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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten

                             Spuren im "Zauberberg": Hermann Bahr, Drut (1909)

Die zusammengehörenden Romane "Die Rahl" (1908), "Drut" (1909) und "O Mensch" (1910) von Hermann Bahr liefern eine Fülle von Motiven, die im "Zauberberg" verarbeitet sind. Im Folgenden soll dies beim Roman "Drut" gezeigt werden. (1)

Drut und Chauchat

1.  Beide sind verheiratet, aber allein.
Drut heiratet nach dem Tode des jungen Baron Scharrn einen südfranzösischen Tänzer namens Morin in London (Drut 13. Kp., 492, 3). Bis zuletzt bleibt allerdings unbekannt, dass sie verheiratet ist. (2)
Der Mann Chauchats ist "hier ganz unbekannt", vielleicht ist er "Franzose oder französischer Abkunft" (Zb 120, 2ff.). Es gibt keinen Zweifel, dass sie verheiratet ist (Zb 208, 31 - 209, 4), obwohl sie keinen Ehering trägt (Zb 208, 25ff.).

2.  Beide kosten ihre Freiheit aus.
Im Gegensatz zu Chauchat wird das Leben Druts ausführlich dargestellt. In unserem Zusammenhang ist das "vergnügte(s) Reiseleben" als Witwe mit ihrem Vater interessant: "Engadin, Biarritz, zum Grand Prix in Paris, Winter in Kairo, Ostern in Rom" (Drut 13. Kp., 491, 20 - 24). Sie lebt in den Tag hinein (Drut 9. Kp., 328, 5 - 25).
Chauchat war "überall", in Moskau, Baku,deutschen Bädern, in Spanien (Zb 844, 4 - 845, 2), nützt ihre Freiheit zu Ortswechsel (Zb 512, 26ff.). Sie kommt früher oder später zum vierten Aufenthalt nach Davos, "wie die Krankheit, die ihr Freiheit gab, es fügen würde" (Zb 529, 5 - 8; 923, 9: "geniale Prinzip der Krankheit").

3.  Beide sind "defekte" Frauen
Drut bezeichnet sich als "alte, defekte, unbrauchbare Frau" (Drut 10. Kp., 362, 16f): "Noch einmal ein Kind zu kriegen, haben die Ärzte gesagt, wäre mein Tod" (Drut 9. Kp., 318, 15f.).
Chauchat ist eine "liebliche(n), wenn auch schadhafte(n) Frau" (Zb 319, 4f.) wegen ihrer Krankheit, und auch älter als Castorp.

Eine Szene im Wartesaal des Arztes deutet auf ihr Problem hin:.
Drut will abtreiben lassen. Das Wartezimmer ist voll, eine Mutter mit Kind wird hevorgehoben (Drut 9. Kp., 306, 18 - 224). Drut ist ungeduldig, "sie hätte keine Zeit zu warten" (Drut 307, 14).
Für Chauchat ist die Warterei "unangenehm" (Zb 323, 4 - 16). Auch hier ist eine Mutter mit Kind anwesend (Zb 320, 31 - 321, 1.16.22f.; 325, 21f.).

4.  Beide sind "bubenhaft".
"Wen sie (sc. Drut) nur ein bißchen hübscher gewesen wäre! Sie sah mehr einem Buben gleich. Obwohl sie gar nicht mehr so jung war" (Drut 6. Kp., 226, 17ff.). Drut hat "kleine(n) feste(n) Kinderhände" (Drut 6. Kp., 232, 18f.).
Bube (Drut) und Kinderhand werden von Thomas Mann auf die Schulebene transformiert und konkretisiert: Das Gesicht Chauchats erinnert an den Mitschüler Hippe, sie sieht also einem bestimmten "Buben" gleich. Sie hat überdies die Hand eines Schulmädchens  (Zb 119, 11.13).

Drut und Peeperkorn

Drut erzählt wie Peeperkorn: Sie hatte "etwas ganz Geheimnisvolles und Aufregendes im Ton, sie beugte sich vor, sie flüsterte nur, alle waren in Erwartung, nun müßte etwas Ungeheures kommen. ... Eigentlich kam dann aber meistens gar nichts" (Drut 8. Kp., 281, 18 - 26). Diese Differenz zwischen Ausdruck und Ausgedrücktem (Zb 832, 26f.) teilt Peeperkorn mit Drut (Zb 831, 14 - 832, 24; 845, 12f.). (3)

Drut und die Zwergin

Als Drut "das böse Gesicht machte, mit der starken Falte zwischen den Brauen, von der aus allerhand kleine Furchen in die Stirne zogen, und auch unter den Augen, wenn sie blinzelten, um besser zu sehen, da schien sie plötzlich alt, aber auch eher ein alter Zwerg als eine Frau. Und drollig wie ein Zwerg war sie, so risch und rasch dahin, mit ihren zuckenden Bewegungen" (Drut 6. Kp., 226, 20 - 26; 230, 15; 236, 9). Furnian vermutet, Drut gehöre "einer Zwergrasse von Amerikanerinnen" an (Drut 6. Kp., 232, 26). Als sie Schuberts "Leiermann" spielt, lachen Zwerge auf und tanzen (Drut 7. Kp., 258, 28 - 259, 8). Die Baronin erzählt von "Riesen und Zwergen" (Drut 8. Kp., 278, 25).
Beim ersten Frühstück sieht Castorp eine Zwergin "mit einem alten, langen Gesicht" (Zb 68, 32f.). Sie ist "ein sonderbar raschfüßiges Wesen" (Zb 121, 2f.). Peeperkorn "machte der Zwergin Anträge solcher Art, daß das krüppelhafte Wesen sein übergroßes, ältliches Gesicht in grinsende Falten legte" (Zb 865, 1ff.).

 Bahrs Roman hat also "mit dem Märchen auch sonst, ihrer inneren Natur nach, das eine und andre zu schaffen" (Vorsatz: Zb 10, 5f.), wie das folgende Märchen unterstreicht.

Vom "verzauberten Tal" über den "verzauberten Berg" zum "Zauberberg"? (4)

In der Zeitung "Grader Michl" lästert ein Journalist über die kürzlich erfolgte Heirat des Bezirkshauptmanns Klemens Baron Furnian mit Baronin Scharrn:
"So war in diesem Tal bei armen Hirten einstmals auch auch ein fröhlicher junger Jägersmann, der ging einmal im Wald spazieren, und nichts zu suchen, das war sein Sinn. Und wie nun schon alles in dem Tal verzaubert war, so war eben der junge Jägersmann auch verzaubert, und wie er da nun ging, glaubte er plötzlich unter einer Fichte mitten im Wald eine Erscheinung zu sehen. Und weil er eben verzaubert war, wurde er von seinen Augen betrogen und sagte: Ja, was ist denn das unter der Fichte für ein liebes junges Reh? O du armer Jägersmann, hätt´st du doch deine dummen Augen besser aufgemacht! Aber der war halt verzaubert, und so glaubt er heute noch, daß das ein Reh war, was er da gesehen hat. Wenn er aber dereinst, Gott gäb´s, nicht mehr verzaubert sein wird, wird der junge Jägersmann erst sehen, daß es ja gar kein Reh war, sondern eine alte Wildsau" (Drut 12. Kp., 437, 8 - 23). (5)

Domherr und Naphta

Eines der vielen Vorbilder für Naphta ist der Domherr. Drut beschreibt den Domherrn: "Solche Menschen stehen in einem unsichtbaren Kreis, der gleichsam geladen ist, wie mit geheimen, elektrischen Kräften. Wer unvorbereitet eintritt, den trifft der Blitz. Sie haben keinen bösen Willen, aber eine böse Kraft haben sie; man darf ihnen nicht in die Nähe" (Drut 11. Kp., 403, 10 - 14). "Der Domherr ist mir (sc. Drut) unheimlich" (Drut 8. Kp., 284, 25f.).
Naphtas "Augen hinter den Brillengläsern blitzten auf" (Zb 667, 33; 604, 8f.16). Naphtas Brille ist eine "Blitzbrille" (Zb 719, 31).
Der Domherr galt als Jesuit (Drut 4. Kp., 153, 21), Naphta ist Jesuit (Zb 618, 11).
Der Domherr, "der kalte, spöttische, kluge Mann" (Drut 7. Kp., 252, 27), hat ein "römisches Profil" (Drut 253, 14), Naphta eine "gebogene Nase, die sein Gesicht beherrschte" (Zb 563, 2).
Wie Naphta Castorp, so  gibt der Domherr Drut ein Buch: "Der Triumph des wahren Glaubens in allen Jahrhunderten" (Drut 8. Kp., 279, 17ff.). Castorp bekommt "De miseria humanae conditionis" von Innozenz III. (Zb 611, 31ff.; 594, 17 - 595, 5).
Furnian über Vikerls Behandlung durch den Domherrn: "Der Pfaffe quält sie. So machen die sich die Menschen gefügig, das gibt den verprügelten Gehorsam, den sie brauchen" (Drut 11. Kp., 422, 12ff.). Es geht nicht, so Naphta, "ohne heilige Grausamkeit" ab (Zb 688, 3). Es bedarf des "Terrors" (Zb 604, 3 - 6).
Auf der Schneefahrt wird Naphta, der "scharfe kleine Jesuit und Terrorist, der spanische Folter - und Prügelknecht mit seiner Blitzbrille" mit dem "pädagogischen Satana" Settembrini verglichen (Zb 719, 26 - 34). (6)

Eine Anregung für die ökonomischen Diskussionen im "Zauberberg" und  eine "Vorstufe" für Naphtas radikalen Machtanspruch der Kirche stellt die Rede des Domherrn dar:

Der Domherr erzählt von Kardinal Rampolla: "Seine Kraft", sagt er, "die Schärfe seiner Einsichten, die Größe seiner Entwürfe kennt ja niemand! Er hat erkannt, daß die Kirche niemals an irgend eine Form der Gesellschaft gebunden ist. Monarchie oder Republik, Aristokratie oder Demokratie, bürgerliche oder proletarische Vorherrschaft, nach solchen weltlichen Dingen hat sie nicht zu fragen. Mögen sie kommen und gehen, steigen und fallen, was kümmert es sie? Ihr Reich ist nicht von dieser Welt, sondern in dieser Welt das Reich Gottes aufzurichten ist ihr Amt. Wer an der Macht ist, an den hält sie sich, von dem fordert sie, was ihr gebührt. Wird ihr dies aber nur, so kann´s ihr gleich sein, wie sich´s die Menschen sonst einteilen. Da sind ein paar hochmütige Leute, die sich Modernisten nennen, weil sie ein paar Abfälle der Wissenschaft aufgefangen haben; und wissen nicht, daß es ein leidiges Gezänk um Worte, recht ein Streit von Philologen und Doktoren ist. Heute geht´s nicht um den Glauben, es geht um die Macht. Mag sichjeder seine Zweifel und Fragen in seiner Art deuten, wenn er nur fühlt, daß neben den weltlichen Gewalten eine höhere geistige nötig ist, die sich jenen nicht fügt und zu der der mensch flüchten kann, wenn ihn das äußere leben abstößt oder ausstoßt. Abr Rampolla wäre der wahre Modernist, in dem Sinne nämlich, als er die Wirklichkeit hinnimmt, wie sie nun einmal ist, und sich beikommen läßt, unser ewige Kirche an eine Vergangenheit anzunageln, die nur noch in den Wünschen einiger ängstlicher Monarchen lebt. Wirtschaftlich stark zu sein gilt´s heute, wenn es uns ernst ist, das Reich Gottes zu wahren. Alles andere, wie wissenschaftlich es sich auch gehaben mag, ist nur kirchliche Romantik. Haben wir uns einst mit den Königen zurecht gefunden, so müssen wir´s hete mit den Bankiers und schon morgen vielleicht mit den großen Genossenschaften, die die Staaten ablösen werden. Wie sich´s die Menschen einrichten, danach haben wir nicht zu fragen, sondern nur darüber zu wachen, daß in allen Einrichtungen der Menschen immer unser Reich bestehen bleibe" (Drut 7. Kp., 255, 17 - 256, 26). (7)

Naphta gibt sich nicht mit einer Trittbrettfahrerrolle der Kirche oder einer wirtschaftlichen Machtposition zufrieden: "daß die Kirche als Verkörperung der religiös-asketischen Idee, im Innersten wei entfernt, Parteigängerin und Stütze dessen zu sein, was bestehen wolle, der weltlichen Bildung also, der staatlichen Rechtsordnungen, vielmehr von jeher den radikalsten, den Umsturz mit Stumpf und Stil auf ihre Fahne geschrieben habe; daß schlechthin alles, was sich bewahrenswert dünke und von den Matten, den Feigen, den Konservativen, den Bürgern zu bewahren versucht werde: Staat und Familie, weltliche Kunst und Wissenschaft - sich immer nur in bewußtem oder unbewußtem Widerspruch zur religiösen Idee gehalten habe, zur Kirche, deren eingeborene Tendenz und unverbrüchliches Ziel die Auflösung aller bestehenden weltlichen Ordnungen und die Neugestaltng der Gesellschaft nach dem Vorbilde des idealen, des kommunstischen Gottesstaates sei" (Zb 888, 9 - 23). (8)

Furnian und Castorp
 Klemens Baron Furnian, der neuernannte junge Bezirkshauptmann, setzt sich während eines ersten Spaziergangs durch die Gegend auf eine Bank und sinniert über seine Vergangenheit, insbesondere über den angeschlagenen Ruf seiner Familie und sein Verhältnis zu Minister Döltsch (Drut 1. Kp., 19, 11 - 33, 20). Dabei streckt er sich auch auf der Bank aus (Drut 21, 20f.). "Und manchmal, wenn er dort auf der Bank unterm Walde saß oder heimkehrend, zu den paar weißen Häusern im Winkel dort sah, sagte er ganz verwundert vor sich hon: "Das also ist der Sommer"!...Und er war von seligem Staunen und tiefer Dankbarkeit voll. Und er sagte sich: Regieren kann man auch im Herbst noch" (Drut 4. Kp., 136, 25 - 137, 4).
Castorp "hatte ein sonderbares Wort für diese seine verantwortliche Gedankenbeschäftigung  am malerischen Ort (sc. auf der "Bank": Zb 585, 1f.24f.) seiner Zurückgezogenheit: er nannte sie >> Regieren<<, - gebrauchte dies Spiel- und Knabenwort, diesen Kinderausdruck dafür, als für eine Unterhaltung, die er liebte" (Zb 589, 15 - 19). Die Verbindung "Bank" und "Regieren" ist also schon bei Bahr angelegt. (9)

Dichterwettstreit (Drut 3. Kp., 90ff.)
Der Apotheker Jautz, der mit dem Postverwalter Wiesinger im Dichterwettstreit steht, macht auf das momentan zerstrittene Ehepaar Wiesinger beim Stammtisch das kleine Gedicht:
"O wie wunderschön,
Hier der Ehe
Wohl und Wehe
An dem Tisch zu seh´n!" (Drut 3. Kp., 107, 25 - 28)
Zu vergleichen ist hier das sarkastische Gedichtchen Settembrinis am Fasching auf mögliche eheliche Verbindungen (Zb 493, 24 - 27), insbesondere nach dem Hinweis des Erzählers auf die "volle, hochbetonte und blendende Nacktheit dieser (sc. Chauchats) herrlichen Glieder eines giftkranken Organismus" (Zb 493, 17ff.):

"Gesellschaft, wie man wünschen kann.
Wahrhaftig, lauter Bräute!
Und Junggesellen Mann für Mann,
Die hoffnungsvollsten Leute!"

Invektiven
Sich über die (vermeintliche) Vielzahl von Juden an Kurorten zu mokieren ist Allgemeinplatz zur damaligen Zeit. (10) So auch bei Bahr: Klauer (ehemaliger Minister) deutet auf Dr. Tewes und erklärt Klemens Furnian:" Das ist die israelitische Bevölkerung von hier". Da fiel ihm aber noch ein zweiter Witz ein und wieder rasselnd und prasselnd von Lachen, sagte er: " Nämlich jetzt! In drei Wochen ist die Herrlichkeit aus. Nämlich neun Monate ist er die israelitische Bevölkerung von hier, er ganz allein. Aber dann auf einmal, so um Ende Juni herum, da fängt er sich entsetzlich zu vermehren an! O je, o je!" (Drut 1. Kp., 48, 14 - 21).
Bekanntlich kommt es im "Zauberberg" darüber zur tätlichen Auseinandersetzung zwischen Wiedemann und Sonnenschein (Zb 1036, 32 - 1039, 5). (10)

Der jüdische Arzt Dr. Tewes wird nach üblichen Klischees beschrieben: "Der große graue Kopf des Arztes mit den unrihigen Augen, der gemeinen Nase und den zerquälten Zügen, wirklich von einer sokratischen Häßlichkeit..." (Drut 1. Kp., 80, 21ff.). Bekanntlich ist auch Naphta von "ätzender Häßlichkeit" (Zb 562, 33f.). Dr. Tewes wird als "Anarchist" (Drut 1. Kp., 54, 2; 15. Kp., 526, 1), auch als "platonischer Anarchist" (Drut 1. Kp., 55, 9) bezeichnet, als "roter Doktor" (Drut 1. Kp., 46, 25; 11. Kp., 528, 8f.), als "jüdischer Sokrates" (Drut 1. Kp., 56, 1). Im Gespräch mit Drut bringt Dr. Tewes seinen Unmut mit der Floskel "Menschenskind! Menschenskind!" zum Ausdruck (Drut 9. Kp., 324, 1f.), also mit einem Lieblingswort der Oberin von Mylendonk (Zb 253, 27f.; 254, 1.31; 255, 28; 257, 4.12).

Druts Ohren (Drut 7. Kp., 261, 7f.; 8. Kp., 284, 4 - 13; 10. Kp., 362, 23 - 363, 3; 11. Kp., 389, 26ff.) und ihre gelben Schuhe (Drut 6. Kp., 238, 8) vermitteln den jüdischen Hintergrund. Sie konvertiert wie Naphta zum Katholizismus (Drut 7. Kp., 245, 9f.; 11. Kp. 398, 22 - 26; Zb 669, 19 - 27).

Musik 

I. 
Vikerl singt, Drut begleitet sie am Klavier (Drut 7. Kp., 257, 24 - 260, 5). "So hatte sie dreimal das Lied von dem Tod und dem Mädchen wiederholt und gar den Leiermann wollte sie nun nicht enden, als würde sie gleichsam in den weichen Armen dieser müden und eintönigen Klagen eingewiegt" (Drut 258, 13 - 17; auch 4. Kp., 152, 26f.). Vikerl will nicht aufhören, der Domherr bricht ab. Drut spielt den "Leiermann" weiter.
Franz Schubert steht also im Zentrum und wird nicht nur im musikalischen Teil erwähnt: Selbst der Stammtischbruder Wiesinger nuss Schubert ähnlich sehen (Drut 12. Kp., 441, 15 - 18).

Wie verfährt Thomas Mann mit diesem Material aus "Drut"?
1.  Auf die Verwendung des Liedes "Der Tod und das Mädchen" verzichtet er angesichts der Überfülle von Hinweisen auf Sterben und Tod im "Zauberberg".
2.  Thomas Mann ersetzt den "Tod und das Mädchen": Ferdinand Wehsal spielt dreimal hintereinander den >>Hochzeitsmarsch<< aus dem >>Sommernachtstraum<< (Zb 130, 28 - 34). Bedenkt man, dass der Hochzeitsmarsch lungenkranken Frauen vorgespielt wird von einem Pianisten, der zwar nicht "Kreißsaal" heißt, aber "Wehsal" und massive eigene Probleme hat, spürt man den Sarkasmus Thomas Manns. (11)
3.  Der "Leiermann" hätte das Lebensgefühl Castorps illustrieren können: "Und er läßt es gehen, alles , wie es will" (Drut 7. Kp., 259, 4f.; etwa Zb 55, 1ff.).  Vielleicht will Thomas Mann eine solche aufdringliche Verdoppelung nicht in Szene setzen und nur über die Bezeichnung Settembrinis als "Drehorgelmann" an dieses Lied erinnern (Zb 89, 5; 131, 16; 141, 13; 228, 5; 304, 14f.).
 




 

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