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Beitrag 90
Beitrag 91
Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

                       Spuren im "Zauberberg": Homer, Odyssee (Ende 8. Jh.)

Ein erster Blick auf "Zauberberg" und "Odyssee" zeigt, dass dem heimkehrwilligen Odysseus anscheinend mit Castorp ein Verweigerer der Heimkehr entgegengestellt wird. Sollte diese Romanfigur an der Gestalt des Odysseus ausgerichtet sein wie Joachim Ziemßen an Achill (s. Beitrag "Ilias") ? (1)

I.   Schon im Proöm der "Odyssee" wird das Leitthema vorgestellt: Odysseus ist bestrebt, "seine Seele (sc. Leben) zu retten und seiner Freunde Zurückkunft" (Od.1,5) . (2) 

1.   Odysseus sieht sich Gefahren ausgesetzt, bei denen es um das reine Überleben geht: Kikkonen (Od.9,39-61)-Kyklop (Od.9,105-564)-Orkan nach Öffnen des Windschlauchs von Aiolos (Od.10,54f.)-Laystrygonen (Od.10,77-132)-Sirenen (Od.12,153-200)-Plankten (Od.12,201-222)-Skylla und Charybdis (Od.12,223-259)-Hunger (Od.12,329-352) und Schiffbruch nach Verzehr der Rinder des Helios (Od.12,399-425)-Charybdis (Od.12,426-446: Odysseus allein)-Poseidons Sturm und Seenot (Od.5,282-435).

2.   Gefährdet ist Odysseus durch verlockende Angebote: So gibt Odysseus seinen angenehmen Status bei Kirke auf und setzt die gefahrvolle Heimfahrt fort (Od.10,467-475). Auch die freundliche (zweite) Aufnahme durch Kirke (Od.12,16-28) nach der Unterweltsfahrt (sog. "Nekyia": Od.11,12-327.377-637) und Elpenors Bestattung (Od.12,8-15) kann Odysseus nicht mehr von der "eiligen" Abfahrt abhalten (Od.12,142-152).

Bei Kalypso wird Odysseus 7 Jahre lang an der Heimfahrt gehindert, er hatte kein Floß. Trotz ihrer Annoncen (Od.5,203-213) verlässt Odysseus Kalypso.

Auch bei den Phaiaken widersteht Odysseus den Anfechtungen: König Alkinoos kann sich ihn als Schwiegersohn vorstellen (Od.7,311-315) und Nausikaa ist nicht abgeneigt (Od.8,457-462; vgl. auch Od.6,180-185.275-288).

3.   Odysseus hat es eilig heimzukommen. Inzwischen sind es 20 Jahre, dass er von zu Hause weg ist. Trotzdem ist er daheim immer präsent und wird nicht vergessen: von den Familienmitgliedern (Penelope, Telemach, Laertes), von dem Gesinde (Eumaios, Eurykleia, Philoitios u.a.), selbst vom Hund Argos (Od.17,301f.). Für die Freier ist der verschollene Odysseus ständiges Hindernis einer Heirat mit Penelope.

II.   Wie ein Echo dieses Programmsatzes wirkt es, wenn Settembrini Castorp davor warnt, "dem Leben, der Lebensform, für die er geboren ist, verloren (zu) gehen" (Zb 302, 5f.). Settembrini mahnt zur Eile. Er rät Castorp sofort abzureisen (Zb 376, 1ff.; 133, 22-28). Denn Castorp ist nicht "Odysseus genug": "Meiden Sie diesen Sumpf, dies Eiland der Kirke, auf dem ungestaft zu hausen Sie nicht Odysseus genug sind" (Zb 375, 17f.). Strafe wird Castorps zunehmende Verwandlung zum "Gewohnheitstier" sein, er wird bald "auf allen Vieren gehen" und "zu grunzen beginnen" (Zb 375, 18ff.). Das Bild vom "Sumpf" kennzeichnet dieses langsame und unaufhaltsame Versinken. (3)

1.   Bei Castorp reduzieren sich die Gefahren für "Leib und Leben" auf seine (angebliche) Krankheit und die Schneefahrt (Kapitel 7, Unterkapitel "Schnee"). Settembrini präzisiert deshalb: "Leben, Lebensform" (Zb 302, 5).

2.   Castorp ist empfänglich für die Versuchung zu bleiben. Ihm fehlt nichts auf dem "Berghof". Einige Gründe werden angeführt:

Häusliche Umstände: Doppelwaise (Zb 282, 18; 299, 25; 303, 22), keine eigene Familie, keine engere Bindung zu den "Meinen zu Hause" (Zb 301, 22-25; 303, 9f.; 633, 22f.)

Arbeitsscheu: Das Ziel zur Arbeit heimzugehen, zu Settembrinis "Lebensweise" (Zb 1080, 9), ist nicht verlockend (Zb 57, 5-11; 94, 1-5)

Verliebtheit in Chauchat (Zb 313, 15; 349, 1f.). Im Gegensatz zu Penelope ist Chauchat "durchgehend" auf dem "Berghof".

Krankheit und "Wiederkommenmüssen" (Zb 277, 1ff.; 529, 28f.; 586, 22f.; 636, 1f.9f.; 826, 24)

Freiheit (Zb 342, 8)

Neues Umfeld: hervorragende Küche, ausgezeichneter Liegestuhl, anregende Gespräche, nekrophile Neigung Castorps findet "Opfer". "Brotsack" Castorp ist also im übertragenen Sinne ein Lotophage ("Lotosesser", Od.9,62-104), der durch das Essen (= einem saturierten  Lebensstandard) sein früheres Leben "vergisst" oder besser "verdrängt" und damit auch seine dortigen Pflichten.

3.   Castorp will nicht nachhause. Allen "Gefahren", die ihn eigentlich zur Heimfahrt bewegen sollen, widersteht er:

Warnung Settembrinis (s.o.)

Erlaubnis von Dr. Behrens heimzufahren (Zb 631, 11)

Heimfahrt von Joachim (Zb 640, 13-18): Ein Grund (neben Kuraufenthalt) von Castorps Kommen fällt damit weg (Zb 60, 20-24; 282, 3ff.).

Tod Joachims (Zb 811, 7)

Besuch seines Onkels James (Kapitel 6, Unterkapitel: "Abgewiesener Angriff")

Abreise Chauchats (Zb 527, 18-24) und Rückkehr mit Peeperkorn (Zb 828, 12)

Wegfall der "Krankheit" nach Korrektur der Fehldiagnose (Zb 949, 11f.). (4)

III.   Die Struktur des Handlungsablaufs zeigt einzelne übereinstimmende Elemente.

1.   Odysseus baut sich ein Floß (Od.5, 243-261; 249: "Meister im Schiffsbau") und fährt nach 7 Jahren Zwangsaufenthalt (Od.5,13ff.; 7,259; 17,142-146) auf der Insel Ogygia von Kalypso weg und kommt nach Schiffbruch und Phaiaken in die Heimat. Nachdem sich Odysseus und Telemach wiedererkannt haben, kommt es zum Kampfe (gegen die Freier).

2.   Der "Schiffsbaumeister" (Settembrini: Zb 92,2.17) Castorp fährt auf dem Bodensee "über Schlünde, die früher für unergründlich galten" (Zb 11, 11f.) und weiter auf den Zauberberg der abgelegenen Region Davos, erkennt dort Hippe in Chauchat wieder und bleibt freiwillig 7 Jahre. Dann kommt Castorp zurück in die Heimat zum Kämpfen (1. Weltkrieg). (5)

IV.   Verarbeitung von Jenseitsvorstellungen der "Odyssee"

1.   Settembrini zieht Parallelen zu Odysseus und dem "Schattenreich": "Sie hospitieren hier nur, wie Odysseus im Schattenreich? Welche Kühnheit, hinab in die Tiefe zu steigen, wo Tote nichtig und sinnlos wohnen" (Zb 90, 25ff.; 91, 28: "Schatten"). Natürlich liegt hier eine Anspielung auf die Unterweltsfahrt des Odysseus vor (Od.11), in die schon die Fahrt Castorps eingebunden ist .(6) 

Die Seelen in der Unterwelt sind gierig nach Blut. Odysseus wehrt die Seelen vom Opferblut ab (Od.11,49f.), 

Das erste Zusammentreffen Castorps mit Hofrat Behrens wirkt wie eine Aufnahmeprüfung zu "Denen da oben". Behrens wird nicht nur als Totenrichter "Radamanthys" (Zb 714, 8; 91, 19f.; weitere Stellen in "Romanfiguren") bezeichnet, sondern auch als "Schattenfürst" (Zb 714, 29). >>Total anämisch natürlich<<, sagte er, indem er ohne weiteres auf Hans Castorp zutrat und ihm mit Zeige- und Mittelfinger ein Augenlid herunterzog. >>Selbstverständlich total anämisch, wie ich sagte" (Zb 74, 17-20; 287, 15). Die "blutunterlaufenen" Augen von Behrens (Zb 73, 8f.) unterstreichen  den zentralen Begriff "Blut". Bei seinen Überlegungen zu Zeit und Raum (die im Jenseits identisch sein dürften) biegt Castorp "seine Nasenspitze so gewaltsam zur Seite, daß sie weiß und blutleer wurde" (Zb 103, 14f.). 

"Ein bißchen blutarm war er (sc. Castorp) ja wohl von Anfang an". Dr. Heidekind verschreibt schon dem Schüler Castorp einen blutbildenden "Porter" (Zb 50, 1-5). Bei seiner Schneefahrt hat Castorp "eine kleine Flasche mit Portwein" dabei (Zb 722, 15), die an "Ausflüglern" verkauft wurde" (Zb 736, 3). Die Schneefahrt Castorps und die Nähe zum Erfrierungstod erscheint als eine Art Fahrt in die Unterwelt, wobei der Seelenbegleiter Mercurio (Hermes) sich noch zurückhält.

2.   Menelaos wird einst ins Elysium entrückt:

"Aber dir bestimmt, o Geliebter von Zeus, Menelaos, / Nicht das Schicksal den Tod in der rossenährenden Argos; / Sondern die Götter führen dich einst an die Enden der Erde, / In die elysische Flur, wo der bräunliche Held Rhadamanthys / Wohnt und ruhiges Leben die Menschen immer beseligt / (Dort ist kein Schnee, kein Winterorkan, kein gießender Regen; / Ewig wehn die Gesäusel des leiseatmenden Westes, / Welche der Ozean sendet, die Menschen sanft zu kühlen), / Weil du Helena hast und Zeus als Eidam dich ehret". (Od.4, 561-569; Voß)

Von Hamburg aus vermag die Reise nach Davos den Eindruck vermitteln, ans Ende der Welt zu fahren. Die ausführliche Beschreibung der Reise Castorps (mit "mythischen Bildern", z.B. "Schlund") unterstreichen dies."Radamanth" für Behrens ist fast schon eine gängige Bezeichnung.

Eine Abhängigkeit von dieser Stelle legt insbesondere das folgende Motiv im Roman nahe:  Auf die Frage seines Onkels, ob es Hans Castorp nicht friere, antwortet dieser: "Uns friert nicht!" (Zb 646, 32-647, 4). Dieses Motiv wird durch Wiederholungen stark betont (Zb 650, 1; 657, 19; 658, 21). Castorp sitzt "hitzig und fröstelnd" bei Joachim (Zb 137, 7f.). ">>Wird hier denn nicht geheizt?<< rief er (sc. Castorp) plötzlich und lief zu den Röhren, um die Hände daran zu legen ... >> Nein, wir werden hier ziemlich kühl gehalten << antwortete Joachim." (Zb 24, 10-14).





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