Inhaltsverzeichnis
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Beitrag 90
Beitrag 91
Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

                      Spuren im "Zauberberg": Homer, Ilias (2. Hälfte des 8. Jh.)

Das kriegerische Geschehen der "Ilias" könnte von vornherein verhindern, sich bei der Quellensuche für einen "Sanatoriumsroman" in der "Ilias" umzusehen. Hier muss man sich zunächst klarmachen, dass die "Ilias" im Kern aus drei Handlungssträngen besteht: dem Treiben der olympischen Götter, der "Achilleis" ( der Erzählung vom Zorn des Achill ) und den Folgen dieses Zorns (Auswirkungen auf die Kämpfe um Troja). Offensichtlich gibt es direkte Berührungspunkte zwischen Achill und Joachim Ziemßen, wie die folgenden Stellen zeigen:

Castorp hat im Vergleich zu Joachim "so etwas Ziviles, so was Komfortables, - nichts so Waffenrasselndes wie dieser Rottenführer da. Sie wären ein besserer Patient als der, da möchte ich doch wetten. Das sehe ich (sc. Behrens) jedem gleich an, ob er einen brauchbaren Patienten abgeben kann, denn dazu gehört Talent, Talent gehört zu allem, und dieser Myrmidon hier hat auch kein bißchen Talent." (Zb 73, 31-74, 4). (1)

"Es kam mir (sc. Behrens) doch gleich so vor, als ob Sie (sc. Castorp) ein besserer Patient sein würden, mit mehr Talent zum Kranksein, als der Brigadegeneral da, der immer gleich weg will, wenn er mal ein paar Striche weniger hat" (Zb 278, 17-20).

Mit "Myrmidon" ist Achill gemeint, der Anführer der Myrmidonen aus Thessalien, die sich am Zug gegen Troja mit 50 Schiffen beteiligen (Ilias 2, 684f.). (2) Die Bezeichnung "Brigadegeneral" passt zu Achill: Oberbefehlshaber ist Agamemnon, König in Mykenae (Bruder des Menelaos, dem der Trojaner Paris Helena raubte). "Durchgänger" ist Achill insofern, als er den Kampfplatz verlässt (Ilias 1, 306f.), als "Haudegen" zieht Achill vorher sein Schwert gegen Agamemnon (Ilias 1, 188-194).

Auf die Frage von Behrens, ob Joachims Familie mit seiner Abreise einverstanden sei, antwortet Joachim:"Meine Mutter ist einverstanden" (Zb 630, 15). Dies könnte eine Reminiszenz sein an Thetis, die Mutter Achills, an die sich Achill wendet und die ihn in seinem Verhalten bestärkt (Ilias 1, 421f.).

Angesichts dieser Übereinstimmungen ist zu fragen, ob die "Achilleis" (also die Darstellung der Entwicklung des Zorns in der "Ilias", die sog. "Menis-Linie") nicht sogar die Struktur  für die Entfaltung der Romanfigur Joachim Ziemßen bereitstellt. Vor der Entscheidung  "Weggehen - Wiederkommen", denen sich Achill stellen muss (vgl. Ilias 9, 701f.), steht auch Joachim (und Castorp):

Ilias: Achill                              Zauberberg: Ziemßen                             Castorp:

Zorn                                          Groll                                                (Kleiner Zorn gegen Chauchat)

Weggang                                   Zorn                                                 Nicht weggehen

Groll                                         Weggang                                          Entlassung durch Behrens

Versöhnung                              Versöhnung                                      Versöhnung mit Behrens

Wiederkommen                        Wiederkommen                               Bleiben

Tod (in der "Aihiopis")             Tod                                                  Tod auf dem Schlachtfeld (?)

Erläuterungen zum Schema:

1. Achill und Joachim werden schon am Anfang des Epos / Romans in ihrer Gemütsstimmung  gezeigt. Achill geht im Zorn weg und sitzt dann voller Groll bei den Schiffen am Meer und sehnt sich nach Kampf .(3) Er ist kurzlebig und obendrein noch elend (so seine göttliche Mutter Thetis: Ilias 1, 416f.),  weil er nicht tun kann, was sein Leben ausmacht: ruhmreich zu kämpfen. Joachim ist betrübt (Zb 29, 9f.), er "muss hier stagnieren wie ein Wasserloch" (Zb 29, 24). (4) Er denkt an seine "Offiziersprüfung" (Zb 29, 18), an Manöver. Joachim plagt Hofrat Behrens, um fortzukommen (Zb 225, 1 - 5). Sein Unmut steigert sich bis zum Zorn (Zb 625, 26 - 34.32"zornig") und zur Auseinandersetzung mit Behrens (Zb 629, 7-630, 32). Während Achills Stimmung sich also vom Zorn zum Groll entwickelt, ist es bei Joachim umgekehrt. Achill und Joachim haben letztlich gemeinsame Alternativen. Achill: Wiederkommen und kämpfen mit der Aussicht auf Ruhm, aber eben auch auf den Tod, oder Heimreise und langes Leben ohne Ruhm (Ilias 9, 411-15). Joachim: Das Weggehen bringt ihm Ehre und Beförderung, aber er reist mit einer lebensgefährlichen Prognose, die sich durch Wiederkommen und Tod bestätigt (Zb 531, 12ff.; abgeschwächt Zb 630, 28-31).

Im Unterschied zu Joachim ist Achill nicht körperlich krank. Für Joachim ergibt sich eine zusätzliche Parallele zum Trojakämpfer Euchenor aus Korinth: Dieser hatte nach einer Prophezeiung die Alternative, entweder im Kampf zu fallen oder zuhause an einer schmerzlichen Krankheit zu sterben (Ilias 13, 663-672). Joachim wählt lieber den möglicherweise schnelleren Tod im Militärdienst als auf dem "Berghof" die Krankenzeit zu verlängern.

Nicht unerwähnt soll der "kleine Zorn" Castorps auf Chauchat wegen ihres "Türezuschlagens" bleiben - ebenfalls am Anfang des Romans (Zb 72, 12.18).

2. Achills und Joachims Weggang ist Desertion: Achill legt sein militärisches Kommando unter Agamemnon nieder (Ilias 1, 295f.) und geht zu seinen Schiffen (Ilias 1, 306). Das eigenmächtige Verlassen seines Postens legt den Begriff "Desertion" nahe. Joachim geht zu seiner Truppe. Hofrat Behrens bezeichnet die Abreise Joachims als "Desertion" (Zb 629, 28). Castorps Bonmot, dass Ziemßen "zur Fahne desertiert" sei (Zb 648, 30; 690, 18), kommt aus der "Ilias": Achill geht zu seiner eigenen Truppe, den Myrmidonen zurück, die bei den Schiffen kampieren, fährt  aber nicht nach Hause (Heimreise nach Phtia wird erwogen: Ilias 1, 169ff.; 9, 356-363). Achill denkt bei seinem Weggang nicht an die Achaier insgesamt, die ohne ihn unterliegen, Joachim denkt nicht an Castorp: "Er konnte sich wirklich um Schicksal und Verbleib des Vetters nicht weiter kümmern" (Zb 636, 21ff.). Auch Marusja fällt bei dieser Entscheidung nicht ins Gewicht: Joachim reist zu der Zeit ab, in der sie wiederkommt (Zb 634, 18ff.). Joachim entgeht durch die Entscheidung für seine Abreise einem sich laufend verlängerndem tatenlosen Patientendasein, er macht aus dem ihm von Dr. Behrens zudiktierten Schicksal ein "Machsal".

3. Beide versöhnen sich: Achill mit Agamemnon (Ilias 19, 35.56-68.75.83-94.137-144.147f.172-183.187-197.270-274), Joachim mit Behrens: "Ihn, Behrens, betreffend, so trage er keinem was nach, er halte die Arme väterlich geöffnet und sei bereit, ein Kalb für den Ausreißer zu schlachten" (Zb 756, 3ff.). (5) 

4. Achill und Joachim sterben (Achills Tod in der "Aithiopis"), Castorps Tod auf dem Schlachtfeld ist wahrscheinlich (Zb 1085, 12-16). "Ein antiker Helm hätte diesem Haupte (sc. des toten Joachim) wohl angestanden, wie mehrere Besucher meinten, die sich zum Abschied einfanden (Zb 812, 32ff.). Frau Stöhr bezeichnet ihn als "Held" (Zb 813, 2). Wenn sie gleichzeitig die "Erotika" Beethovens als Grabmusik fordert, wird dem Leser klar: Zu Castorp würde eine "Erotika" eher passen. Joachim, nicht "Brotsack" Castorp ist der Held des "Zauberbergs".

Die Geschichte Joachims stellt sich auf dem Hintergrund der "Achilleis" kurz so dar: "Ein kranker Soldat, der gern ein zweiter Achill sein will, ertrotzt von seinem Arzt die Entlassung. Er nimmt das Risiko eines verfrühten Dienstantritts aus Karrieregründen auf sich. Statt auf dem Felde der Ehre (wie Achill) stirbt er befördert im Bett". Es ist tragische Ironie, die sich dem Leser vermittelt. Dagegen ist die Geschichte des "Brotsacks" Castorp trotz ihrer schöngeistigen Garnierung eine bissige Kritik an den Umständen, die eine solche Existenzform möglich machen (vgl. Zb 53, 22-54, 19). In einem Art "Nachruf" auf Joachim wird der Unterschied zu Castorp herausgestellt (Zb 826, 16-28).

5. Widersacher in der Auseinandersetzung mit Achill ist Agamemnon, bei Joachim Behrens. Gibt es darüber hinaus Gemeinsames? Beide werden als "habgierig" angesehen (Ilias 1, 122; Behrens im Dienste der AG: Zb 201, 15-30). Behrens ist ein guter Operateur, ein weniger guter Diagnostiker (vgl. Fehldiagnose bei Castorp). Agamemnon ist ein guter Kämpfer (Aristie in Ilias 11), schätzt aber  die Stimmung im Heer falsch ein. Insbesondere in der sog. "Trugrede" wird dies deutlich. Agamemnon stellt sein Heer auf die Probe ("Peira", Ilias 2, 193) und fordert es zur Abfahrt auf (Ilias 3, 140). Dieses will wider seiner Erwartung abfahren (Ilias 3, 150-154).

Im Zuge der Auseinandersetzung mit Joachim fährt Behrens Castorp an: "Sie können reisen" (Zb 631, 11). Wie bei Agamemnon entspricht dies nicht seinen wahren Interessen: Behrens will bekanntlich seine Patienten so lang wie möglich auf dem "Berghof" halten. Castorp beschließt "nach ruhiger Überlegung und in bewußtem Gegensatz zu Joachim Ziemßen ... noch hier zu bleiben und seine völlige Entgiftung abzuwarten. Worauf der Hofrat ziemlich wörtlich erwidert hatte: >>Bon und schön! << und: er habe es doch gleich gesehen, daß Hans Castorp mehr Talent zum Patienten  habe, als dieser Durchgänger und Haudegen da" (Zb 636, 7-14). Die Nähe zu den Stellen oben ist evident. Nach dem "Zornausbruch" von Behrens (Agamemnon) kommt es auch hier zu einer "Versöhnung".

6. Talent zum Patienten hat man also, wenn man seine "völlige Entgiftung" abwartet. Das Wort "Entgiftung" könnte über seine medizinische Bedeutung hinaus noch einen anderen Sinn in sich tragen. Schon in früheren Beiträgen ist uns bei der Entschlüsselung von Namen die englische Sprache hilfreich gewesen. (6) Das engl. Wort "gift" heißt übersetzt "Geschenk, Gabe, Begabung", also auch "Talent". Bei "Talent" schwingt die Bedeutung des griech. "Talanta" = Schicksalswaage des Zeus mit. (7) Castorp bleibt auf dem "Berghof" bis zur "völligen Ent-gift-ung", also bis er völlig um seine "Begabung, Talent", um sein vom Schicksal eigentlich vorgesehenes Leben gebracht ist.

Angesichts der Wirkung, die von diesem Epos ausgeht, ist es vermessen, bei allen folgenden Beobachtungen ähnlicher Motive von einem unmittelbaren Weg zum "Zauberberg" zu sprechen.

Behrens blickt Castorp beim ersten Zusammentreffen "mit seinen blutunterlaufenen Augen von unten" an (Zb 73, 26f.). Achill blickt Agamemnon "von unten herauf" voll Zorn an (Ilias 1, 148). Während in der "Ilias" der Blick von aggressiver Natur ist, sucht Wehsal Castorps Freundschaft mit einer "von unten blickende(n) Hingebung" (Zb 643, 12f.). "Von oben herab" redet ihn nach seiner Meinung Castorp an (Zb 932, 23). (8)

Bei seinen Überlegungen zum Problem der Zeit denkt Castorp an die Anfahrt: "Von Hamburg nach Davos sind zwanzig Stunden, - ja, mit der Eisenbahn. Aber zu Fuß, wie lange ist das? Und in Gedanken? Keine Sekunde!" (Zb 103, 7-10). Episch breit wird die Fahrt von Hamburg nach Davos geschildert (Zb 11, 6-26; 13, 25-14, 25). In der "Ilias" gelangen die Götter sowohl zu Fuß auf detailliert beschriebenen Wegen (etwa Hera: Ilias 14, 225-230.281-285.292f.) als auch in Gedankenschnelle an das Ziel. Ebenso stellt die "Ilias" fest, dass auch Menschen in Gedanken schnell an einen Ort  kommen. (Ilias 15, 80ff.). 

"Ungegliedert und walzenförmig" liegt Castorp im Stuhl nach dem Ausbreiten der Decken (Zb 157, 29ff.). Thomas Mann gelingt hier ein Paradestück einer kreativen Übernahme. Agamemnon erschlägt Hippolochos (Ilias 11, 145ff.):

"Aber Hippolochos sprang von dem Sitz, da erschlug er ihn unten, / Weg mit dem Schwerte die Händ`und das Haupt von den Schultern ihm hauend, / Ließ dann rollen den Rumpf, wie ein Mörser gewälzt im Getümmel" (Voß). (9)

Der Gegensatz Ost - West in der "Ilias" wird besonders deutlich in der Aufzählung der Kriegsteilnehmer. Im sog. "Schiffskatalog" werden die verbündeten griechischen Kontingente genannt, im "Troierkatalog" die asiatischen Streitkräfte (Ilias 2). Settembrini zu Castorp: "Asien verschlingt uns" (Zb 366, 16). "Man sollte der Pallas Athene hier in der Vorhalle einen Altar errichten, - im Sinne der Abwehr" (Zb 366, 20f.). Athene hilft bekanntlich den Griechen im Troischen Krieg.

"Homerisches Gelächter" erhebt sich im Speisesaal über die Freude von Fränzchen Oberdank, noch ein Jahr auf dem "Berghof" bleiben zu müssen (Zb 451, 14). "Unermeßliches Lachen" (Voß) begleitet Hephaistos, als er keuchend den (anderen) Göttern Nektar beim Schmausen einschenkt (Ilias 1, 599-602).

Das Erscheinen des Onkels James Tienappel auf dem "Berghof" als "Sendbote(n) des Flachlandes" (Zb 645, 28f.) stellt für Castorp nach der Abreise Joachims (Zb 645, 12f.) die nächste Versuchung zur Heimreise dar. In der "Ilias" kommt eine Bittgesandtschaft zu Achill, um ihn zur Rückkehr zu bewegen ("Presbeia", Ilias 9). Agamemnon will Achill die Briseis zurückgeben (Ilias 9, 274). Interessant ist, dass Onkel James von einer "sogenannte(n) >>Chansonette<<, einer Bänkelsängerin" redet, einem "ganz tollen Weibsstück, das zurzeit in St. Pauli ihr Wesen treibe" (Zb 651, 24-28). Auch er hat also eine Frau "im Angebot".

Castorp verfolgt Behrens drei Tage lang, um etwas über Joachims Gesundheitszustand zu erfahren. Am vierten Tag kann er Behrens vor dem Gebäude im Garten stellen (Zb 797, 12). Achill verfolgt Hektor dreimal um die Stadtmauer, beim 4. Mal stellt sich Hektor (Ilias 22, 251ff.) in "idyllischer" Umgebung: Feigenbaum, Quellen, Waschgruben (Ilias 22, 145-156). Castorp und Hektor haben dort nichts zu suchen (Zb 797, 19f.; Ilias 22, 56ff.84f.).

Namen, die in der "Ilias" stehen, finden sich personalisiert im "Zauberberg": Behrens zu Castorp und Ziemßen: "Das sind ja unsere Dioskuren! Castorp und Pollux ...(Zb 327, 9f.). Helena nennt ihrem Schwiegervater Priamos, als sie auf der Mauer stehen ("Teichoskopie"), die Namen der achaischen Helden. Kastor und Polydeukes (lat. Pollux), ihre Brüder, sind nicht dabei (Ilias 3, 236-244). Schon am Anfang des "Zauberbergs" wird Dr. Krokowski Minos genannt, Hofrat Behrens Radamanth (Zb 90, 10 und Namensverzeichnis). Minos und Rhadamanthys sind Kinder der Verbindung Zeus - Europa, der Tochter des Phoinix (Ilias 13, 450; 14, 321f.).

Castorp scheucht Wehsal durch Bewegung der "Brauen" weg (Zb 643, 16ff.). Zeus nickt Thetis mit seinen Brauen Gewährung ihrer Bitte (Ilias 1, 528). (10)

Peeperkorn bringt bei seinem Feste "eine beginnende Deroute zum Stehen" (Zb 860, 7). Nach der "Trugrede" Agamemnons stoppt Odysseus das Heer, das in die Heimat fahren will (Ilias 2, 189.198ff.; ebenso bringt Hektor seine Leute zum Halten: Ilias 6, 80.102-106).

Achill verfolgt Hektor wie ein Adler (Ilias 21, 251-256). Bei einem Spaziergang, auf dem Naphta und Settembrini wie immer diskutieren, macht Peeperkorn auf einen Adler aufmerksam (Zb 895, 21 - 896, 25). "Brauenknochen-Adler-Juppiter" werden in einem Atemzug genannt (Zb 896, 6f.). Seine Aufforderung  an den Adler zur grausamen Attacke könnte eine Reminiszenz an die Schlachtschilderungen der "Ilias" sein (Zb 896, 14-18). (11)

Die für den "Zauberberg" typische Zahl "Sieben" (z.B. Zb 68, 8; 407, 6ff.; 411, 7; 811, 7; 1070, 28) findet sich auch in der "Ilias": Ilias 9, 85 (7 Führer der Wache); Sühne des Agamemnon unter anderem: 7 Dreifüße (9, 122), 7 Frauen (9, 128.638), 7 Städte (9, 149), auch 19, 243.246.

Castorp gewährt seinem Vetter Joachim keine Totenruhe: Er ist es, der den Vorschlag macht, Joachim bei der Séance erscheinen zu lassen. Er bittet um Verzeihung (Zb 1033, 22). Patroklos erscheint Achill im Träume und wirft ihm vor, dass er ihn nicht bestatte, also keine Totenruhe gewähre (Ilias 23, 62-107).






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