Inhaltsverzeichnis
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Beitrag 97 - Teil 2
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Figuren: Albin - Buligin
Castorp
Castorp
Castorp
Castorp - Chauchat
Chinese - Holger
Holländer - Miklosich
Mylendonk - Paravant
Peeperkorn - Schweizer
Settembrini - Sohn
Stöhr - Zimmermann
Ziemßen
Kollektivbezeichnungen
und Statisten
Anregungen
Anregungen


B.  Neugier (curiositas, concupiscentia oculorum)
I.  Einfache Formen der Neugier
Der Ursprung menschlicher Neugier liegt nach Augustinus im Sündenfall (conf. XIII, 28: genus humanum profunde curiosum). (10) Die Neugier muss als Laster begrenzt werden. Augustinus kennt eine freie Neugier (libera curiositas). Sie erreicht beim Lernen viel mehr als Zwang, "aber der dient dazu, den freien Lauf der Wissbegier zu bindcen an deine Gesetze, Gott ..." / Sed illius fluxum haec (sc. vis) restringit legibus tuis, deus ... (conf. I, 23; II, 13). Mit der "Neugier des Bildungsreisenden" (Zb 859, 29; 893, 33; 1034, 11f.) interessiert sich Castorp für Botanik (Zb 550, 8f.; 557),  Anatomie (Zb 415), Gestirne (Zb 558ff.), die jeweiligen Gesprächsthemen.
Für die "alltägliche" Neugier (conf. X, 57: curiositas cotidie nostra) bringt Augustinus das Beispiel: "Täglich hören wir uns leeres Geschwätz an. Zuerst dulden wir es nur, um schwache Menschen nicht zu verletzen, aber dann hören wir allmählich gern zu" / Quotiens narrantes inania primo quasi toleramus, ne offendamus infirmos, deinde paulatim libenter advertimus (conf. X, 57).Die Krankenschwester Bertha "von protestantischer Konfession" treibt sich auf dem Korridor herum, "neugierig und von Langerweile beunruhigt und belastet" (Zb 22,13f.). Castorp und Ziemßen bleiben "aus Erbarmen" bei ihr stehen (Zb 165, 5f.). Das Motiv der Neugier zieht sich durch den ganzen "Zauberberg". Schon beim ersten Zusammentreffen Settembrinis mit Castorp ist von Neugier die Rede: "Sie sehen, wir legen unserer Neugier keine Fesseln an. Auch die Neugier rechnen wir zu unseren Vorrechten" (Zb 91, 31ff.). Castorp ist neugierig auf die Bilder von Behrens, im Grunde nur auf das Porträt Chauchats (Zb 387, 11;388, 32; 389 - 393). Auf dem Friedhof blicken Castorp und Ziemßen " mit gleichzeitiger Neugier von den Seiten verstohlen in Karen Karstedts Miene" (Zb 488, 1f.).

II.  Theoretische Neugier (curiosa cupiditas experiendi)
Außer der fleischlichen Lust (concupiscentia carnis) gibt es nach Augustinus eine noch gefährlichere: die curiosa cupiditas. Im sog. "Neugierdekapitel" (conf. X, 54 - 57) weist Augustin auf die Gefahren einer solchen ungezügelten Neugier hin und fordert ihre Begrenzung .Sie "giert aus innerer Leere danach, mit dem Fleisch (sc. mit den Sinnesorganen) immer neue Erfahrungen zu machen und bemäntelt sie mit den Namen >Erkenntnis<. und >Wissenschaft<" / experiendi per carnem vana et curiosa cupiditas nomine cognitionis et scientiae palliata (conf. X, 54). Sie betätigt die Sinne, insbesondere die Augen, "um etwaqs auszuprobieren und um etwas kennenzulernen" / experiendi noscendique libidine (conf. X, 55). "Wegen dieser kranken Wissgier stellt man in Theaterstücken Sensationen dar. Sie bewegt die Menschen, die Geheimnisse der außermenschlichen Natur zu erforschen. Deren Kenntnis ist völlig unnütz, aber die Menschen wollen Wissen um seiner selbst willen. Aus diesem abartigen Wissensdurst wenden manche sich sogar der Magie zu". / ex hoc morbo cupiditatis in spectaculis exhibentur quaeque miracula. Hinc ad perscrutanda naturae, quae praeter nos est, operta proceditur, quae scire nihil prodest et nihil aliud quam scire homines cupiunt. Hinc etiam si quid eodem perversae scientiae fine per artes magicas quaeritur. (conf. X, 55).
"Gewiss, Schauspiele reißen mich nicht mehr hin; die Kenntnis der Sternenbahnen ist mir gleichgültig. Niemals hat meine Seele von Totenbeschwörung irgendwelche Antworten erwartet. Alle gotteslästerliche Rituale verabscheue ich" / sane me iam theatra non rapiunt, nec curo nosse transitus siderum, nec anima mea umquam responsa quaesivit umbrarum (conf. X, 56).
Die Methode wird bestimmt durch "religiose quaerere" (conf. V, 4) und "pie quaerere" (conf. V, 5;VIII, 17), ebenso wie die Forschungsgegenstände. Nach Augustinus ist die Frömmigkeit Weisheit /ecce pietas est sapientia (conf. V, 8).
Augustinus fordert also die Einhaltung der Grenze zwischen menschlicher und außermenschlicher (göttlicher) Sphäre, sowohl hinsichtlich der Methode als auch des Gegenstandes. Experimente bedeuten für Augustinus über das hinauszugehen, was Gott "offenbart". Verkürzt zur Parole  "beten statt forschen" wurde Augustinus vorgeworfen, die empirische Naturforschung und den technischen Fortschritt im "christlichen" Abendland jahrhundertelang behindert zu haben. (11)

Das Problem des "frömmigkeitsfeindlichen Fortschritts" (Zb 236, 15) wird im "Zauberberg" beleuchtet:

Dr. Kokowski vertritt die "rücksichtslose Neugierde" der Neuzeit (12). Er begrüßt den zur "Séance wiedergekommenen Castorp mit den Worten: "Wer wird die Ohren hängen lassen? Hier gibt es nicht Duckmäusertum noch Frömmelei, sondern einzig die männliche Heiterkeit vorurteilsloser Forschung!" (Zb 1017, 23ff.). Dr. Krokowski hat keine Bedenken, Ellen Brand auf den "Marterstuhl" zu setzen (Zb 1029, 14).
Naphta trägt die kirchliche Wissenschaftslehre vor. Anlässlich des Besuchs von Castorp und Ziemßen in Naphtas Wohnung weist er auf Augustinus namentlich hin: "Guter Freund, es gibt keine reine Erkenntnis. Die Rechtmäßigkeit der kirchlichen Wissenschaftslehre, die sich in Augustins Satz >>Ich glaube, damit ich erkenne<< zusammenfassen läßt, ist völlig unbestreitbar. Der Glaube ist das Organ der Erkenntnis und der Intellekt sekundär. Ihre voraussetzungslose Wissenschaft ist eine Mythe. Ein Glaube, eine Weltanschauung, eine Idee, kurz ein Wille ist regelmäßig vorhanden, und Sache der Vernunft ist es, ihn zu erörtern, ihn zu beweisen" (Zb 599, 18 - 25).
Settembrini nimmt eine vermittelnde Position ein: "Placet experiri" nur, "wenn es sich dabei um die respektable Leidenschaft der Welterprobung handelt und nicht um Liederlichkeit" (Zb 539, 14f.; auch Zb 997, 23f.). (13) Entsprechend negativ reagiert er auf die Erzählung Castorps von dem Erlebnis mit dem "spirit Holger" (Zb 1010, 27 - 32; 1011, 15 - 32).  Wie eine Antwort auf den augustinischen  Lastervorwurf (curiosa cupiditas experiendi) hört sich das lateinische "placet experiri" Settembrinis an.
Castorps "Sittlichkeit fiel nachgerade mit seiner Neugierde zusammen, hatte das wohl eigentlich immer getan: mit der unbedingten Neugier des Bildungsreisenden ... (Zb 997, 24 - 27). Er lässt die "Dinge an sich herankommen" (Zb 239, 24ff.). "Quietismus" ist auch für Castorp nicht das falsche Stichwort (Zb 635, 27ff.). 


III. Castorps Weg zur Totenbeschwörung

"Der >Zauberberg<. ist weitgehend noch ein romantisches Buch, ein Buch der Sympathie mit dem Tode" (Thomas Mann 1940). (14) Der Ausdruck "Sympathie mit dem Tode" findet sich in Zusammenhang mit Schuberts Lied "Am Brunnen vor dem Tore" (Zb 970, 30ff.; 985, 28 - 990, 21). (15) Der Kulminationspunkt dieser Sympathie liegt im Experiment der Totenbeschwörung.
Die Entwicklungsstufen Castorps hin zur Beschwörung des toten Joachims sollen aufgeführt werden.
1.  Eindruck der Taufschale auf den Knaben (Zb 38, 28 - 39, 14; 587, 22).
2.  Durch die Todesfälle in der Familie gewinnt der junge Castorp "das Gefühl und den Ausdruck erfahrener Kennerschaft" (Zb 46, 4f.). Die "frühe und wiederholte Berührung mit dem Tode" zeitigt "eine Grundstimmung des Gemütes" gegen die Welt (Settembrini über Castorp: Zb 304, 1f.).
3.  Castorp hat schon früher "von Dingen der geheimen Natur oder Übernatur" (quae praeter nos est) erfahren, auch durch eine "seherische Urtante" (Zb 997, 4), die den baldigen Tod von Leuten vorhersah (Zb 332, 8 - 13; 333, 15).
4.  Beim Husten des Herrenreiters bekommen die Augen Castorps einen "erregten Glanz" (Zb 25, 33f.). Obwohl Castorp den Hofreiter nur gehört hat, wird diese sinnliche Erfahrung zum Genuss der Augen, geradezu zum Selbstgenuss gesteigert.
5.  Der Besuch des toten Herrenreiters "tut gut" (Zb 448, 2 - 5). Motiv für die Besuche der moribundi ist u.a. "medizinisches Interesse" (Zb 448, 31 - 449, 10).
6.  Seiner Ansicht nach hätte Castorp auch Arzt (Zb 398, 22; 402, 32) oder Geistlicher (Zb 168,23ff.; 282, 29ff.; 398, 28; 571, 6ff.) werden können, Berufe also, die eine besondere Nähe zum Tod auszeichnet.
7.  Eine Vorstufe der späteren Totenbeschwörung ist die "Beschwörung" Joachims beim Röntgen im Laboratorium (Zb 330, 9). Als "Mitspäher" neben Behrens betrachtet Castorp "Joachims Grabesgestalt und Totenbein" (Zb 332, 15f.). Zweifel an der "Erlaubtheit seines Schauens" (Zb 332, 32f.; auch 770, 22 - 25) befallen Castorp, aber der Gedanke daran, dass dies "auf Veranstaltung der physikalisch - optischen Wissenschaft" (Zb 332, 15f.) und mit Zustimmung Joachims (Zb 332, 17; 330, 27; 331, 33) stattfindet, lässt alles "mit rechten Dingen" zugehen (Zb 332, 16f.). Doch " die zerrende Lust der Indiskretion mischte sich in seiner Brust mit Gefühlen der Rührung und Frömmigkeit" (Zb 332, 24f.).
8.  Castorp willigt ein, an einem "spiritistischen Gesellschaftsspiel, einem Glasrücken" teilzunehmen (Zb 1000, 19ff.). Die Technik der Séance (etwa Zb 1002, 5 - 12) erinnert an Augustinu (conf. VII, 7): per artes magicas; responsa ... umbrarum; male quaerere. Es ist eine "Neugier, die das Gefühl ihrer höheren Hoffnungslosigkeit in sich selbst trug, das heißt: das Bewußtsein der geistigen Unzulänglichkeit des Gebietes, wonach sie tastete, und daher der Zweifel, ob sie nur müßig oder auch sündig sei, was sie aber nucht hinderte, zu bleiben, was sie war, nämlich Neugier" (Zb 996, 30 - 997, 2). (16)  Nach der Sitzung ist seine Neugier zunächst gestillt: "Holgers Gedicht war ja im Augenblick nicht übel gewesen, aber die vorausgeahnte Hoffnungslosigkeit und Abgeschmacktheit des Ganzen hatte sich ihm doch so unverkennbar aufgedrängt, daß es, so dachte er, bei diesen wenigen Flocken Höllenfeuers, die ihn angestoben, sein Bewenden haben mochte" (Zb 1010, 22 - 27; 1009, 21). (17)9.  Castorp ändert seinen Entschluss unter dem Einfluss der Teilnehmer und der Musik: Er nimmt an der Totenbeschwörung teil (Zb 1015, 7 - 1016, 29).  >> Müßig und sündig oder nicht, es wäre doch  herzlich seltsam und ein sehr liebes Abenteuer. (18) Er, wenn er damit zu tun hat, wird es nicht übelnehmen, wie ich ihn kenne .<< (Zb 1016, 18ff.). Wie eine Einwilligung zur Totenbeschwörung fasst Castorp das "Bitte, bitte" Ziemßens im Röntgenlabor von Behrens auf (Zb 330, 27; 331, 33; 332, 17; 1016, 21; 1025, 1). Dieser Hinweis auf die Einwilligung Joachims und das Röntgenbild Chauchats, das überraschend auf Castorps Knien liegt (Zb 1109, 28 - 1010, 2), verklammert die Totenbeschwörung mit der Episode im Röntgenlabor (auch Zb 1021, 28 - 33). Später bittet Castorp seinen Vetter um Verzeihung (Zb 1033, 22).  





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