Inhaltsverzeichnis
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Beitrag 87
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Beitrag 89 - Teil 1
Beitrag 89 - Teil 2
Beitrag 90
Beitrag 91
Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

               Spuren im "Zauberberg": Jakob Wassermann, Die Juden von Zirndorf
                                                      (1897, Überarbeitung 1906)

Der Lehrer Bojesen sieht vom Fenster auf die Schüler im Schulhof hinunter: "Das war keine Jugend für den Gebrauch der kommenden Zeit, diese Jugend mit den umränderten Augen und den hervorstehenden Backenknochen" (JZ 160, 26ff.). Bojesen folgt dem Schüler Agathon in das Klassenzimmer, "nahm seine Hand, legte seine rechte Hand auf Agathons Schulter und sah ihn durchdringend an. Dann strich er mit der Hand über Agathons Haar (...). Er verstand seinen Lehrer; er wußte, was die Berührung seiner Hand zu bedeuten hatte" (JZ 161, 8 - 17). (1)

Diese Stelle erklärt, warum Chauchat "breite Backenknochen" (Zb 119, 23f.), die "Hand eines Schulmädchens" (Zb 119, 11.13) hat und Castorp sich bei ihrem Anblick an "irgendwen" (sc. an seinen ehemaligen Mitschüler  Pribislav Hippe) erinnert (Zb 119, 24ff.). Die "umränderten Augen" führen dazu, dass ein kurz zuvor geschilderter Schuljunge "dicke(n), kreisrunde(n) Brillengläser(n)" trägt (Zb 118, 7f.). (2)

Schon im Beitrag 83 wurde darauf hingewiesen, dass der Name Stöhr mit "störrisch" verbunden wird ("Frau Stöhr, die Hasenzähne störrisch entblößt": Zb 68, 21). Das Eigenschaftswort "störrisch" kommt auch in diesem Roman Wassermanns vor (JZ 62, 3; 66, 11). Eine Stelle ist hervorzuheben: "Die Juden sind ein starkes und störrisches Volk" (JZ 77, 14). Von Wassermann übernimmt Thomas Mann also nicht nur den Namen Stöhr, sondern eine mit "störrisch" allgemein verbundene Kennzeichnung jüdischer Herkunft. Ein Blick auf Wassermann kann auch die Ängstlichkeit Frau Stöhrs gegenüber allem, was den Tod betrifft, erklären: "Ein gelehrter Chronist, der zu Fürth lebte, schreibt: Man frage nicht, warum sich dieses Volk allezeit so sehr für den Tod entsetzet? Dies macht es: sie wissen nicht, wie sie dem künftigen Zorn entfliehen sollen. Das Sterben der Juden ist daher allezeit mit Furcht und Schrecken umgeben. Alle, alle müssen mit Entsetzen für den Dingen, die da kommen, aus der Welt scheiden" (JZ 52, 4 - 9). Kurz vorher erfolgt ein Hinweis, dass Juden "nur ungern vom Sterben" reden (JZ 52, 3) wie Frau Stöhr (Zb 442, 23ff.).

Im Waisenhaus zeigte der Schuldiener beim Sprechen "einen wahren Schwertfischzahn, der wie eine Schaufel aus der Unterlippe hervorragte." (JZ 126, 10f.). "Das Wort >>Schnickschnack<< nahm sich ganz abscheulich und abenteuerlich aus in ihrem (sc. Mylendonks) Munde, wie sie es mit der Unterlippe schaufelnd hervorbrachte" (Zb 254, 32ff.). Ein schönes Beispiel für die Arbeitstechnik Thomas Manns!

Jeanette Löwengard "will einen Mann haben und keinen Getreidesack und kein Geldschrank und keine zehnprozentigen Aktien" (JZ 120, 11ff.). Der Begriff "Getreidesack" ist im Umfeld von "Brotsack" (Castorp) anzusiedeln. Auf die hebräische Schrift (und damit auf "Rückwärtslesen") weist schon im "Vorspiel" der "Judenblock" hin (JZ 5, 3). Es ist der der Grabstein "des schönen Joseph, des Naphtali Sohn" (JZ 5, 22). Die Verwendbarkeit des Namens Castorp aus Lübeck (s. Beitrag 27) als verdeckte Metapher "Brotsack" könnte Thomas Mann hier zugefallen sein. (3)

Jeanette zu Agathon: "Denn siehst du, ich langweile mich. Ich langweile mich, seit ich auf der Welt bin" (JZ 288, 12). Putz, Schmuck, Sonnenaufgang, Gemälde langweilen sie: "Versteh mich recht, es ist mehr als die Langeweile, aus der müßige Frauen Ehebruch begehen, Dummköpfe zu Verbrechern werden, aus der die Hälfte alles Übels in der Welt geschieht. Nein, ich habe noch keinen einzigen Menschen kennen gelernt." (JZ 288, 15 - 18). Diese Stichworte werden im "Zauberberg" aufgenommen: Die Krankenschwester Bertha "machte bei näherer Prüfung den Eindruck, als habe unter der Folter der Langenweile ihr Verstand gelitten" (Zb 164, 31ff.). Der "Zeit-Zwischenraum bis zum zweiten Frühstück - Joachim hielt Liegekur unterdessen - war so kurz, daß selbst ein ausgemachter Hohlkopf und Geistesarmer es nicht zur Langenweile gebracht haben würde" (Zb 288, 18 - 22; vgl. auch 280, 10 - 13; 60, 19; 820, 32ff.).

Settembrini blickt Castorp "so unverwandt ins Gesicht", "daß seine Augen in eine fixe und blinde Einstellung gerieten, und fuhr dann, seinen Blick wieder belebend, fort" (Zb 91, 10 - 13). Wenn Agathons Augen Bojesen "anblickten, war es, als ob der Blick aus weiter Ferne besinnend zurückkehrte und erst lange zaudernd Klarheit und Festigkeit gewänne" (JZ 166, 18ff.).

Gelbe Schuhe gehören zum Putz jüdischer Frauen, wenn sie zum Gottesdienst gehen (JZ 138, 12 - 15). Der Jude Isidor Rosenau trägt "hellgelbe kotbedeckte Schuhe" (TZ 90, 14). Gelbe Stiefel tragen Castorp (Zb 354, 28) und Behrens (Zb 73, 17f.).

Agathon redet "einen Schulkameraden an, einen kleinen, unbeholfenen Jungen, der sehr jüdisch aussah" (JZ 102, 1ff.). Naphta findet in der Erziehungsanstalt "Stella" Mitschüler, "junge Exoten, portugiesische Südamerikaner, die >>jüdischer<< aussahen als er" (Zb 671, 2f.).

Bojesen bringt in einem Gespräch mit dem Juden Nieberding (JZ 217, 3 - 221, 22) vor, alle Juden hätten "einen seelischen Defekt, einen sittlichen Krankheitsstoff, der ihre andersblütige Umgebung alsbald ansteckt." Sein Vorwurf gegenüber Juden: Der Mystizismus, das asketische Verlangen macht das Christentum zum "geistigen Christentum" und durch die Auflösung der "säftereichen Rasse" diese zu einer "anämischen Herde", zu einer "Nation von Säufern, Strebern und Phlegmatikern". Diese Klischees werden im "Zauberberg" übernommen, um Hans Castorps jüdischen Hintergrund weiter zu illustrieren: "Ein bißchen blutarm war er (sc. Hans Castorp) ja wohl von Anfang an, das sagte auch Dr. Heidekind" (Zb 50, 1f.). Für Behrens ist Castorp "total anämisch" (Zb 74, 17.20; 77, 25; 287, 15), ebenso sein Verwandter Konsul Tienappel, der Castorp besucht (Zb 654, 9; 655, 16). (4)
Die Kennzeichnung Settembrinis "Phlegmatisch und energisch" trifft nach Castorps Meinung die "heimatliche Lebensstimmung" (Zb 300, 8 - 13; 806, 16f.).

Agathon spricht Gudstikker wegen Monika an, die dieser verlassen hat. Gudstikker verteidigt sich: "Nach bürgerlichen Begriffen hätte ich vielleicht die Pflicht, es zu tun (sc. bei Monika zu bleiben), aber meine Aufgabe ist es jetzt, mit den bürgerlichen Begriffen zu brechen, ja sie sogar als das zu zeigen, was sie sind, nämlich Gespenster, die den holden Tag des Glücks verfinstern. Der schaffende Geist muß frei sein. Was allen andere rücksichtslos erscheint, ist für ihn ein Naturgesetz und die einzige Möglichkeit der Selbsterhaltung. (...) Nicht um schlechthin tugendhaft zu sein, sind wir da, sondern um aus unseren Gaben Tugenden zu machen. Sie, Agathon, sind ein wenig allzusehr reiner Idealist. Es fehlt ihnen an Kenntnis des Lebens" (JZ 304, 13 - 25).
Chauchat lässt sich so wenig wie Gudstikker von gängigen bürgerlichen Moralbegriffen in die Pflicht nehmen, wenn sie der Ansicht ist, "qu´il faudrait chercher la morale non dans la vertu, c´est-à-dire dans la raison, la discipline, les bonnes moeurs, l´honnêteté, - mais plutôt dans le contraire, je veux dire: dans le péché " (Zb 515, 23 - 26).

Das Lachen der Varietétänzerin Luisina Stellamare "klang, wie wenn Glasscheiben klirren" (JZ 156, 12f.). Die Türe, die Chauchat bei ihrem Eintritt in die Halle zuwirft, "war mit kleinen Glasscheiben gefüllt, und das verstärkte den Chok: es war ein Schmettern und Klirren" (Zb 72, 16ff.).Auch ihr Leben hat Ähnlichkeit mit Chauchats Freizügigkeit: "Ich bin aus der Art geschlagen, ungeraten, landflüchtig. Ich lebe nun das Leben, wie ich es will, auf eigene Faust, auf eigene Taler, mit der Erlaubnis zu jauchzen, wenn ich will und zu  lieben, wenn ich will." (JZ 156, 15 - 18). 

Staatsanwalt Paravant bemüht sich um die "Quadratur des Kreises" (Zb 954, 27). Ein solcher Einschub könnte sein Vorbild im 14. Kapitel von Wassermanns Roman haben, in dem Baldewin Estrich Gold herstellen will, um die Menschen glücklich zu machen (JZ 259, 16f.). (5)

Anmerkungen:

1.  Jakob Wassermann, Die Juden von Zirndorf, Printed in Great Britain by Amazon.co.uk, Ltd.,Marston Gate. Abk.: JZ. Erstausgabe: 1897 (Albert Langen Verlag); Überarbeitung: 1906 (Fischer Verlag). Hier: Nachdruck der Auflage 1918.
Besondere Beachtung der Hände: JZ 128, 4; 185, 18f.; 235, 15f.; 305, 23f.; auch 295, 23; 296, 1.2.6.
2.  Die Zahlen in Klammern (Seite, Zeilenangabe) verweisen auf Thomas Manns Der Zauberberg, Bd. 5/1 (Textband) - 2 (Kommentarband) - M. Neumann - der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002. Hervorhebungen durch Fettdruck vom Autor. Abk.: Zb. 
3.  Vgl. Kommentarband, S. 68, Anm.61: "Er taucht bereits 1909 in einer Namensliste auf, die Mann damals vielleicht für das Maja-Projekt zusammengestellt hat; NB.II, 177." 
4. "Blutarm" ist auch eine Deutschrussin (Zb 297, 21).
5.  Ein Bezug auf die (mittelalterliche) Goldmacherkunst findet sich auch im "Zauberberg": "alchimistisch" (Zb 818, 17; 902, 29). Die Hamburger Hausdame Schalleen ist Tochter eines Goldschmieds aus Altona (Zb 49, 23).

Veröffentlichung:  03.01.15                                             Autor: Gerhard Adam



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