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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

                                           Gustav Frenssen : Jörn Uhl (1901)

Für den Schluss des "Zauberbergs", die "Auflösung"´, sieht Thomas Mann "keine andere Möglichkeit, als den Kriegsausbruch. Man kann als Erzähler diese Wirklichkeit nicht ignorieren, und ich glaube ein Recht auf sie zu haben, da das Vorgefühl davon in allen meinen Conceptionen war". (1) Die Ausführung dieses Konzepts konnte sich an die folgende Stelle des Romans "Jörn Uhl" anlehnen (2) :

Thieß Thiessen wird " Siebenschläfer" genannt (JU 4. Kp., 64, 31). (3) "Und da liegt Thieß Thiessen im Schatten eines Torfhaufens im Grase, die Mütze aufs Gesicht gelegt, das Gewehr neben sich. Sie (sc. Jörn, Fiete, Elsbe) schleichen auf den Fußspitzen herbei und stehen rund um ihn. "Er hat uns entgegengehen wollen," sagte Elsbe leise. "Da hat er sich erst`mal hingelegt und ist eingeschlafen. Er ist ein Siebenschläfer und macht alles verkehrt." "Wir müssen mit einem Male alle laut aufschreien, "sagt Jörn, "dann bekommt er einen tüchtigen Schreck. Paßt auf!" "Hollo ... oh." Wie ein Hase aus seinem Lager springt, nein, steil, geradeaus, ohne Kniebeuge, wie ein Pfahl: so fliegt Thieß Thiessen aus der Erde heraus. "Was?" schreit er. "Thieß!" schreit Elsbe, "mach' ein anderes Gesicht. Dies geht nicht länger." Da nimmt er das Gewehr und findet auch die Sprache wieder " (JU 4.Kp., 64, 24 - 65, 11). Castorp liegt als "Siebenschläfer im Grase" (Zb 1078, 31; 1077, 30) und wird von den politischen Ereignissen aufgeweckt ("Donnerschlag": Zb 1075, 5.8.10). Er richtet sich langsam auf, "bevor er saß und sich die Augen rieb" (Zb 1078, 31f.). "Er zog die Beine unter sich, stand auf, blickte um sich" (Zb 1079, 1f.).

Die strukturelle Übereinstimmung ist offensichtlich:

Siebenschläfer - jähes Erwachen - langsames Aufstehen Castorps (Gegensatzbildung bei Übernahmen) - Kriegsausbruch (Griff zum Gewehr). Auch Frenssen schildert später Kriegsszenen (70er - Krieg: JU 14. Kp., 249 - 274; Zb 1080, 22 - 1084, 32).

Castorp teilt mit Thiessen die Arbeitsscheu (etwa Zb 56, 15ff.; 94, 4f.; 158, 29 - 32).

Thieß Thiessen wendet sich dagegen, dass die Arbeit das Beste sei, wie Jörn Uhl meint (JU 4. Kp., 71, 21). Neben dem biblischen Argument (Arbeit als Folge der Vertreibung aus dem Paradies: JU 71, 25 - 31) verweist Thiessen auf den technischen Fortschritt, der die Arbeit bald aussterben lässt (JU 71, 25 - 31). Thiessen liest, so lange er denken kann, die "Itzehoer Nachrichten": "Wißt ihr, worauf ich jedesmal neugierig bin, jedesmal, wenn Peter Siemsen (4) um die Ecke kommt, die Thüre aufreißt und sagt: Die Itzehoer? Daß die Arbeit weniger wird! Daß die Arbeit ganz aufhört! Daß wir alle aus dem Fluch herauskommen! So." (JU 72, 14 - 18). (5)

Während Thiessen die gewonnene arbeitsfreie Zeit "für einen langen Schlaf im Schatten eines Torfberges" verwenden würde (JU 73, 10f.), hat Castorp als "Siebenschläfer" dieses Ziel schon erreicht und lässt sich von außen (auch durch den Besuch seines Onkels) nicht stören: In all den Jahren hat Castorp im Gegensatz zum Zeitungsleser Thieß Thiessen es "trotz mancher Ermahnung (sc. durch Settembrini) versäumt ... , die Presse zu lesen" (Zb 1075, 12f.; 379, 24 - 27). Der Erzähler übernimmt hier ironisch dieses Seitenmotiv als Nachhall der heiteren Stimmung seiner Vorlage. Der leichtere Ton und die lethargische Langsamkeit Castorps wird unmittelbar darauf von der Schilderung des Grauens eines Krieges und der Dynamik der vorrückenden Truppe aufgehoben.

Thieß Thiessen fährt Jörn Uhl in die Stadt zur Aufnahmeprüfung ins Gymnasium (JU 6. Kp., 105, 19 - 108, 19). Mit dem Wagen fährt er sonst "Backtorf" in die Stadt (JU 105, 25). Thiessen trägt einen "schwarzbraunen Zylinder", den "man doch nur bei Begräbnissen" trägt (JU 106, 21ff.). Es ist ein "Totenhut" (JU 106, 25; 107, 24). Jörn kommt es auf der Fahrt vor, "als ginge es das ganze Leben hindurch hinter dem dunkelbraunen Totenhut her in das Grab" (JU 107, 32ff.). "Es war kein Triumphzug" (JU 107, 21).

Dieser funebre Aspekt der Fahrt wird im "Zauberberg" schon vor Castorps Fahrt in einem Stellwagen (Zb 189, 27 - 190, 11) vorbereitet. Castorp bekommt auf einer Ruhebank "jenseits des Baches" (Zb 182, 23) plötzlich "Nasenbluten" (Zb 182, 31). Wie ein "lebloser Körper" (Zb 183, 19) liegt er dort träumend "die Augen geschlossen" (Zb 183, 7) auf dem "Brettersitz" (Zb 183, 4). Castorps´Fahrt in einem "Stellwagen mit leeren Kisten" ist dann eine "klägliche Heimkehr" (Zb 189, 27). Er sitzt wie Jörn Uhl hinter dem Fuhrmann, "die Beine vom Wagen hängend, von den Passanten mit verwunderter Teilnahme betrachtet, schwankend und nickend im Halbschlaf und unter den Stößen des Gefährtes" (Zb 190, 6 - 9). Castorps Wagen fährt nach "Dorf", seiner Ankunftsstation. Beim "Bahnübergang" steigt Castorp vorher aus und wählt symbolisch die (falsche) Richtung: Er "hastet kopfüber" nach oben zum Vortrag Dr. Krokowskis. (6)

Jörn Uhl besteht die Aufnahmeprüfung in die Stadtschule nicht, weil er Englisch statt Latein gelernt hat (JU 6. Kp., 111, 1 - 7). Wegen seiner späteren Studien wird er "lateinischer Bauer" (JU 26. Kp., 464, 12) genannt. (7) Auch im "Zauberberg" hat - wie in der zeitgenössischen Literatur überhaupt - Latein eine herausragende Bedeutung. So urteilt etwa Settembrini über den Staatsanwalt Paravant: "Er ist zwar ein Esel, aber er versteht wenigstens Latein" (Zb 366, 26). (8)

Eine allegorische Deutung des Zeichnens in den Sand / auf Asphalt durch Castorp (Zb 83, 8 - 11; 639, 33f.) könnte einen Anhaltspunkt bei Frenssen finden: "zuweilen gelingt es einem klugen, nachdenklichen Auge, zu sehen, wie das große, schöne und furchtbare Schicksal auf dem ewigen Steine sitzt und mit aufgestütztem Haupte und gerunzelter Stirn das Gewirr von Linien im Sande malt, die verschlungenen Wege, die wir Menschen dann gehen müssen" (JU 6. Kp., 117, 18 - 23; christliche Deutung: JU 28. Kp., 502, 5 - 13).

Ein Knecht von Jörn Uhl, Jochen Ebel, ist "in der Gegend als "Hm" = Ebel bekannt" (JU 18. Kp., 320, 17; 321, 4). Diese Verwendung einer Interjektion als Personenbezeichnung könnte die Anregung für Thomas Mann gewesen sein, die Floskel "Hm" als Initialen des Namens seines Bruders Heinrich Mann zu benützen. Unsere früher geäußerte Vermutung wird dadurch bestätigt. (9)

Anmerkungen:

1. Thomas Manns Der Zauberberg, Bd. 5/1 (Textband) - 2 (Kommentarband) - M. Neumann - der
Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002. Hervorhebungen durch Fettdruck vom Autor. Abk.: Zb.
 Hier: Zitat aus Brief an Paul Amann (3.8.1915), in: Kommentarband, S. 20, Anm. 47; S. 21.
2. Gustav Frenssen, Jörn Uhl, G. Grote´sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1913. Abk.: JU, Kapitel, Seite, Zeile.
3. Auf die Verbindung "Berg" mit "Siebenschläfer" in Frenssens Roman sei hingewiesen: Wieten Penn, das Großmädchen auf dem Hofe Uhl (JU 1. Kp., 2, 6), rät dem übermüdeten Jörn Uhl sich hinzulegen und zu schlafen: "Schlafe wie jener: der kam in den Schlafberg und schlief sieben Jahre" (JU 22. Kp., 391, 19ff.). 
4. Ähnlichkeit zu "Ziemßen". Auch der Name "Behrens" taucht bei Frenssen auf (JU 12. Kp., 223, 30).
5. "Arbeit" ist für Settembrini ein zentraler Begriff: Zb 92, 19.23f.; 93, 1 - 6; 101, 1f.; 568 ff. Sein Bemühen, Castorp für die Arbeit zu interessieren, schlägt fehl: "Zur Arbeit hoffte ich dich (sc. Castorp) zu entlassen, nun wirst du kämpfen inmitten der Deinen" (Zb 1080, 9f.).
6. Diese Alternative könnte bei Frenssen schon angedeutet sein: Jörn sitzt hinter dem Fuhrmann, "links Buttertöpfe und rechts Wissenschaft" (JU 6. Kp., 107, 31).
7. Ein "griechischer Bauer" aus Arkadien (Zb 523, 9) mag seine Existenz Jörn Uhl verdanken.
8. Vgl. etwa Zb 1072, 9 - 12; 445, 9 - 22; 566, 2; "Placet experiri" (Zb 150, 26; 155, 2; 228, 19; 239, 12; 483, 33f.) u.a.
9. Vgl. Beitrag 58 zu Zb 306, 30f. Weitere "Hm" - Stellen (Zb 83, 25; 133, 18; 274, 13; 295, 14; 306, 31; 581, 29; 753, 7) wären daraufhin zu untersuchen, wie überhaupt auch verdeckte Bedeutungen anderer Interjektionen. Bekanntlich ist bei Thomas Mann davon auszugehen, dass er jedes Wort mit Bedacht wählt.

Veröffentlichung: 11. 2. 16                                            Autor: Gerhard Adam



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