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Beitrag 97 - Teil 2
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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten
Anregungen
Anregungen


         Spuren im "Zauberberg": Augustinus, Confessiones (um 400) / Begierden-Triade

Thomas Mann charakterisiert Hans Castorp so: "Der Held jenes Zeitromans war nur scheinbar der freundliche junge Mann, Hans Castorp, auf dessen verschmitzte Unschuld die ganze Dialektik von Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit, Freiheit und Frömmigkeit pädagogisch hereinbricht: in Wirklichkeit war es der homo dei, der Mensch selbst mit seiner religiösen Frage nach sich selbst, nach seinem Woher und Wohin; seinem Wesen und Ziel, nach seiner Stellung im All; dem Geheimnis seiner Existenz, der ewigen Rätsel - Aufgabe der Humanität". (1)
Dieses Zitats könnte auch eine Inhaltsangabe der Augustinischen "confessiones"sein. (2) Augustinus wird im "Zauberberg" namentlich genannt (Zb 599, 19f.). Dualismen (wie Gott/Welt, Leib/Seele, Stoff/Form) begegnen dem Leser  bei Augustinus thematisch. Augustinus kennzeichnet mehrfach seinen seelischen Zustand nach demTode seines Freundes Nebridius: "Ich war mir selbst ein großes Rätsel geworden" (conf. IV, 9: factus eram ipse mihi magna quaestio. (3) Er ist ein " homo Dei" (homo desiderium dei). (4) Weitere Parallelen fallen sofort ins Auge: Augustinus liebt in seiner Jugend "die Freiheit des Ausreißers" (conf. III, 5:amans fugitivam libertatem) - vor Gott. Beinahe ist er entschlossen, mit Freunden "fernab von den Unruhen ein Leben in Muße zu führen" (conf. VI, 24: remoti a turbis otiose vivere). Im "Zauberberg" macht die Krankheit frei (Zb 535, 15) und das väterliche Erbe (Zb 586, 28 - 31; 247, 15ff.). Selbst die Alternative "ziviler" Beruf (Castorp) - Soldat (Ziemßen) ist in den "confessiones" zu finden: Der eine will zum Militär, der andere nicht (conf. X, 31; Zb 56, 5 - 15).
Näher behandelt werden soll hier die sog. "Begierden-Triade" im Buch X der "confessiones", insbesondere die "curiositas" (Neugier).

                                                 Die "Begierden-Triade" (5)
Gefährdet ist der Mensch durch die Begierde des Fleisches (A), der Augen (B) und des weltlichen Ehrgeizes (C).
Auch Castorp wird in einen religiösen Rahmen gestellt, als "sündiges Sorgenkind" und "Sünder" bezeichnet (Zb 1079, 9f. 13). Der Zauberberg ist ein "Sündenberg" (Zb 1079, 16). Thomas Mann benützt die "Begierden-Triade" mit den Augustinischen Beispielen als kompositorisches Gerüst.

.A.  Begierde des Fleisches (concupiscentia carnis) zeigt sich für Augustinus in fünffacher Form:
I.  Sexuelle Begierde: Augustinus beschäftigt sich mit erotischen Träumen (conf. X, 41, 42: lascivos motus ... mei soporis). Er bedauert, dass seine (späte) Enthaltsamkeit dadurch nicht durchzuhalten sei. Castorp durchdringt im Traume ein "Gefühl von wüster Süßigkeit" (Zb 142, 8), als er die Hand Chauchats küsst.
Eine Ehe kann nach Augustinus die wilden Leidenschaften auffangen und dient dem gottgewollten Ziel für Nachkommen zu sorgen (conf.II, 3). Augustinus ist kein besonderer Freund der Ehe, sondern sieht sich vielmehr als Sklave der Lust (conf. VI, 25: non amator coniugii sed libidinis servus eram; auch VIII, 2). Nur die Furcht vor Tod und Gericht bewahrt Augustinus davor, noch tiefer "im Strudel körpergebundener Begierden" zu versinken (conf. VI, 26: revocabat a profundiore voluptatum carnalium gurgite). Naphta ordnet die Ehe entsprechend ein: "Auch von dem priesterlich feinen Begriff der Indulgenz habe er (sc. Settembrini) folglich nie gehört, unter den sogar ein Sakrament, nämlich das der Ehe falle, welches gar kein positives Gut, gleich den anderen Sakramenten, sondern nur ein Schutz gegen die Sünde sei, verliehen einzig zur Einschränkung der sinnlichen Begierde und der Unmäßigkeit, so daß das asketische Prinzip, das Keuschheitsideal sich darin behaupte, ohne daß dem Fleische mit unpolitischer Schärfe entgegengetreten werde" (Zb 891, 17 - 25). Auch der Gedanke an Nachkommen wird aufgenommen: Obwohl die Frauen auf dem Zauberberg wohl keine Kinder mehr bekommen können, schmücken sie sich (Zb 197,19 - 198, 13).
Beim Schauspiel hat Augustinus eine Leidenschaft für "oberflächlichen" Schmerz, der Geschwüre zur Folge hat, wie wenn man sich mit den Nägeln kratzt (conf. III, 4: quasi ungues scalpentium fervidus tumor et tabes et sanies horrida consequebatur). Unter fleischlichen Begierden kann entsprechend das "Kratzen" von Frau Stöhr subsumiert werden: "Das seien kostenfreie Genüsse des Lebens, wie beispielsweise auch noch, sich im Frühling die Frostbeulen zu kratzen, wenn sie so süßlich juckten, - sich so recht innig und grausam zu kratzen bis aufs Blut in Wut und Vergnügen, und wenn man zufällig in den Spiegel sähe dabei, dann sähe man eine Teufelsfratze" (Zb 264,10 - 15).

II.  Essen und Trinken (conf. X, 43 - 47): negotium voluptatis, concupiscentia ventris): Die Mahlzeiten auf dem Berghof sind opulent und werden im Roman ausführlich gewürdigt. Nach Augustinus soll um der "Selbsterhaltung" willen gegessen werden (conf. X, 44). Castorp ("Brotsack"!) "war gewohnt, viel zu essen, auch wenn er keinen Hunger hatte, und zwar aus Selbstachtung" (Zb 27, 11f.). Bei Fritz Rotbein beschleunigen "heimische Leckerbissen" den Tod (Zb 165, 19 - 25). Auf Augustinus lässt sich sich auch die Betonung der "Milch" im "Zauberberg" zurückführen. (6) Als Säugling empfängt er die Tröstungen der Muttermilch (conf. I, 7: consolationes lactis humani). Augustinus bezeichnet sich als Wesen, das Gottes Milch saugt (conf. IV, 1: "sugens lac tuum"). Die Weisheit Gottes wird zur Milch (conf. XIII, 23. 32). Das Landgut des Verecundus, Rückzugsort für Augustinus, liegt auf einem "milchfließendem Berg" (conf. IX, 5: in monte incaseato). Castorp war "namentlich" (Brotsack!) darin "echt, daß er gern gut lebte,ja, ...innig und fest, wie ein schwelgerischer Säugling an der Mutterbrust, an des Lebens derben Genüssen hing" (Zb 51, 27 - 30).

III. Wohlgerüche (conf. X, 48: inlecebra odorum): "Verlockungen durch Wohlgerüche" sind für Augustinus kein großes Problem. Im Zusammenhang mit dem "Genuss Gottes" (conf. VII, 23: frui deo meo) spricht er vom Duft einer Speise, die er noch nicht essen konnte (conf. VII, 23:quasi olefacta desiderantem, quae comedere nondum possem). Für Thomas Mann könnte dieses "Laster" Anregung gewesen sein, überhaupt Gerüche im Roman einzuführen. Das Taschentüchlein Marusjas strömt ein Apfelsinenparfüm aus (Zb 116, 1f.). Auf die "eigentümlich zähe Ausdünstung" beim Leichnam des Großvaters und den "Duft der Tuberosen" wird hingewiesen (Zb 47,30 - 48, 4; auch 814, 5f.). Neugierig atmet Castorp die Höhenluft ein (Zb 19, 22f.:  "Sie entbehrte des Duftes ..."). Rauchwaren im "Zauberberg" kann man dazurechnen. (7)

IV.  Vergnügen der Ohren (conf. X, 49 - 50: voluptates aurium): Castorp hört Schallplatten ("Fülle des Wohllauts": Zb 963, 25 - 990, 22). Musik kann nach Augustinus den Verstand verdrängen (conf.X, 49: delectatio carnis meae ... ducere conatur). Bei der Entscheidung Castorps, an der Totenbeschwörung teilzunehmen, gibt die Musik den Ausschlag (Zb 1016, 5 - 8). (8)

V.  Lust der Augen (conf. X, 51 - 53: voluptas oculorum): Beispiel bei Augustinus ist der Besuch der Gladiatorenspiele und des Theaters (conf. I, 16; III, 16). Im Bioskop-Theater war Frau Stöhrs "ungebildetes Gesicht ... im Genuss verzerrt" (Zb 480, 17). Obwohl Castorp nur das Husten des Hofreiters gehört hat, wird diese gewöhnliche sinnliche Erfahrung zum Genuss der Augen: Seine Augen haben einen "erregten Glanz" (Zb 255, 33f.). (9)



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