Inhaltsverzeichnis
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Beitrag 6
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Beitrag 23
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Beitrag 49
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Beitrag 78 - Teil 3
Beitrag 79
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Beitrag 81
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Beitrag 82 - Teil 2
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Beitrag 84
Beitrag 85 - Teil 1
Beitrag 85 - Teil 2
Beitrag 86
Beitrag 87
Beitrag 88 - Teil 1
Beitrag 88 - Teil 2
Beitrag 89 - Teil 1
Beitrag 89 - Teil 2
Beitrag 90
Beitrag 91
 Beitrag 92 - Teil 1
Beitrag 92 - Teil 2
Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

    Spuren im "Zb": Jakob Wassermann, Die Geschichte der jungen Renate Fuchs (1899)

In der Episode Düstmund - Madame Capatsoulias aus Mytilene (Zb 232, 13 - 19) sehen wir im Namen "Düstmund" eine Anspielung auf Wassermann (vgl. Beitrag 80, Teil 1). (1) Auch in der "Geschichte der jungen Frau Renate Fuchs" ist Wassermanns Lieblingswort "düster" häufig zu finden. (2) Frau Stöhr schließlich, die sich besonders über die Erzählung Settembrinis amüsiert (Zb 232, 21ff.), weist ebenfalls mit ihrem Namen auf eine Gestalt Wassermanns hin, nämlich Fräulein Stöhr (vgl. Beitrag 83). Auf diesem Hintergrund liegt die Frage nahe, ob nicht des "Pudels Kern" dieser Episode, das Hündchen, einen Vorgänger bei Wassermann hat.
Im "Zauberberg" setzt sich das Hündchen "auf den Knopf des elektrischen Lichtsignals auf dem Nachttisch seiner Herrin". Ausgangspunkt dieses witzigen Einfalls scheint uns der Name eines Hundes zu sein, der in Wassermanns Roman ständiger Begleiter von Renate Fuchs ist und eine umfangreiche Rolle im Roman spielt. Auf seinen Namen wird besonders aufmerksam gemacht: Er heißt Angelus (RF 84, 28 - 33). (3) Angelus übersetzt der Leser mit "Engel, Bote". Im Namen allein ist schon das Programm einer Tätigkeit angelegt, nämlich die Weitergabe einer Nachricht. Der Name "Angelus" wird freilich überdeckt von einer speziellen Bedeutung: dem "Angelusläuten" (von Kirchenglocken). Diese Vorstellung findet Eingang in den "Zauberberg". Das gebräuchliche mit "Angelus" assoziierte akustische Signal wird von Thomas Mann aus dem Namen herausgeholt und zum naheliegenden optischen Signal in einem Krankenzimmer umgedeutet. Am Träger (Hund) wird anonym festgehalten, beide Hunde haben eine "Herrin". (4)

Castorp lästert über Marusja: "Und diese Mazurka da, oder wie sie heißt, kommt mir etwas albern vor. Immer muß sie sich das Taschentuch in den Mund stopfen vor lauter Kichern. <<Joachim lachte laut über die Namensverdrehung. >>Mazurka < ist ausgezeichnet!<< rief er. >>Marusja heißt sie, wenn du erlaubst, - das ist soviel wie Marie" (Zb 112, 18 - 23).
Bei Wassermann wird auf einem Fest eine Mazurka bei der Musik bestellt (RF 267, 12f.). Renate Fuchs bedauert auf dem Nachhauseweg, dass es schon Tag wird und wünscht sich für immer Nacht  (RF 267, 22f.). Graumann ruft ob eines solchen Wunsches die "Madonna" an.
Ist aus "Madonna" unter dem Einfluss von "Mazurka" - beide Wörter stehen in Wassermanns Text nicht weit auseinander - Castorps Namensverdrehung Marusja zu Mazurka geworden? Die gleiche Vokalfolge legt dies nahe. Thomas Mann findet dann für seinen russischen Namen "Marusja" eine witzige Verbindung zu "Mazurka" im Text Wassermanns. (5)

Die gestikulierende Redeweise Peeperkorns ist bei Süssenguth vorweggenommen: Manchmal war es bei Süssenguth so, "als ob er die Sätze erbreche. Das Suchen nach dem Ausdruck durchwühlte seine Züge. Er preßte die Augen zusammen, machte sie dann wieder leuchtend, ballte die Faust oder strich mit der weißen, schönen Hand über die angestrengte Stirn und erweckte immer den deutlichen Eindruck des Ungewöhnlichen" (RF 20, 12 - 17; Zb 831, 23; 832, 18 - 24). "Seine (sc. Süssenguths) Hände griffen ins Leere, als tasteten sie einem entfliehenden Gegenstand nach, dann erstarrten sie in der Geste und sanken herab" (RF 63, 3ff.; Zb 858, 8 - 11; 859, 19f.). (6)
"Jedes Wort (sc. Peter Graumanns) war deutlich, in sich selbst pointiert, wie bei einem Schauspieler; das R war ein Gaumenlaut und langgedehnt, es war der Träger der respektvollen Bestimmtheit, die in der Stimme lag" (RF 86, 18 - 21; 271, 5). Peeperkorn redet "nach holländischer Weise am Gaumen" (Zb 829, 28), "mit gerolltem Kehl-r" (Zb 916, 33f.). (7)

Anselm Wanderer erzählt Renate abends von einem Gespräch auf einer nachmittäglichen Gesellschaft bei Terkes: "Man habe die Rede auf die moderne Frau gebracht, und er, Anselm, habe gesagt, es gebe keine moderne Frau, so wenig es eine moderne Wiese gebe. Man könne die Frau mit einem Instrument vergleichen. Manche spielten sich von selbst: Drehorgeln, Automaten, manche forderten aber den rechten Mann. Dem hätte man auf das Entschiedenste widersprochen" (RF 132, 19 - 24).
Renate hatte kurz zuvor bei einem Spaziergang Gudstikker getroffen, der gerade von Terkes kam. Die Rede kommt auf sein letztes Buch, bei dem er täglich Nachfragen von Frauen bekomme: "Mein Buch ist gar nicht für Frauen. Es ist für Männer. Wenn eine Frau sich um derlei Dinge kümmert, ist es schon schlimm mit ihr bestellt. Eine Frau ist an sich nichts. So wenig wie ein Musikinstrument an sich. Es giebt natürlich populäre Instrumente, Drehorgeln, Spieldosen, die kann jeder spielen. Aber die persönlichen, da muß sich der rechte Mann dazu finden" (RF 131, 8 -14). Über dieses Thema sei gerade bei Terkes gesprochen worden.
Ebenso als Parodie gestaltet ist diese baldige Verwendung neuen Wissens durch Castorp: "Mein Schnupfen ist beinahe behoben durch die Bettruhe, aber es soll ja eine sekundäre Erscheinung sein, wie ich allgemein höre" (Zb 295, 22ff.). Castorp hatte von Dr. Krokowski gehört, dass seine "feuchte Stelle" eine "sekundäre Erscheinung" sei (Zb 291, 23).

Anselm Wanderer geht an der Seite Süssenguths, "in der Bedrücktheit eines Untergeordneten" (RF 10, 19). Dr. Krokowski blickt "desto selbstbewußter um sich ..., als der klinische Brauch ihn nötigte, sich auf Dienstgängen hinter den Chef zu halten" (Zb 99, 18ff.; 73, 22ff.: "untergeordnetes Verhältnis").

Gisa ist die Geliebte Süssenguths geworden. Wie ein "betrunkener Professor der Psychologie" schwadroniert er über die Seele eines Mädchens: "Diese Mysterien der Mädchenseele. Das tiefe Sich-selbst-Treusein! Das Niemals-aus-der-Rolle-Fallen!Jede ist eine Duse ihrer Mission, die höchste Competenz der Natur" (RF 63, 6ff.).Thomas Mann hat die Duse, "das Bild einer berühmten Tragödin", vor sich (Zb 62, 26f.). (8) Hat Wassermann ihn an die Duse erinnert (Zb 62, 17f.: "von düsterem, ja tragischen Aussehen")?
Tous-les-deux passt "offenbar ohne es zu wissen, ihre langen, gramvollen Tritte dem Takt der herüberklingenden Marschmusik" an (Zb 62, 28ff.). Wanderer "summte ... ein Lied, nach dessen Rhythmus er seine Schritte regelte" (RF 116, 25f.).

Ein "wollhaariger Jude" ist Student (RF 9, 10). Tamara im "Zauberberg" ist "wollhaarig" (Zb 130, 19: "wirrem Wollhaar"; 219, 6; 319, 6; 496, 14). (9)

Renate möchte schlafen. "Doch als sie aus dem Weinglas getrunken hatte und es auf den Tisch stellte, bebte ihre Hand, das Glas fiel um und der Wein rann wie dickes Blut über das weiße Linnen. Beide lachten, doch wagten sie sich nicht anzuschauen (RF 78, 5 -9). Das Motiv wird im "Zauberberg" übertragen und ausgebaut: "Ich sehe da zu meinem Bedauern Weinflecken auf Ihrem Laken, Mynheer Peeperkorn. Sollte man nicht - Wir pflegten Salz darauf zu schütten, solange sie frisch waren - << >>Das ist unwesentlich<<, sprach Peeperkorn, indem er seinen Gast im Auge behielt. Castorp verfärbte sich" (Zb 915, 8 - 14; 917, 24.32f.).

Graumann zu Renate Fuchs: "Dem entarteten, oder wenn Sie wollen, dem verfeinerten Körper ist es unmöglich, ein sinnlich gesundes Leben zu führen. Und darum handelt es sich. Zunächst um den Bankerott der sogenannten Illusionen. Das ist klar: wer einmal den anämischen Idealen der Gesellschaft den Rücken gekehrt hat, den verstößt sie in ewige Nacht" (RF 99, 20 - 25). Renate entscheidet sich für ein "sinnlich gesundes Leben" und wird zur "verlorenen Tochter" (RF 182, 20f.).
Castorp ist von einem "dünnblütig verfeinerten Äußeren" (Zb 51, 28) und "anämisch" (Zb 50, 1; 74, 17.20; 77, 25; 95, 7; 287, 15). Der Blick auf "seine" Krankheit und die früh erlebten Todesfälle im engsten Familienkreis führen dazu, dass Castorp das gesellschaftliche Ideal des Geldverdienens für sich nicht akzeptiert und angesichts seiner finanziellen Grundausstattung auch nicht akzeptieren muss.

Renate Fuchs zeichnet mit ihrem Schirm Linien in den Kies / Sand (RF 27, 10 - 14;41, 10f.). Ein Interpretationshinweis für Castorps Zeichnungen in Schnee und auf Asphalt (Zb 705, 23ff.; 83, 8 - 11; 639, 33ff.) könnte in Graumanns Äußerung liegen: "Aber wenn ein Dichter alles, was er fühlt und ist und kann mit einem einzigen Gedicht in den Sand schreibt, weil er weder Feder noch Papier hat, und der Wind kommt und verweht die ganze Geschichte, - unwiederbringlich, das ist es, was ich meine. Unwiederbringlich! Einer, der sein ganzes Vermögen einem schlechten Schiff anvertraut" (RF 88, 16 - 20).

Der Concierge hinkt und wird von Castorp zunächst als "Kriegsveteran" (Zb 15, 27) angesehen. Wassermanns einbeiniger Hausverwalter (RF 75, 31) könnte dafür Pate gestanden haben.

Anmerkungen:

1. Thomas Manns Der Zauberberg, Bd. 5/1 (Textband) - 2 (Kommentarband) - M. Neumann - der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002. Hervorhebungen durch Fettdruck vom Autor. Abk.: Zb.
2. Jakob Wassermann, Die Geschichte der jungen Renate Fuchs, NachdruckderAusgabe 1903. Verlag: Tradition GmbH, Hamburg. Abk.: RF
Stellen zu "düster": RF 29, 2; 85, 30; 98, 2; 106, 25; 124, 16; 133, 1; 140, 29; 148, 18; 170, 35; 173, 24; 185, 16; 211, 19; 235, 10; 255, 1.12; 261, 29; 276, 8; 298, 32; 304, 3; 306, 16; 308, 21-29.38; 313, 33; 318, 12; 335, 30.
3. Stellen zu "Angelus": RF 77, 9-15; 84, 25-33; 91, 5-10; 97, 20.28-31; 104, 29; 126, 37-127,2; 143, 23-26; 146, 23-28; 147, 4f.; 151, 19ff.; 153, 6f.; 158, 30ff.; 166, 11-15; 167, 20-24; 171, 30; 175, 20ff.; 192, 21ff.; 198, 18-33; 201, 4-14; 202, 6f.18.34ff.; 205, 17-21; 207, 14.21-25; 208, 10f.22f.; 209, 1f.; 210, 33f.36-211, 2; 217, 36f.; 225, 3-14; 229, 12f.18f.; 236, 7.11-14; 237, 30f.; 241, 1f.; 242, 14f.; 243, 32ff.; 244, 6f.9f.30f.; 245, 7ff.; 247, 19; 248, 20-249, 6.20-26; 263, 30-264, 2; 270, 9; 271, 26-30; 283, 5-8; 288, 25-289, 10 (Zwiegespräch!); 293, 4; 295, 36f.; 298, 21f.; 303, 24f.34-304, 4; 306, 22-29; 308, 21-29; 313, 34f.; 315, 3-6.25ff.; 316, 2f.12-15; 317, 7-30.34f.; 319, 7-10.21-26; 320, 12-20; 324, 4ff.
4. Auch auf die turbulente Szene im Schlafzimmer ist hinzuweisen: Anselm setzt sich auf einen Stuhl neben Renates Bett ("Assessor"). Sie bittet ihn die "Lampe" zu holen. Nach einem Wortgefecht zerrt er Renate aus dem Bett, der Hund Angelus stürzt sich auf Anselm (RF 146, 5-29).
5. Settembrini ruft die Madonna angesichts der Beweiskraft einer photographischen Platte an (Zb 298, 28); die "Gottesmutter" als grausige Pietá (Zb 592, 16-27).
6. Wassermanns Interesse für "Hände": RF 29, 17ff.; 41, 32f.; 65, 25f.; 77, 26f.; 102, 4f.
7. Zu Krokowskis "R" s. Beitrag 63, Teil 2, Anm. 8.
8. S. Kommentarband , S. 146 zu Zb 62, 26-27 (Duse).
9. Vgl. dazu auch den Beitrag 43: Spuren im "Zauberberg": Juda und Tamar (1.Mose 38, 1-30).

Veröffentlichung: 18.03.15                                            Autor: Gerhard Adam







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