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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

                 Spuren im "Zauberberg": Jakob Wassermann, Engelhart Ratgeber 
                                              (1907 als Fortsetzungsroman)

Im "Zauberberg" trägt eine Lehrerin aus Königsberg den Namen des Protagonisten "Engelhart" (Zb 113, 6 - 9; weitere Stellen in "Romanfiguren"). Fräulein Engelhart ist für Castorp Ratgeberin bei Chauchat: Sie ist seine "Helfershelferin" (Zb 211, 11). (1)

Auch der Name Schildknecht, wie Schwester Berta in Wirklichkeit heißt (Zb 806, 25), findet sich bei Wassermann: Justin Schildknecht (ER 188, 6; 193, 3; 194, 2f.; 194, 2 u.a.) ist der Freund Engelhart Ratgebers. (2) Eine Eigenschaft teilt Berta mit einer anderen Romanfigur Wassermanns: Wenn Tante Esmee "allein war, war sie verdrießlich und zerquält und wußte kein Mittel, der Langeweile zu entgehen, die sie folterte" (ER 115, 9ff.). Schwester Berta ist "von Langerweile beunruhigt und belastet" (Zb 22, 13f.). Sie macht den Eindruck, "als habe unter der Folter der Langweile ihr Verstand gelitten" (Zb 164, 31ff.).

Schildknecht zu Engelhart:" Solche Menschen, die wie Sie aus der Dunkelheit eines Stammes emporgetrieben werden und in denen die stummgewesenen Geschlechter, wie soll ich mich ausdrücken, einen Mund erhalten, die haben viel Chaos, viel Schicksal in sich. Das Judentum sind Sie ja los, aber der Jude, der in Ihnen steckt, wird Ihnen noch viel zu schaffen machen" (ER 232, 25 - 31).
Diese Stelle könnte auf den jüdischen Hintergrund Castorps aufmerksam machen: Der junge Castorp lauscht auf das "Ur-Ur-Ur-Ur, - diesen dunklen Laut der Gruft und der Zeitverschüttung, welcher dennoch zugleich einen fromm gewahrten Zusammenhang zwischen der Gegenwart, seinem eigenen Leben und dem tief Versunkenen ausdrückte und ganz eigentümlich auf ich einwirkte" (Zb 38, 30 - 39, 2; auch 235, 29; 587, 22f.). Das "Ur" ist hier auch als Ortsangabe zu verstehen, nämlich als Ur in Chaldäa, dem Geburtsort Abrams (Abrahams). (3) Die ausführliche Beschreibung der Taufschale im "Zauberberg" betont die Konversion und damit die jüdische Herkunft.

Das "unsichtbare Fortgleiten der Zeiger" einer Wanduhr war dem kleinen Engelhart "rätselhaft" (ER 55, 31f.). Als er am Zifferblatt herummacht, fallen ihm die Zeiger in die Hände (ER 56, 1 - 4): " Er schaute zur Uhr, um zu sehen, wie spät es sei, und ein Grauen überlief seine Haut, als er das zeigerlose Blatt gewahrte und darunter den Perpendikel, ernsthaft schwingend, wie wenn nichts geschehen wäre. Er dachte, daß nun vielleicht die Zeit ihr Maß verloren habe, und daß die Nacht kein Ende nehmen würde" (ER 56, 28 - 33). Das Problem findet sich bekanntlich im "Zauberberg": "Eine Minute ist so lang ... sie dauert so lange, wie der Sekundenzeiger braucht, um einen Kreis zu beschreiben" (Joachim, Zb 102, 31f.). "Wir messen also die Zeit mit dem Raume. Aber das ist doch ebenso, als wollten wir den Raum an der Zeit messen, - was doch nur ganz unwissenschaftliche Leute tun" (Castorp, Zb 103, 5ff.).

Lechner, ein Mitarbeiter im väterlichen Betrieb, klärt Engelhart auf, der mit anderen Knaben barbusige Mädchen an den Fenstern eines Freudenhauses gesehen hat (ER 76, 5 - 20). Lechner ist epileptisch (ER 63, 27f.). Ein epileptischer Anfall wird geschildert: "Er (sc. Engelhart) war einmal dabei gewesen, als Lechner im epileptischen Kampf niedergestürzt war, Tisch und Bank mit sich reißend und im grauenhaften Gebrüll mit allen Gliedern zuckend" (ER 76, 32 - 77, 1). Dies löst bei Engelhart die Vorstellung aus: "Schien es nicht, als ob Lechners Enthüllungen das Liebestreiben der Menschen für ihn (sc. Engelhart) zu einem epileptischen Kampf gemacht hätten?" (ER 81, 6ff.).
Engelhart hasste am meisten "das Wort Liebe"; er wurde blaß, und seine Fäuste ballten sich, wenn er es hörte, das epileptisch verkrampfte Gesicht Lechners tauchte hinter dem Wort empor, er erschien sich besudelt und unwert seiner Träume" (ER 87, 16 - 20). (4)
Im "Zauberberg" erleidet der Lehrer Popów einen epileptischen Anfall (Zb 453, 19 - 455, 5). Lehrer ist Popów deshalb, weil Lechner Engelhart belehrt (ER 77, 6f.: als Wissender den Unwissenden"). Auch die Verbindung Liebe - Epilepsie wird übernommen: "Der Analytiker (sc. Dr. Krokowski) war nämlich bei seinen Ausführungen über die Liebe als krankheitbildende Macht gerade am letzten Montag auf die Fallsucht zu reden gekommen (Zb 454, 16ff.; 194, 13ff.; 178, 15f.). Zu erwähnen ist, dass Popów nicht allein auf dem "Berghof" ist, sondern mit seiner Braut, was den "erotischen" Aspekt seiner "Fallsucht" noch unterstreicht (Zb 453, 23; 455,4).

Bei Wassermann wird eine Gefechtsübung in üblicher Typologie geschildert (ER 161, 15 - 163, 1). Herausgehoben wird darin das "Singen": "Es wird befohlen zu singen, niemand rührt sich, der Befehl wird wiederholt, da erhebt sich zuerst die dünne Stimme des Spaßmachers, andere fallen ein, der Rhythmus rüttelt sie auf. Es scheint ein lustiges Lied von volksmäßiger Einfachheit (...). Engelhart vermag nicht zu singen, der Sergeant ruft drohend seinen Namen, er öffnet mechanisch den Mund" (ER 162, 17 - 25). 
Dieses Motiv wird in der Kriegsschilderung des "Zauberbergs" (Zb 1080, 21 - 1084, 32) aufgenommen:
1. "Was denn, er (sc. Castorp) singt!" (Zb 1084, 5) klingt wie ein Rekurs auf Engelharts Unvermögen zu singen.
2. Castorp singt "bewußtlos" (Zb 1084, 28), eben "mechanisch".
3. Kurz vor unserer Stelle macht Engelhart bei Militärkameraden eine Bemerkung über die "Sinnlosigkeit, ja Unmenschlichkeit des militärischen Prinzips" (ER 160, 15f.). Auf die Frage eines Kameraden, ob er denn sein Vaterland nicht liebe, schweigt Engelhart und weiß: " Was er liebte, war seine Heimat, und an ihr liebte er die Erinnerung an einen Sonnenuntergang, an die brodelnde Luft über einem reifen Kornfeld, an die Stille eines Tannenwaldes im Frühling, an einen traurigen Fluß in der unermeßlichen Ebene. Und was ihm am teuersten war, war die Sprache, in der er redete und träumte und die bisweilen in ihm zu singen anfing wie eingeborene Musik" (ER 160, 27 - 34).
Castorp singt "das herrliche Lied im Volks- und Kindermunde" (Zb 986, 4): "Am Brunnen vor dem Tore ist meiner Heimat Haus". (5)

Naphta hat Züge des Studenten Benedikt Knoll, "der alsbald durch wirklichen Scharfsinn und vielfaches Wissen dort (sc. im Wahrmannschen Haus)  eine geistige Oberherrschaft, ja eine Art Tyrannei antrat. Er war ein sehr kleiner, häßlicher Mensch (vgl. Zb 582, 1: "Der Kleine"; 549, 26: "kleinen häßlichen Naphta") von früh entwickeltem sarkastischen Witz (vgl. etwa Zb 667, 15ff.), ein Jude und eine echte Judennatur, den frommen und gedrückten Geschlechtern entsprossen und unbewußt bemüht, diese Abkunft durch ausschweifende Freigeisterei und ein brünstiges Streben nach Unabhängigkeit zu verleugnen" (ER 81, 21 - 28). Benedikt Knoll will seine "erzieherischen Ideen" verwirklichen (ER 81, 32f.). Auch sein erzieherischer Impetus wird zur Romanfigur Naphta mitgenommen.
Naphta erklärt, um was es in der Pädagogik geht: "Alle wahrhaft erzieherischen Verbände haben von jeher gewußt, um was es sich in Wahrheit bei aller Pädagogik immer nur handeln kann: nämlich um den absoluten Befehl, die eiserne Bindung, um Disziplin, Opfer, Verleugnung des Ich, Vergewaltigung der Persönlichkeit. Zuletzt bedeutet es ein liebloses Mißverstehen der Jugend, zu glauben, sie finde ihre Lust in der Freiheit. Ihre tiefste Lust ist der Gehorsam" (Zb 603, 27 - 34). Welche Art von "tiefster Lust" hat Naphta vor Augen? Zur Erklärung kann eine andere Stelle Wassermanns beitragen.



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