das Wort weiter zu "Dichtr" und korrigiert zu "Dichter". Gibt der Leser der (angebotenen) Versuchung nach, diese "alternativen" Berufe als identisch anzusehen, also Dichter = Dieb, könnte eine selbstironische Bemerkung Thomas Manns vorliegen, der sich einmal selbst als "Oberabschreiber" bezeichnet hat. Auch ein Seitenhieb auf Shakespeare ist anzunehmen:"Ohne Zweifel würde Shakespeare heute des Plagiats angeklagt werden. Er hat niemals einen Stoff für seine Dramen ,erfunden', vielmehr übernahm er diesen aus verschiedenen Quellen, die er allerdings innovativ miteinander kombinierte" .(9)

Ellens Schwester Sophie erscheint als Geist (Zb 1000, 1 - 15)

Warum bekommt sie den Namen Sophie? Sophie kommt von griech. "Sophia", gewöhnlich mit "Weisheit" übersetzt. Wir erkennen hier in der Standardübersetzung die Initiale "W" für William und bei Sophie die Initiale "S" für Shakespeare. Die sich anschließende Buchstabenfolge "oph" weist auf Ophelias Tod hin (Haml.IV.7.161 - 182).

Ophelias Blumenkranz fällt ins Wasser und sie mit. Es war ein Unfall, ein Ast war gebrochen. Auch bei Sophie gibt es eine Verbindung zu Wasser und Blumen. Auf dem Kopf trägt sie "sonderbarerweise einen Kranz von Wasserrosen, schilfigen Murmeln" (Zb 1000, 4ff.).

Die Schwester ist an "Herzentzündung" gestorben (Zb 1000, 15). Es bleibt offen, ob Sophie eines  natürlichen Todes starb oder ob sie wegen "Herzentzündung" (Liebeskummer, bei Ophelia von Bruder Leontes unterstellt)) ins Wasser  ging. Sophie steht knapp am Rande zur Stufe (Zb 1000, 1f.). Horatio befürchtet, der Geist des alten Königs könnte Hamlet auf die Spitze einer Klippe führn (Haml.I.4.69ff.: "What if it tempt you toward the flood, my lord, / Or to the dreadful summit of the cliff / That beetles o'er his base into the sea"). 




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